Ethik der Archäologie

Hier geht es um geschichtliche Ereignisse aus verschiedenen Epochen und Gebieten. Jeder ist eingeladen, die Geschichte hier lebendig zu machen und mit seinem Wissen beitzutragen.

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Beitragvon nontox » 27.03.2006, 20:35

Halvor hat geschrieben:...

Religiöse Vorbehalte gegen Untersuchungen von archäologisch bedeutsamen Stücken - seien sie nun menschlich oder nicht - ärgern mich zutiefst. Ich frage mich dann immer, ob es da wohl was zu verbergen gibt.


...ärgern dich ... zutiefst... Hmm
Es gibt nun mal Religionen, die an eine leibliche Auferstehung glauben, und auf die Unversehrtheit des Körpers Wert legen.
Dann gibt es Religionen mit Ahnenkult, denen die Überreste ihrer Verstorbenen so wichtig sind, dass sie sie unbedingt aus Museen zurückfordern, um ihnen die Ruhe und Würde zu geben, die ihnen nach ihrer Religion zukommt.

Religiöse Gegenstände stehen nicht selten im Bereich des Heiligen, in dem ein nicht-heiliger oder nicht-geheiligter gar nichts zu suchen hat.
Die Verteidigung solcher und ähnlicher Tabus hat nichts mit Geheimnistuerei zu tun, sondern ist eben der tiefe Ausdruck unterschiedlicher spiritueller Erfahrungen.
Unsere Gesellschaft geht mit althergebracht "Heiligem" viel weniger sorgfältig um, als z.B. mit manipulierten Fussballspielen - Uuh, da ist aber dann Feuer unterm Dach - und das nicht nur, weil es um Geld geht...

Meine Meinung

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Beitragvon Silvia » 27.03.2006, 20:56

Hallihallo,
was mir ja Bauchschmerzen macht,ist der Reliquienkult!
Ich finde es geschmacklos, Jemand den man verehrt,in dem Fall der Heilige,wieder aus seinem Grab zu holen und in Stücke...um in dann in alle möglichen Richtungen zu verteilen und zu verkaufen.Im Spätmittelalter hatten sogar Privatleute kleine Reliquiensäckchen am Gürtel (gesehen im Zeughaus Köln).Ist das eine Art und Weise Jemanden zu verehren?Die Museen sind voll davon,Reliquienschreine in allen Formen und Varianten. Man munkelt das bei der Menge der Reliquien die heilige Ursula und ihre elftausend Jungfrauen samt Esel vermarktet wurden.

Silvia

Das wollte ich schon lange mal loswerden.
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Beitragvon nontox » 28.03.2006, 11:34

Ja, das mit den Reliquien erschließt sich auch mir nicht wirklich.
Einerseits gilt die Ehrfurcht vor dem Verstorbenen, ganz besonders natürlich für die "zu Gott gegangenen" Heiligen.
Andererseits mutet die Verehrung von Knöchelchen, ja sogar von Stoffstücken oder Papierschnipseln, die solche Knochen berührt haben, geradezu magisch an.

Die Theologie erklärt dies als Hinweis auf oder als Stellvertretung für die Heiligen, die, da sie schon bei Gott sind, bei ihm Fürsprache halten sollen (- was für eine Vorstellung von Gott tztz). Auf mich wirkt diese Erklärung als hilfloser Rationalisierungsversuch.

De Fakto ist es Magie, die wer weiß wo ihre Wurzeln hat - bei den alten Römern waren Leichenteile, egal welcher Herkunft einfach tabu.

Es soll wohl "das Heilige", das im Hl. Heinz präsent war, quasi als Ding in den Alltag hinein genommen werden. Als heiliges Ding ist es ein Gegenstand der "Kraft", der in der Lage ist, Segen oder anderes zu wirken.

Solche wirkmächtigen Kraftdinge gibt es in vielen Religionen.
Dass diese Reliquiensache nicht mit den Todesriten und den dazugehörigen Glaubensaussagen zusammenpasst, zeigt, dass die Religion nicht das ist, was manche Theologen denken, dass sie es wäre. *g*

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Beitragvon candamir » 28.03.2006, 11:52

ist die "Verehrung" von (ich sage jetzt mal) "persöhnlichen Gegenständen" durch "Gläubige" nicht ein Phänomen, dass auch unabhängig von Religion heute tagtäglich passiert z.B. bei Autogrammjägern?

wie war das doch, als der Reichstag in Berlin verhüllt war und am Ende der "Veranstaltung" das Tuchgewebe in kleine Stücke zerschnitten und verkauft wurde, oder wie viele Menschen haben sich ein Stück der Berliner Mauer abgeschlagen?

