Wachsfaden und Pechdraht

Was man nicht kaufen kann, muß man sich eben selber bauen. Hier geht es darum, wie man sich Werkzeuge und Arbeitsgeräte von der Dreule bis zum Gewichtswebstuhl selber bauen kann.

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Wachsfaden und Pechdraht

Beitragvon Ingo » 19.02.2005, 09:36

Im Näh-Thread ist gerade eine Infodiskussion zur Frage: Wie bekomme ich den richtigen Faden um Beinwickeln zu nähen, dabei wurde auch nach Möglichkeiten gefragt:

Wie wachse oder piche ich einen Faden?

Ich denke, dies ist eine Frage, die schon in die allgemeinen Arbeitsvorbereitungen auch für andere Tätigkeiten (Leder nähen, Schuhe anferigen u.a.) fällt, und am besten hier weiterdiskutiert werden sollte.

Also wer hat gut nachvollziehbare Anleitungen für das Wachsen oder Pichen von Fäden, was ist dabei zu beachten, welches Material wird für welchen Anwendungszweck empfohlen, wo bekommt man/frau die Grundstoffe her?

Gruß, Ingo
Ingo
 

Beitragvon N.R.U. » 19.02.2005, 11:01

Sabine hat geschrieben:Hallo Ihr's,

Pech bekommt man/frau im Schuster- und Sattlerbedarf. Irgendwo habe ich gelesen, dass man Wachsfäden auch im Orthopädiebedarf zu bekommen ist.
Wachs (Bienenwachs und oder Kolophonium) kriegt man im Hobbybaumarkt, Bastelladen oder bestimmt auch online.

Eine kleine interessante Seite zum Thema wachsen von Garnen ist hier zu finden.
Sack
Da sieht man auch schön Bild für Bild, wie man Leder näht! Die machen da zwar einen Sack, aber das Prinzip wird schön anschaulich erklärt und wie man eben auch Garne wachst.

Gewachst oder gepicht haben wir noch nicht, aber was noch nicht ist...... *soifz*

Liebe Grüße
Sabine
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Beitragvon Detlef » 19.02.2005, 12:00

Schöne Seite.

In anderen Foren gelesen:
Selbstgesponnener Hanffaden (Klempnerzopf)
Birkenpech (Düppel Lexikon)
Hufpech - Raiffeisen- oder Pferdezubehör (muß noch eingedickt weden)
Laut Gelbe Seiten ist in DU ein Schusterbedarf aber da war ich noch nicht
Leinengarn - das habe ich
Bienenwachs - meins
, oder wie Dachs einen Kerzenrest
meine Probenähte sehen ja ganz gut aus aber an den Schnitten mus ich noch arbeiten
Kommt vielleicht ins Handgepäck

Viele Grüße

Detlef aus DU
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Beitragvon Gnom » 12.12.2005, 11:57

Wie man einen gewöhnlichen Schusterpechdraht macht (Von einem 80jährigen Schustermeister aus Eggenburg, Niederösterreich gelernt)

