Schweinerippen-Kamm, Jungsteinzeitlich...Belege?

Was man nicht kaufen kann, muß man sich eben selber bauen. Hier geht es darum, wie man sich Werkzeuge und Arbeitsgeräte von der Dreule bis zum Gewichtswebstuhl selber bauen kann.

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Schweinerippen-Kamm, Jungsteinzeitlich...Belege?

Beitragvon Frettchenmutti » 14.09.2013, 22:43

Moin moin alle Zusammen :-)

Aus Langeweile wolle ich mich heute Abend über das Verspinnen von Flachs und Hanf schlau machen, und bin über Umwege (wie das halt manchmal so ist) auf ein Video bei Youtube gestoßen dass schon ein paar Jahre alt ist.

Daaaa

Darin wird ein Experiment zur Flachsverarbeitung in der Jungsteinzeit dokumentiert in dem sowohl die Hände als auch verschiedenste Gerätschaften zum Einsatz kommen. Den "Schweinerippen-Kamm" fand ich dabei besonders interessant, und fragte mich ob man diesen vielleicht sogar nachbauen, und für die Wollverarbeitung nutzen könnte :-).

Meine zweite Frage war dann natürlich ob es für Kämme dieser Art überhaupt belege gibt oder ob Archäologen sich dieses Werkzeug "erdacht" haben. Dann würde mich noch interessieren (wenn dieser Kamm dann verwendet wurde) wie lange dieser in Gebrauch war.

Zwar habe ich versucht selbst etwas zu Recherchieren bin aber bislang bei meiner Suche nach "Schweinerippenkamm" nur Rezeptvorschläge bekommen :dizzy:

Hat jemand von euch eine Idee?
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Beitragvon roskur » 15.09.2013, 09:30

warum nicht. alles nur eine frage der vorhandenen resourcen, des handwerklichen geschicks und des ideenreichtums. nur eines wundert mich an dem clip. bis ins letzte jahrhundert wurde die weberkarde zum auskämmen genutzt und taucht hier als beispiel nicht auf. und dass, obwohl sie nix kostet, als naturresource parat ist/war und keiner aufwendigen kammherstellung bedarf.
um irgendwelchen einwendungen vorzubeugen. ich glaube nicht, dass die weberkarde von unseren ahnen nur zur wollverarbeitung verwendet wurde.
wenn der flachs spinnfertig ist, ist es der spinnerin egal wie das rohmaterial hergestellt wurde.
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Beitragvon Frettchenmutti » 15.09.2013, 13:22

Naja bei Schweinerippen als "Abfallprodukt" würde sich das ja anbieten :-). Das Gerät kam mir in dem Experiment auf jeden Fall recht effektiv vor...

Hm ja das mit der Weberkarde ist natürlich die Frage... zu dem Experiment gibt es ja leider auch keine weiteren Beschreibungen, oder gar Resultate. Es könnte auch sein dass sie nicht an die Weberkarde gedacht haben oder sie aus irgendwelchen Gründen einfach nicht verwenden wollten? Dank der Fehlenden Dokumentation werden wir es nie erfahren :gruebel:

Aber ich glaube ich werde mal sehen dass ich ein paar schweinerippen bekomme und versuche dann mal so einen Kamm nach zu bauen...
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Beitragvon roskur » 15.09.2013, 17:32

einfach zum fleischer gehen, rippchenbraten kaufen, zu hause braten, fleisch von den rippchen abnagen und schon hat man die rippen.
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Beitragvon WickedWeaver » 15.09.2013, 20:09

Das mit der Weberkarde finde ich interessant... aber ehrlich gesagt, kann ich mir das nicht wirklich vorstellen. Hat das schon mal jemand von euch ausprobiert? Und den Schweinerippenkamm finde ich sehr grob. Hab mal in der Fleischereiabteilung eines Supermarktes gearbeitet und da auch viiiele Rippchen von Fleischresten befreit - stell ich mir beides nicht so ganz praktisch vor. Hmm... :gruebel:

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Beitragvon wetterleuchten » 16.09.2013, 07:35

Toller Film. *menno* da kriegt frau ja richtg Lust, auch mal Lein anzubauen. Ok, kein Platz aber Brennesseln hab ich haufenweise .... pöhse Frettchenmutti :devil:

Das mit dem Schweinerippenkamm finde ich plausibel. Zum abrispeln der Samen darf der Kamm ja nicht zu fein sein und ein "Fertigkamm" spart die Arbeit einen extra zu montieren. Wobei steinzeitliche Schweineknochen evtl kleiner und kompakter waren als die von modernem Turbovieh. Vielleicht gingen auch die Rippen eines größeren Vogels?

@ Roskur

meinst du die Kardendistel, Dipsacus silvestris? Dass man die zum ordnen, kämmen oder sonstiger Fasergewinnung verwenden kann, halte ich für ein hartnäckiges wie falsches Gerücht. Dafür ist die nämlich nicht stabil genug, hab ich mal an einer Wollflocke ausprobiert, das gab nur Chaos und abgebrochene Kardenfitzel zwischen den Fasern, die ich dann wieder mühsam raus sortieren musste.
Was ich mir aber prima vorstellen kann, ist das anrauhen von fertigen (Woll) Geweben. Das gehört zur Standartnachverarbeitung beim tuchweben und ist zumindest für eisenzeitliche Gewebe auch nachgewisen, also dass sie teilweise angerauht wurden, nicht unbedingt mit welchen Wekzeugen das passierte.
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Beitragvon wetterleuchten » 16.09.2013, 07:53

*menno* da kriegt frau ja richtg Lust, auch mal Lein anzubauen. Ok, kein Platz aber Brennesseln hab ich haufenweise .... pöhse Frettchenmutti :devil:

Das mit dem Schweinerippenkamm finde ich plausibel. Zum abrispeln der Samen darf der Kamm ja nicht zu fein sein und ein "Fertigkamm" spart die Arbeit einen extra zu montieren. Wobei steinzeitliche Schweineknochen evtl kleiner und kompakter waren als die von modernem Turbovieh. Vielleicht gingen auch die Rippen eines größeren Vogels?

