Ethik der Archäologie

Hier geht es um geschichtliche Ereignisse aus verschiedenen Epochen und Gebieten. Jeder ist eingeladen, die Geschichte hier lebendig zu machen und mit seinem Wissen beitzutragen.

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Beitragvon nontox » 29.03.2006, 21:36

Halvor hat geschrieben:Religion hat den Fortschritt so oft behindert, dass es erschreckend ist. Wahrscheinlich hätten wir den Sputnik ohne brennende Scheiterhaufen 300 Jahre früher hingekriegt.


Der "Herr Religion" war's - ja wer denn nun,
— waren es die vielen einfachen Menschen, deren Angst sich auch darin geäußert hat, dass sie Fremdem und Fremdem erstmal feindlich begegnen? Das ist übrigens kein religiöses Phänomen, sondern unabhängig davon weit verbreitet.
— die Meinungsführer, die sich diese Angst zu Nutze gemacht haben, um ihre schwindende Relevanz zu retten?
— oder die Religiosität, die Menschen in ihrer einfachen Struktur "gefesselt" hat? — die Menschen hätten sich somit selbst gefesselt...
— war es etwa nur die christliche Religion, oder siehst Du andere Religionen als ähnlich behindernd an?

Deine Positionen sind mir zu pauschal. Wenn Du das etwas differenzieren könntest, wäre mir - und vielleicht auch den anderen Lesern unseres launigen Dialogs, geholfen.
Dass Du nicht religiös bist, spielt dabei keine Rolle, nur Deine Frontstellung gegen Religion hat sowas unwissenschaftliches, das irritiert mich etwas - Bist Du am Ende doch gläubig? ;-)

Übrigens sind wir m.E. nicht OT, da es ja bei Ethik immer um Werte und Normen geht, und die sind, wenn wir über Gräber und Leichenteile reden, immer auch religiöser Natur. Also sind wir genau da, wo der Kern der Frage sitzt.

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Beitragvon Halvor » 29.03.2006, 22:53

Das ist aber letztendlich ein ziemlich komplexes Thema, das Du hier ansprichst. Faktoren wie Angst des Menschen vor Fremdem, Machterhalt religiöser Führer, Fesselung in religösen Denkstrukturen u. ä. verstärken sich gegenseitig.

Inwiefern Dir meine Position aus den vorherigen Beiträgen zu pauschal ist, ist mir nicht ganz klar, Du kannst das ja noch einmal präzisieren. Wenn Du mich fragst, ob ich gegen das Christentum spezielle Vorbehalte habe, so muss ich das verneinen. Natürlich unterscheiden sich die Religionen dieses Planeten stark, aber sieh das ganze doch mal aus der Sicht eines Atheisten: Welcher Religion sollte man denn den Vorzug geben?

Mir leuchtet auch nicht ein, warum meine "Frontstellung gegen Religion" unwissenschaftlich sein soll. Das müsstest Du mir nochmal erklären. Wenn Du mir hier vorwirfst, ich sei gläubig (komisch, das ist nicht das erste mal, dass das jemand tut), dann will ich Dir nur eins sagen: Ich glaube, dass sich verdammt viele Menschen auf diesem Planeten ganz schön was vormachen über das, was Götter, ein Leben nach dem Tod und ähnliche Dinge angeht.

Aber das alles sind Fragen, die wir entweder in einem anderen Diskussionsstrang oder per Mail klären sollten. Deswegen gehe ich jetzt auch nicht genauer darauf ein.

Der Kern dieses Diskussionsstranges war die Frage nach der Ethik. Ich glaube, für ethische Fragen brauchen wir keine Religion. Die menschliche Vernunft sollte reichen, unsere ethischen Grundsätze festzulegen.
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Beitragvon Silvia » 30.03.2006, 07:21

Da bin ich wieder bei den Reliquien.Wie gesagt finde ich es ,nennen wir es abstoßend.Ich denke da kann man an Gott glauben oder auch nicht,wobei das ja eine kath.Sachen ist,die Evangelen kennen keine Heiligenverehrung und damit auch keinen Knöchelchenkult.
Ich denke die Einstellung ist Relgionsübergreifend,ob man Knochen verehrt oder nicht,die kath.Kirche kommt da wieder nur mal nicht heraus ohne sein Gesicht zu verlieren.Da sind so viele Kirchenschätze,seit Generationen verehrt,die können ja nicht plötzlich wertlos und ecklig sein.
In unsere kleinen Kirche lagern auch noch ein paar Knochen in einem Schrein,aber wen ich auch frage keiner konnte mir sagen von wem die sind. :gruebel: Während die Gebeine der hl.3 Könige im Kölner Dom ja noch hoch im Kurs sind.Ich finde das alles so wiedersprüchlich,einerseits soll man die Totenruhe achten,andererseits wird da mit einem Toten aufs gröbste umgegangen,indem man seinen Körper zerlegt.
So ne Art Fankult wie angesprochen kann ich nachvollziehen,abstoßend finde ich es trotzdem,Respektlos dazu.


