Neidhart "Uns wil ein sumer komen" (SL 18)

Hier geht es um mittelhochdeutsche Literatur und um die Übersetzung von Begriffen.

Moderator: Moderatoren

Neidhart "Uns wil ein sumer komen" (SL 18)

Beitragvon Ermelind von Riuwental » 11.05.2007, 22:16

Wieder eine einigermaßen ergiebige Stelle beim guten Neidhart. Ich zitiere mal und liefere dann meine Übersetzung. Fragen habe ich dazu eigentlich nicht, aber als Materialsammlung ist es doch ganz praktisch:
3. Strophe:
'Muoter, lât ez sîn!
er sant mir ein rôsenschapel, daz het liehten schîn,
ûf daz houbet mîn,
und zwêne rôte golzen brâhte er mir über Rîn,
die trage ich noch hiuwer an mînem beine.
des er mich bat, daz weiz ich niuwan eine.
jâ volge ich iuwer raete harte keine.'


"Mutter, seid still!
Er hat mir ein Rosenschapel [also vermutlich ein rotes] geschickt, das glänzt,
für meinen Kopf, [das ist ja eigentlich logisch, vielleicht verstehe ich da was falsch?],
und zwei rote Stiefel [also waren Schuhe vielleicht doch nicht immer schwarz] brachte er mir über den Rhein,
die trage ich dieses Jahr an meinem Bein,
worum er mich bat, das weiß ich allein [unsicher].
Ich werde eurem Rat kein bisschen folgen."
Schäring is caring.
Benutzeravatar
Ermelind von Riuwental
Dame / Ritter
Dame / Ritter
 
Beiträge: 111
Registriert: 12.03.2007, 14:59
Wohnort: Leipzig

Beitragvon suse » 12.05.2007, 09:51

Guten Morgen,
also ich würde das Rosenschapel keinesfalls zwingend als rot interpretieren. Möglicherweise ist es mit Rosen verziert (oder tatsächlich ein Kranz aus Rosen). Und was die Stiefel betrifft: Warum sollten die immer schwarz sein? Wer sagt denn sowas? Rötlich gegerbte Stiefel, oder auch gefärbtes Leder sind durchaus nix, was überraschend wäre, besonders, wenn es sich um etwas Besonderes handeln soll (was der Kontext impliziert).

gruß suse
Benutzeravatar
suse
Dame / Ritter
Dame / Ritter
 
Beiträge: 105
Registriert: 26.12.2005, 12:39
Wohnort: Berlin

Beitragvon Ermelind von Riuwental » 12.05.2007, 11:05

Ach, wie peinlich, jetzt habe ich Schapel mit Gebende verwechselt. Ich sollte exkommuniziert werden. :blush: Dann ist es wohl verziert. Hui, das ist ja noch mal gut gegangen.

Rote Stiefel: Irgendwo hier habe ich gelesen, dass die Schuhe auf Abbildungen meistens schwarz sind (Manesse z.B.). Ich hatte damals schon den Verdacht, dass das nix heißen muss.

Noch was zum Rhein: Da Neidhart eher im bayrisch-österreichischen Raum unterwegs war, kann man wohl davon ausgehen, dass die Stiefel französische oder flandrische sind, oder?
Schäring is caring.
Benutzeravatar
Ermelind von Riuwental
Dame / Ritter
Dame / Ritter
 
Beiträge: 111
Registriert: 12.03.2007, 14:59
Wohnort: Leipzig

Beitragvon Frau Ute » 01.06.2007, 14:28

Wir hatten das ja auch im Seminar schon ein bisschen besprochen:

höchstwahrscheinlich war das Rosenschapel tatsächlich ein Kranz aus Rosen und die roten "golzen" könnten genausogut Strümpfe sein. Das ist schwer zu sagen. aber da das Mädel sie "am Bein" trägt, wäre ich eher für Strümpfe. (Lass mir aber dafür keine Hand abhacken!)
Benutzeravatar
Frau Ute
Dame / Ritter
Dame / Ritter
 
Beiträge: 158
Registriert: 28.03.2007, 11:08
Wohnort: Halle/Saale

Beitragvon Ermelind von Riuwental » 02.06.2007, 08:26

Bei den Strümpfen stimme ich zu.
Bei dem Schapel allerdings nicht, denn wenn er ihr schon Strümpfe extra importieren lässt, warum sollte er ihr dann einen Rosenkranz flechten statt etwas aus Metall zu nehmen. Oder von mir aus Brettchenborte?
Schäring is caring.
Benutzeravatar
Ermelind von Riuwental
Dame / Ritter
Dame / Ritter
 