warum werfen (insbesondere weibliche) Fans ihren Musikidolen Kuscheltiere (und noch ganz andere persönliche Dinge :blush: ) auf die Bühne?

ich denke, dies ist ein "normales" Verhalten von Menschen, die versuchen einer Person oder einer Idee nahe zu sein oder einfach materielle Dinge für eine Erinnerung brauchen

wer von uns ist von solchen Gedanken wirklich frei?
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Beitragvon Halvor » 28.03.2006, 18:39

@ nontox:
Ich bin Naturwissenschaftler und damit Atheist.
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Beitragvon nontox » 28.03.2006, 19:32

Halvor hat geschrieben:@ nontox:
Ich bin Naturwissenschaftler und damit Atheist.


Nanu? :gruebel:
Ist das denn eine untrennbare Kombination? Wenn Du es so sagst, dann klingt das wie IBM-Computer und Windoof, wobei ja sogar da auch eine andere Kombi möglich ist ...

OK, Du bist Naturwissenschaftler - und bekennender Atheist - schön!
Kann man als Atheist mit naturwissenschaftlich geschultem Kopf religiöse Gefühle phänomenologisch wahrnehmen?
Kann man als Wissenschaftler auch Einfühlungsvermögen entwickeln?
Ist man als Naturwissenschaftler gezwungen, andere Anthropologien oder Kosmologien zu negieren?
Gibt es für Dich einen Unterschied zwischen Wissenschafts-Ethik und privater Ethik?
Beschreibe mir bitte naturwissenschaftlich, warum Dir die eine Musik gefällt und die andere nicht.
Erkläre mir naturwissenschaftlich das Gefühl, das Du hast, wenn dich ein Anblick in der Natur tief innen berührt.

Ich denke, wir sollten froh sein, dass es neben der naturwissenschaftlichen Art und Weise, die Welt zu begreifen viele andere Weisen gibt, das was uns bewegt und treibt zu beschreiben. Religion ist ein anthropologisches Phänomen von dem sogar die nüchternen Psychologen mittlerweile glauben, dass es nicht nur böse ist *g*.

Ich bin übrigens Geisteswissenschaftler und äh, du ahnst es - gläubig. :blush:

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Beitragvon Flinkhand » 28.03.2006, 20:19

Zu den Reliquien:

Der Reliquienkult ist m.E. dadurch so populär geworden, weil die Kirche im Mittelalter sehr schnell auf den Trichter gekommen ist, daß sich damit eine Menge Geld machen läßt. Wie candamir bereits sagt, liegt es in der Natur des Menschen, seinen Idolen in irgendeiner Form nahe zu sein, indem man einen Gegenstand nimmt und ihm ein Maß an Bedeutung verleiht. Das kann alles Mögliche sein, das Spiel basiert auf freier Assoziation. Wenn nun genügend Priester in genügend Kirchen predigen, daß Reliquien die religiöse Kraft eines Heiligen oder Was-auch-immer innehaben und daß diese Kraft Heilung oder Erlösung verspricht, dann ist das auch nichts anderes als die Macht der Medien. Man kann das auch umdrehen und sagen, daß das Berühren einer Reliquie 500 Jahre weniger Fegefeuer bringt - was uns zu der Frage bringt, wann eigentlich der Teufel erfunden wurde und von wem - das fällt in die gleiche Kategorie, nur halt umgekehrt. Das Gleiche gilt für den Ablasshandel. Das ist alles lediglich Geldschneiderei der mittelalterlichen Päpste gewesen, die ja irgendwie ihre enormen Projekte (und auch Kriege!) finanzieren mußten. Da ist so ein Reliquienkult oder auch Ablasshandel eine gewinnbringende Marktstrategie. Gebt Ihr mir Geld, dann geb ich Euch Erlösung. Kann ja eh keiner nachvollziehen, was nach dem Tod wirklich passiert, der Käufer kann sein Geld dann ja nicht mehr zurückfordern ;-)

Nun zum Thema Naturwissenschaft und dem Glauben an Gott:

Ich denke nicht, daß sich das irgendwie ausschließt. Man verwechsle nicht Religiosität mit Religion. Eine Religion ist ein Regelwerk, an dem meist über mehrere Jahrtausende hinweg herumgepfuscht wurde, das den "Notwendigkeiten" der Zeit angepaßt und manchmal in sehr abstruse Bahnen gelenkt wird. Religion wird ausschließlich von Menschen gemacht - wie Politik.