Ich fände es wünschenswert respektvoller mit dem Tod und den Toten umzugehen und das Religionsunabhängig!

Silvia

@Halvor,maches doch wie ich denk Dir einfach Jedem das seine,solange ihr mich in Ruhe lasst,lasse ich euch auch in Ruhe.Oder anders-bekehrt mich nicht und tut keinem weh.
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Beitragvon Flinkhand » 30.03.2006, 13:30

Ich finde die Verehrung von Reliquien genauso schwachsinnig wie die Verehrung der Nummer auf dem Tricot eines Fußballspielers. Für mich sind all diese Dinge einfach ein Zeichen von Charakterschwäche, weil sich die Person, die eine Sache verehrt, selbst einer fixen Idee unterwirft und sich damit kleiner macht als diese Idee. Meine ganz persönliche Meinung ist, daß wir alle und alles um uns herum ein Fragment (oder auch ein Teil der Seele) von Gott sind. Somit sind wir immer auch genauso groß, heilig, goßartig oder was auch immer wie Gott selbst, weil wir halt einfach ein Bestandteil Gottes sind. Mir ist es auch egal, was jemand nach meinem Tod mit meinem Körper anstellt - ich bin dann da eh nicht mehr drin.

Aber Ethik beinhaltet auch Toleranz, und Toleranz ist eben immer das Akzeptieren der Meinung eines Andersdenkenden. Deshalb achte ich eben auch die Gefühle derjeniger, die das ganz anders sehen als ich.

Nun ist es natürlich total paradox, daß ein Christ die Gebeine eines anderen Christen mit sich herumträgt oder aber zur Schau stellt, weil das der christlichen Lehre an sich widerspricht, wie Silvia schon richtig sagt. Ich denke, dies ist aber auch ein ins Extrem getriebenes Phänomen. Ursprünglich ging das Christentum davon aus, daß die Gebeine der Heiligen an einer besonderen Stelle zur Ruhe gebettet werden sollten, und daß dieser Ort dann selbst zu einem heiligen Ort erklärt werden kann. Es wurden Kirchen für die Grabniederlegungen von Heiligen gebaut. In anderen Religionen wird das ähnlich gemacht. Das ist ja meinetwegen auch ok. Nun ließ sich hier aber das "Heilige mit dem Nützlichen" verbinden, weil Walfahrtsorte geschaffen wurden, die Menschen anziehen, die Geld ausgeben. Da man damit einen richtigen Reibach machen konnte, stieg der materielle Wert von Reliquien (die übrigens nicht ausschließlich aus Gebeinen bestehen sondern ebenso aus Splittern oder Nägeln des heiligen Kreuzes, aus Milch aus der Brust der Jungfrau Maria, aus Stoff, der von einem Heiligen als Kleidung getragen wurde usw....). Durch die Kreuzzüge erschloß sich zusammen mit Jerusalem ein richtiger Markt für Reliquien (echte oder gefälschte sei mal dahingestellt), denn wer eine Reliquie in seinem Besitz hatte, konnte einen Walfahrtsort sein Eigen nennen. Heute würde man dazu wohl Touristenzentrum sagen.

Daß das total krank ist, ist uns aus heutiger Sicht ja wohl klar. Nun ist es aber so, daß die kath. Kirche spätestens seit dem Mittelalter (ich weiß nicht, wann das angefangen hat) neben der Bibel auch das kanonische Recht eingeführt hat, eine Sammlung von Richtlinien, die von Päpsten und Konzilien über Jahrhunderte erweitert wurde. In wie weit man in einer aufgeklärten katholische Kirche des 21. Jahrhundert an dieser Sammlung kanonischen Rechts heute noch festhält, kann ich nicht beurteilen. Es ist halt immer schwierig, seinen selbst aufgestellten Regeln zu widersprechen.

Man kann das Ganze aber auch umdrehen: In der christlichen Religion war es sehr lange verboten, einen toten Körper zu sezieren oder auch zu obduzieren. Diese Vorbehalte hatten die Moslems nicht. Aus diesem Grund war die moslemische Medizin lange Zeit der Westeuropäischen weit überlegen. Bei den Zeugen Jehovas ist es z.B. auch heute noch verboten, eine Bluttransfusion durchzuführen. Im Grunde genommen sind wir heutzutage in dieser Frage auch noch nicht wirklich weiter gekommen. Es findet lediglich eine Verschiebung statt. Wir erlauben die Obduktion einer Leiche, haben aber extreme Vorbehalte gegen die Stammzellenforschung, weil diese mit Hilfe von toten Embryonen vorgenommen wird.