Beiträge: 111
Registriert: 12.03.2007, 14:59
Wohnort: Leipzig

Beitragvon Frau Ute » 02.06.2007, 11:39

*haha Brettchenborte!!! :-)

Ja, das ist mir auch unklar. Zumal ich irgendwo gelesen hab, dass genausogut ein metallenes Schapel mit irgendwelchen (Rosen-)Verzierungen gemeint sein könnte.
Benutzeravatar
Frau Ute
Dame / Ritter
Dame / Ritter
 
Beiträge: 158
Registriert: 28.03.2007, 11:08
Wohnort: Halle/Saale

Beitragvon Carola » 02.06.2007, 15:08

Ich vermute mal, dass der Grund derselbe ist, weshalb Männer heutzutage ein Perlencollier zusammen mit einem Blumenstrauß verschenken. Ist halt viel romantischer. Und mit einer Rose verbinden sich viel mehr Assoziationen, als mit einem Metallreif.
Benutzeravatar
Carola
Herzogin / Herzog
Herzogin / Herzog
 
Beiträge: 1104
Registriert: 16.01.2007, 20:24
Wohnort: Frankfurt/Main

Beitragvon Mel » 02.06.2007, 17:11

Zudem ist es wahrscheinlich ein Frage der Umstände wie kostbar eine Rose ist. Hierbei meine ich nicht nur den ideellen Wert, sondern ich gehe davon aus, dass, wenn es echte Rosen waren diese sicher nicht so eine Massenware waren wie heutzutage, wo es sie sogar im Supermarkt an der Kasse gibt. Ziergärten waren Rar und Schnittblumen finden sich z.B. in der frühen Tafelmalerei sehr oft als Solitär, Also wäre ein Blütenkranz unter umständen sogar schwerer zu beschaffen und evtl auch teuer als ein Kranz aus Buntmetall.

Aber ich habe zu diesen Zeilen eine andere Theorie:
Naja sogar in der Gegenwart gibt es bei vielen kulturellen Gruppen den brauch einen Brautkranz zu Flechten, evtl spielt der text auf ein Solches Ritual an...

Zu den "Golzen":
Weiterhin gibt es den verschiedensten Kulturen und Zeiten den Brauch Hochzeitsstrümpfe anzufertigen oder zu verschenken. Auch beliebt waren bestickte Strumpfbänder, wobei ich hier nicht sicher bin wie weit diese zurückgehen.

Ich schätze (Was ein wenig gewagt ist da ich den Kontext nicht nachgelesen habe ) mal das es sich um eine Verlobung ohne einverständnis der Erziehungsberechtigten handelt, welche, vermutlich mit recht, den Verdacht hegen das vorehelicher Verkehr stattgefunden hat.
Gruß

Mel
Benutzeravatar
Mel
Freifrau / Freiherr
Freifrau / Freiherr
 
Beiträge: 487
Registriert: 23.12.2005, 19:11
Wohnort: Velbert

Beitragvon Ermelind von Riuwental » 03.06.2007, 17:21

Brautkranz und Hochzeitsstrümpfe passen in dem Zusammenhang sehr, sehr gut. Dann bräuchte die Mutter bloß auch nicht mehr jammern, dass sich das Mädel vom Neidhart fernhalten soll. Oder sie meint, Neidhart hätte schon vielen die Ehe versprochen, aber gehalten habe er nix und daher solle ihre Tochter nicht allzu viel auf die Geschenke geben.
Dann besteht doch hier ein Konsens und wir könnten zum nächsten Lied übergehen. :biggrin:
Schäring is caring.
Benutzeravatar
Ermelind von Riuwental
Dame / Ritter
Dame / Ritter
 
Beiträge: 111
Registriert: 12.03.2007, 14:59
Wohnort: Leipzig

Beitragvon Mel » 03.06.2007, 20:29

Ja das mit den leeren Versprechungen passt sehr gut, zumal ich inzwischen auch den Rest gelesen habe von diesem Gedicht.

In diesem Zusammenhang wäre der Beiname Neidhards ja sehr lustig...

Nett das es hier nun ab und Minnesang zum darüber nachdenken gibt, denn das ist eins von vielen Dingen zu dennen ich sonst nur äusserst selten komme....
Gruß

Mel
Benutzeravatar
Mel
Freifrau / Freiherr
Freifrau / Freiherr
 
Beiträge: 487
Registriert: 23.12.2005, 19:11
Wohnort: Velbert


Zurück zu Mittelhochdeutsch

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast