28.01.1077 - Der Gang nach Canossa

Hier geht es um geschichtliche Ereignisse aus verschiedenen Epochen und Gebieten. Jeder ist eingeladen, die Geschichte hier lebendig zu machen und mit seinem Wissen beitzutragen.

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28.01.1077 - Der Gang nach Canossa

Beitragvon Flinkhand » 28.01.2006, 10:04

Hallo zusammen,

aus der Kategorie "Schon gewußt" haben wir für heute zwei historische Ereignisse, von denen zumindest eines zum weiteren Austausch einläd.

Auch wenn heute ebenfalls der Todestag Karls des Großen (Anno Domoni 814) ist, gibt es hierzu vielleicht nicht so viel zu berichten, wie zum sog. "Gang nach Canossa". Hier eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse:

König Heinrich IV., Sohn Heinrichs III. aus dem Hause der Salier, hatte ziemliche Probleme mit Papst Gregor VII. Es ging dabei um den Investiturstreit, was nichts anderes bedeutete als die Frage, wer die kirchlichen Ämter und Territorien neu besetzen durfte: Kirche oder Lehnsherr. Auf der einen Seite steht der König als oberster Lehnsherr für seinen Machtbereich, auf der anderen Seite der Papst für seine kirchlichen Befugnisse als Vertreter Gottes auf Erden.

Heinrich und Gregor beanspruchten beide dieses Recht für sich. Heinrich vergab im Jahre 1075 das Mailänder Bistum als Lehnsherr des Mailänder Bischofs neu, was Gregor nun gar nicht paßte, weil er selbst auf das Recht pochte, einen neuen Bischof einzusetzen. Heinrich erklärte außerdem die Unrechtmäßigkeit des Papsttitels für Gregor VII., weil er als König auf sein Mitspracherecht bei der Papstwahl pochte, und erklärte Gregor für abgesetzt.

Daraufhin verhängte Gregor den Kirchenbann über Heinrich IV. Das heißt, Heinrich wurde exkommuniziert und der Papst sprach ihm die Königswürde ab.

Somit war Heinrich erstmal vogelfrei, denn der Papst verstand sich trotz der Absetzung durch Heinrich weiterhin als Papst. Als Vogelfreier war es für Heinrich natürlich extrem schwierig, seine Machtposition zu halten (schließlich befinden wir uns im christlichen Europa des 11. Jahrhunderts).

Deshalb mußte Heinrich den Weg nach Canossa einschlagen, wo sich der Papst zu diesem Zeitpunkt befand, und harrte vom 25. bis zum 27. Januar 1077 vor den Toren Canossas als Büßer aus, bis Gregor VII. am 28. Januar hauptsächlich auf Vermittlung der Burginhaberin, Markgräfin Mathilde von Tuszien, den Kirchenbann aufhob.

Wenn jemand denkt, der Streit sei damit gegessen gewesen, der hat sich getäuscht. Gregor hob zwar den Bann auf, akzeptierte aber nicht mehr die Königswürde Heinrichs sondern setzte mit Hilfe einiger deutscher Fürsten den Schwabenherzog Rudolf von Rheinfelden als Gegenkönig ein.

Drei Jahre später setzte Heinrich erneut den Papst ab, und Wibert von Ravenna wurde als Clemens III. zum Gegenpapst gewählt.

Und - Zack - gab es auf einmal zwei Päpste und zwei Könige. Damit nicht genug setzte Gegenpapst Clemens III. Heinrich IV. als Kaiser ein.

Also alles in Allem ein ziemlicher Schlamassel.
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Beitragvon Knappe » 28.01.2006, 12:12

Habe mal irgendwo gehört, dass Heinrichs Gang nach Canossa eigentlich ein nicht dummer Schachzug war, weil dadurch der Papst praktisch gezwungen war, den Bann aufzuheben.

Ansonsten hatten sich doch Papst und Kaiser fast immer in den Haaren - da war doch Kirchenbann schon fast Routine :biggrin:

Naja ist ja nicht verwunderlich, wenn der Kaiser beansprucht, von Gottes Gnaden zu sein und der Papst weltlich mitmischen will. - Wer hat also mehr zu sagen? Papst oder Kaiser? - Dass es da zu Konflikten kommen muss, ist nur logisch.
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Beitragvon Flinkhand » 28.01.2006, 15:31

Da hast du recht Knappe, es war gar nicht dumm von Heinrich, vor Canossa Buße zu tun. Da konnte Gregor dann nämlich wirklich nicht anders, als ihn wieder in die Kirche aufzunehmen (siehe "der verlorene Sohn" usw.) Vergebung gehört nun mal zum Christentum, und da kommt auch ein Papst nicht drum herum - auch wenn es ihm politisch gesehen total gegen den Strich geht.

Und vom Kirchenbann befreit kann Heinrich nun in aller Ruhe seine politischen Fäden wieder gegen den Papst ziehen. Auf der anderen Seite heißt das aber auch, daß sich der König dem Papst unterworfen hat, was seine Machtposition in der Frage des Investiturstreits erheblich schwächt.

Diese ganze Situation hat ja schließlich dazu geführt, daß es später einen Papst in Rom und einen in Avignon gab - Es wurde schließlich Gang und Gäbe Gegenpäpste und Gegenkönige zu ernennen, weil es einfach keine eindeutige Reglementierung gab, wer eigentlich wozu befugt war und wer nicht. Wie gesagt, ein ziemlicher Schlamassel :wacky:
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