Was richtig ist und was falsch ist halt keine Frage, die sich hier mit einem einfachen Für oder Wider beantworten läßt. Ob es dabei um Archäologie oder um moderne Forschung geht, macht eigentlich keinen Unterschied. Es geht halt alles wieder auf die Frage zurück, in wie weit Forschung angemessen ist, wenn diese eine Tabuzone unseres Verständnisses für Ethik betrifft. Wo diese Tabuzone beginnt, kann jeder einzelne nur für sich selbst entscheiden, und diese Entscheidung sollte jeder für sich selbst treffen dürfen. Von mir aus kann die Wissenschaft nach meinem Tod mit meinem Körper anstellen, was sie will. Aber ich würde mir nie anmaßen, diese Entscheidung auch für nur für einen einzigen anderen Menschen als für mich selbst zu treffen.
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Beitragvon Halvor » 31.03.2006, 19:23

Mit dem Beispiel von den Zeugen Jehovas zeigt Flinkhand ja wunderbar, wie schwierig das mit der Ethik ist. Soll jetzt ein Arzt einem Zeugen Jehovas eine Bluttransfusion geben oder nicht, wenn es um das Leben seines Patienten geht? Jeder hier würde wohl erwarten, dass sich der Arzt nach seinen ethischen Normen richtet und die Transfusion verabreicht, mal ganz davon abgesehen, dass der Arzt rechtlich in Teufels Küche käme, wenn er diese Hilfeleistung unterlässt.
Demgemäß hätte es ein Archäologe einfach: Solange er nach seinen ethischen Grundsätzen handelt, dürfte er die ethischen Grundsätze anderer zum Zwecke seiner Arbeit verletzen. Oder doch nicht? Viel Spaß beim Kopfzerbrechen über diesem Dilemma, Leute!
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Beitragvon nontox » 01.04.2006, 02:39

Na, so hart, wie Du denkst, ist diese Nuss nicht zu knacken:
Enem Zeugen Jehovas wissentlich und gegen dessen Willen eine Bluttransfusion zu geben, ist nach der aktuellen Rechtsprechung Körperverletzung, da der Patient die Behandlungshoheit hat, und Maßnahmen ablehnen oder genehmigen kann. Dies ist unabhängig von der vermeintlichen Sinnhaftigkeit seines Verlangens - solange er geistig zurechnungsfähig ist.

Analog sehe ich es bei einer Grabung im religiös sensiblen Bereich:
Angenommen, eine anerkannte religiöse Gruppierung tritt auf den Plan, als bei der Erschließung eines Baugrundstückes nachweislich Überreste eines Beerdigungsortes dieser Glaubensgemeinschaft gefunden werden.
Im Sinne der Religionsfreiheit - die wir dankenswerterweise sowohl aktiv, als auch passiv veraankert haben - ist auf das Anliegen der Unversehrtheit der Gräber Rücksicht zu nehmen, wenn die zum festen Bestand der Vorstellungen dieser Glaubensgemeinschaft gehört.

Das mag ja lästig sein - zugegeben, aber es ist doch eine Tatsache.

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PS.: Komm doch rüber zum Kaffekränzchen, da diskutieren wir die grundsätzlicheren Fragen. Ich wäre auf weitere Argumente sehr gespannt.
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Beitragvon Halvor » 05.04.2006, 19:04

Hätte nicht gedacht, dass der Gesetzgeber das so geregelt hat.

In den Sommerferien können wir zu den harten Fragen gern mal ein Kaffeekränzchen halten. Da habe ich mal Zeit... Wer kommt zu wem??
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Beitragvon Flinkhand » 05.04.2006, 20:33

[ot]Halvor, aus welcher Gegend kommst du denn? Im Profil steht nix drin :gruebel: [/ot]
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Beitragvon nontox » 06.04.2006, 12:50

Halvor hat geschrieben:Hätte nicht gedacht, dass der Gesetzgeber das so geregelt hat.

In den Sommerferien können wir zu den harten Fragen gern mal ein Kaffeekränzchen halten. Da habe ich mal Zeit... Wer kommt zu wem??


Das mit dem Kaffekränzchen war hier auf das Forumskaffee bezogen, aber wenn Du in der nähe wohnst, kannst Du gerne mal kommen.

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Beitragvon Halvor » 09.04.2006, 10:06

Na, dann gehe ich da mal rüber.
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