@ Roskur

meinst du die Kardendistel, Dipsacus silvestris? Dass man die zum ordnen, kämmen oder sonstiger Fasergewinnung verwenden kann, halte ich für ein hartnäckiges wie falsches Gerücht. Dafür ist die nämlich nicht stabil genug, hab ich mal an einer Wollflocke ausprobiert, das gab nur Chaos und abgebrochene Kardenfitzel zwischen den Fasern, die ich dann wieder mühsam raus sortieren musste.
Was ich mir aber prima vorstellen kann, ist das anrauhen von fertigen (Woll) Geweben. Das gehört zur Standartnachverarbeitung beim tuchweben und ist zumindest für eisenzeitliche Gewebe auch nachgewisen, also dass sie teilweise angerauht wurden, nicht unbedingt mit welchen Wekzeugen das passierte.
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Beitragvon Draca » 16.09.2013, 09:18

Diese Bündel von Rippen sind z.B. in den Pfahlbausiedlungen am Bodensee aufgetaucht. Das Museum in Frauenfeld sollte welche haben und sie tauchen sicher auch in ihrer Publikation zur Sonderausstellung vor ein paar Jahren auf.
Auf Grund der Abnutzungsspuren gehen die Archäologen davon aus, dass diese Rippenbündel zum Flachshecheln verwendet wurden.

Die Kardendistel war definitiv nicht zum Kardieren von Wolle, sondern zum Tuch rauen. Vgl. hier: de.wikipedia.org/wiki/Weber-Karde . Deswegen heißt das Teil auch Weberkarde. Und es geht nur die Kulturform, Dipsacus fullonum, nicht die wilde Form. Bei der sind die Haken nicht stabil genug und brechen ab.

Ich habe vor kurzem auf einer Veranstaltung einen älteren Herren getroffen, der noch mit Kardendistelköpfen zur Tuchveredelung gearbeitet hatte.
Ich benutze die Waffen der Frau: spitze Zunge, scharfen Verstand und für Härtefälle ein solides Webschwert.
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Re: Schweinerippen-Kamm, Jungsteinzeitlich...Belege?

Beitragvon wetterleuchten » 16.09.2013, 11:57

Frettchenmutti hat geschrieben: Den "Schweinerippen-Kamm" fand ich dabei besonders interessant, und fragte mich ob man diesen vielleicht sogar nachbauen, und für die Wollverarbeitung nutzen könnte :-).

Wobei man da unterscheiden muss zwischen Flachs und Wolle. Letzteres ist sehr viel feiner und elastischer von der Faserstruktur. Und bevor jetzt wer sagt, "jaaaa, moderne Schafe ..." Ich habe hier ein mischwolliges Vlies (feine Unterwolle, grobe, harte Deckhaare) vom alpinen Steinschaf (das denke ich doch noch recht nah an ursprünglichen Rassen ist) liegen. Speziell an die sehr feine Unterwolle wollte ich mit einem groben Knochenbündel nicht ran. Gänserippen wär vielleicht was anderes.
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Beitragvon Frettchenmutti » 16.09.2013, 19:08

@roskur &WickedWeaver

Hmmm da ich nicht so gern schwein esse müsste ich mir überlegen wem ich dann mal ein Festmahl bereiten kann... aber ich denke wenn Marion sagt der Schlachter hat auch lose rumliegen werde ich mal danach fragen. Hab eine Bio-Schlachterei in Hamburg entdeckt. Könnte ja sein dass die Schweinerassen die sie dort verwursten vielleicht sogar etwas kleiner sind als die Mega-Mast Scheine aus dem SB. Werde einfach mal nach kleinen Rippchen-resten Fragen :-)

@Wetterleuchten :blush: aber...aber... ich hatte langeweiiileeee :devil: und da bin ich halt drauf gestoßen... mich hat es auch voll in den Fingern gejuckt :biggrin: vielleicht bekommt man ja mal die Gelegenheit das Experiment selbst nach zu vollziehen... einfach mal schlau machen wer vielleicht Flachs anbaut... aber ich glaube hier im Norden werde ich da beim Bauern um die Ecke nichts :undecided:

@Draca Aaaah super dankeschön :-) Es kann nämlich gut sein dass ich in meinem Studium mit derartigen Knochenwerkzeugen zu tun bekomme und da ist es natürlich gut sowas zu wissen. Sehe auf jeden Fall zu dass ich in verbindung mit diesen Suchbegriffen, vielleicht noch eine Rekonstruktion bzw eine Bauanleitung von dem Kamm finde.

Sobald ich das mal auf die Reihe kriege werde ich mir so ein nettes Kämmchen bauen :biggrin: da kann ich ja auch gleich erproben wie&ob sich der Kamm für die Wollverarbeitung, wenigstens zum groben Kämmen eignet. Evtl. kann der Schlachter mich ja auch beraten ob andere Rippen sich evtl besser eignen.

Oh mann da hab ich mir schon wieder was vorgenommen :-)
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