Religiosität dagegen (also das, was an Spiritualität übrig bleibt, wenn man alle Regelwerke wegwirft), steht in keinem Widerspruch zur Wissenschaft. Wissenschaft ist ja nichts anderes als das Forschen nach Ursachen und das Ausprobieren von Wirkungen. Ich kann als Arzt das Gefühl des Verliebtseins auf Adrenalin und erhöhten Blutdruck reduzieren, hervorgerufen von externen Stimulationen und Eindrücken gemischt mit Hormonausschüttung. Aber das untermauert lediglich die Tatsache, daß das ganze kosmische System bis ins kleinste Detail durchdacht ist und beantwortet in keiner Weise die Frage, ob es ein Schöpfer war, der das vollbracht hat oder ob es nur aus Zufall so zusammengewürfelt worden ist.

Daß das gesamte Universum auf Naturwissenschaft basiert, beweist für die Religiosität gar nichts, weil es ja nur aussagt, daß der Plan, der dahinter liegt, genial ist und nichts über den Ursprung dieses genialen Plans.

Meine 5 cent.
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Beitragvon Silvia » 28.03.2006, 21:39

Boah eh,das war aber mehr als 5 cent wert!

Und überhaupt ist es schön zu wissen das man nicht als Einziger Zweifel an einer Sache hat,aber auch gut die Sache mal ein bischen von verschiedenen Seiten beleuchtet zu bekommen.
Silvia
 

Beitragvon nontox » 29.03.2006, 09:33

... und weil wir gerade so schön dabei sind :biggrin:

Religion ist tatsächlich von Menschen gemacht — von Menschen, die versucht haben, ihre religiösen Erfahrungen irgendwie stammelnd in Worte zu fassen und der Erfahrung eine äußere Form bzw. Rahmen zu geben.

Je nach Lage der Geschichte und der Rolle der Religion darin gab es dann auch andere, die das ganze als Machtquelle begriffen haben und an den Bekenntnissen solange herumgeschraubt haben, bis sie Dogmen hatten.
Diese Dogmen dienten dann verschiedenen Zwecken, die nicht allzu oft noch der eigentlichen Religiosität gedient haben.
Nun, das Christentum war relativ lang mit der Macht von Herrschern verbunden, sodass die Zeit, in der Mächtige das Christentum instrumentalisiert haben, relativ lange gedauert hat. Mir scheint diese Phase nun doch langsam vorbei zu gehen...

Religiosität ist das, was tatsächlich bei den Leuten passiert - oft unkontrollierbar (zum Leidwesen der Oberen) aber nicht unbeeinflusst von der normativen Religion.

Die Einsicht, dass die Religion den Gläubigen gehört, hat sich tatsächlich auch heute noch nicht ganz rumgesprochen.
Idealerweise sollte eine Religion in der Lage sein, die Religiosität der Gläubigen aufzunehmen und sie zu begleiten.
Eine gewisse Bündelung ist dabei kein Fehler, Manipulation schon.

Als archäologisch interessierter geht es mir u.a. gerade darum, zu lernen, welche religiösen Erfahrungen und Deutungen in den verschiedenen Kulturen und Zeiten wichtig waren.
Ein gewisser Respekt vor religiösen Gefühlen gehört da m.E. dazu.

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Beitragvon Halvor » 29.03.2006, 19:30

Eigentlich wollte ich dem Diskussionsstrang nun keine neue Richtung geben, aber wenn's jetzt hier schon so viele tun...

Religion ist für mich lediglich von historischem Interesse. Sie bietet die Möglichkeit menschliches Verhalten in Vergangenheit und Gegenwart wenigstens in Grenzen nachzuvollziehen oder ein Ereignis in einen Kontext einzuordnen. Die Forschung - ob nun Archäologie oder eine andere Wissenschaft - religiösen Vorbehalten unterzuordnen ist mir unverständlich. Religion hat den Fortschritt so oft behindert, dass es erschreckend ist. Wahrscheinlich hätten wir den Sputnik ohne brennende Scheiterhaufen 300 Jahre früher hingekriegt. Und wo oben so eine Frage aufkam: Naturwissenschaft und Religion/ Religiösität sind unvereinbar.

Wenn ihr das Thema nun aber hier ausdiskutieren wollt, sollte einer von euch einen neuen Diskussionsstrang eröffnen, aus Rücksicht auf denjenigen, der dieses Thema hier eröffnet hat und über Gott und die Welt nun sicher nicht diskutieren wollte.
Halvor
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