Bild

1. Man braucht dazu Leinengarn, Schusterpech* und Schweineborsten.
2. Das Leinengarn muß ungezwirnt sein (nur gesponnen), in Fachgeschäften „englisches Garn“ genannt.
3. Das Garn darf nicht abgeschnitten werden, sondern wird in einem Bereichvon etwa 8cm aufgedreht und auseinandergezogen.
4. Jetzt verzwirnt man je nach gewünschter Stärke zwei bis sechs Garne zu einem Faden. Dazu dreht man sie einzeln durch Rollen auf dem Oberschenkel zusammen und lässt sie zusammenlaufen.
5. Weil die Garne auseinandergezogen und nicht abgeschnitten wurden, entsteht eine lange, feine Spitze. Die muss meist extra verzwirnt werden.
6. Der verzwirnte Faden. Dieser wird nun einige Male schnell über das Schusterpech gezogen und so ordentlich eingewachst.
7. Gute Schweineborsten sind am Ende aufgespalten.
8. Man spaltet die Borste weiter, ca. 5cm weit in zwei ungefähr gleich starke Hälften.
9. Nun wickelt man die Spitze des Fadens um eine Hälfte der Borste (Hälfte A) ein Dutzend mal herum.
10. Dann verdreht man mit sanfter Gewalt den weiteren Faden gemeinsam mit der Hälfte B der Borste. Ebenso verdreht man das überstehende Ende der Hälfte A im gleichen Drehsinn
11. und lässt die beiden Hälften zusammenzwirnen. Meist muss man dabei etwas nachhelfen.
12. Dicht hinter dem Ende dieser Verzwirnung, nicht zu nahe am ausgefransten Borstenende teilt man den Faden mit der Ahle in der Mitte,
13. steckt die Borste rein
14. und zieht sie ganz durch.
15. alles Überstehende gut mit Pech ankleben. Dabei mit dem Pech immer von der Mitte der Verbindung Faden-Borste Richtung Borstenende bzw. Borstenspitze fahren.
16. Sowohl die Borste als auch die Verbindungsstelle von Borste und Faden ist dünner als der Faden selbst.

Und das ist auch der Gag dieser Technik: Die Löcher im Leder können etwas kleiner sein als die Fadenstärke, der Faden sitzt dann sehr dicht im Leder. Bei jeder Anwendung von normalen Nähnadeln werden die Löcher auf mindestens die doppelte Fadenstärke aufgeweitet, was natürlich keine so dichte Naht ergeben kann. Außerdem geht die flexible Borste wenns sein muss auch ganz leicht um die Kurve. Die Borste dient dabei nur zum Einfädeln des Fadens, sobald die Fadenspitze durchs Loch kommt, zieht man direkt am Faden weiter, um die Borste nicht vom Faden abzureißen. Falls die Borste garnicht halten will, kann man Punkt 12 bis 16 nochmal einige mm hinter der ersten Stelle wiederholen. Dann entsteht allerdings ein kleiner Knoten.

*Wenn es aus optischen Gründen möglich ist, sollte man schwarzes verwenden, weil es einfach besser ist.
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Beitragvon Gnom » 23.12.2005, 10:46

Kurze Anleitung zur Herstellung von Schusterpech von 1837

"Zu dem Schuhmacher-, Sattler- oder Riemerpech wird nun 1/3 Leinöl und 1/8 gelbes Wachs zugesetzt. Man nimmt daher 2/3 Faßpech, welches auf vorbeschriebene Art* bereitet worden, 1/3 Leinöl und 1/8 gelbes Wachs, thut alles in einen eisernen oder kupfernen Kessel, setzt den Kessel auf die Platte des Feuerheerdes, macht auf dem Heerd ein gelindes Kohlenfeuer und läßt die Masse mit einander zerschmelzen und aufsieden, hiernach wird die Flüssigkeit nach einigem Erkalten in ein hölzernes Gefäß, in welches vorher Wasser gefüllt worden, gegossen, in welchem es vollends erkaltet und einzelne Klumpen bildet. Diese Klumpen werden nun in den Händen durch einander gearbeitet, das heißt zusammengedrückt und wieder auseinandergezogen und dieses Verfahren wird so lange fortgesetzt, bis sich die drei Körper, nämlich das Pech, das Wachs und das Oel, völlig mit einander vereinigt haben. Nun werden aus der so verfertigten Pechmasse kleine runde Kugeln von 1/2 bis 1 Pfund schwer nach dem Gewichte gemacht und als sogenanntes Schusterpech etc. verkauft."

* Das von den Bäumen geerntete Rohpech schmelzen, das saubere Pech in andere Gefäße geben und die Verunreinigungen von der Oberfläche und den Bodensatz verwerfen.
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Beitragvon Gnom » 05.01.2006, 09:49

Danke für das Kompliment und das Wortspiel (hihi)!

Das mit dem Pech ist natürlich genau so, wie Du schreibst.

In Österreich und auch in dieser alten Anleitung aus Weimar ist man da ein bisschen schlampig und spricht auch beim Harz der Nadelbäume von "Pech". Hier ist einfach Harz gemeint, und zwar das "...welches aus den Tannen-, Kiefern-, und Lerchenbäumen fließt..."

Kleiner Nachtrag zum Pechdraht: 1) Es ist sehr günstig, bereits die einzelnen Garne vor dem Zusammenzwirnen gut einzupechen. Sie halten dann den Drall viel besser. Außerdem wird der Draht dadurch auch innen drinnen gut imprägniert. 2) Punkt 12, 13, 14 kann man öfters machen. Es entsteht dabei normalerweise KEIN Knoten! (Ich mache das gewöhnlich nicht und wie ichs dann einmal probiert hab, ist ein kleiner Knoten entstanden. Gewöhnlich passiert das aber nicht!)

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Beitragvon Gnom » 05.01.2006, 10:07

Übrigens,

schwarzes Schusterpech wird aus Schwarzpech, Holzteer, Wachs, Terpentin und Wasser gekocht. Schwarzpech ist stark eingedickter Holzteer, Terpentin ist das frische rinnende Harz von Rotkiefern oder noch besser Lärchen (nicht Terpentingeist).

Leider hab ich aber keine genaueren Angaben, und so muss ich es leider kaufen. Angeblich ist es in Deutschland sehr schwer erhältlich, in Wien kriegt man es aber (noch) bei der Firma Juratsch in der Kandlgasse 28, 1070 Wien. Vielleicht schicken die auch was nach Deutschland. Andernfalls könnte ich da auch was vermitteln.

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Beitragvon moser1501 » 29.07.2006, 21:43

Besten Dank fuer die Anleitung zum Naehen mit Borsten, genau was ich gesucht habe. Hab ich jetzt endlich auch mal ausprobiert, nachdem ich schon seit laengerem mit Stahlborsten gearbeitet habe. Die Schweineborsten habe ich mir bei einem Buerstenmacher erbettelt, das Schusterpech kommt von der Pechsiederei Piering in Sachsen.
Die Schweineborsten funktionieren meiner Erfahrung nach sehr gut, und sind v.a. auch ein gutes Stueck duenner und wesentlich flexibler natuerlich als die Stahlborsten.
Die Schuhe, die ich gemacht habe sind allerdings zeitlich ein gutes Stueck frueher als mittelalterliche, da ich (bis jetzt wenigstens, was nicht ist kann ja noch werden ;-)) nur roemerzeitlich unterwegs bin. Bilder jedenfalls gibt's u.a. hier:

http://www.romanarmy.com/rat/viewtopic.php?t=6707

und hier

http://www.romanarmy.com/rat/viewtopic.php?t=7147

Beste Gruesse und vielen Dank nochmals,

Martin
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Beitragvon André » 10.10.2007, 23:36

Hallo,

An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Gnom für seine tolle Anleitung sowie für die tatkräftige Unterstützung bei meinen ersten Versuchen mit dem Nähen mit Schweineborsten. Dabei habe ich mich auch mal an gezwirntem Garn versucht und dieses zunächst vorne ausgedünnt. Erfahrung: Geht auch, aber eher schlecht. Gibt es dazu weitere Meinungen?
André
 

Beitragvon schlosswalker » 11.10.2007, 23:02

Ich habe beim nähen von schuhen eigentlich recht gute erfahrungen mit metallborsten gemacht. Die gibt es ja auch in !sehr! dünnen stärken und kommen den schweineborsten sehr nah.
Selber zwirnen habe ich noch nicht probiert. Bisher benutze ich Leinengarn 20/6 von einem Laden der material zum messermachen/lederarbeiten verkauft.

http://www.wolf-borger-messer.de/

Beim wachsen habe ich den faden einfach in flüssiges Wachs getaucht und dann mit einem leinen tuch sauber abgezogen. Der Faden zwirbelt dann auch nicht auf. Habe auch mein Zelt mit diesen gewachsten Fäden genäht und keine Probleme.

Grüße
Thomas
Wer sich nie verirrt, der entdeckt keine neuen Wege!!
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