Webgarn verzwirnt oder unverzwirnt - Fundlage

Weben am Gewichtswebstuhl oder auch am Tischwebrahmen... wie man Stoff webt.

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Webgarn verzwirnt oder unverzwirnt - Fundlage

Beitragvon Tjorven » 12.03.2010, 10:28

Ich habe ein neues Tuchprojekt mit selbstgesponnener Wolle in Angriff genommen, das heißt, ich bin eigentlich erst beim Spinnen und fragte mich dann gestern: verzwirnen oder nicht?

Zu meinem Leidwesen ist es wohl tatsächlich so, dass zu Beginn der Weberei im Neolithikum durch die Bronzezeit hindurch verzwirntes Garn für Kette und Schuß verwendet wurde, abgelöst von verzwirnter Kette und einfachem Schußfaden während der Hallstattzeit. Ab der römischen Kaiserzeit und im frühen Mittelalter werden dann sowohl für Kette als auch für den Schuß nur noch einfache Garne verwendet - egal ob Leinen oder Wolle.

Dabei ist die Kette oft mit viel Drall Z-gedreht und der Schuß lockerer gesponnen und damit flauschig S-gedreht.

So steht es zu lesen in Hundt: Die Textilfunde aus den Körpergräbern von Liebenau, 1994 :lesen: .

Das stellt mich für meinen Stoff jetzt vor das Problem, dass mein selbstgesponnenes (relativ dünnes) Garn vermutlich unverzwirnt die Verarbeitung als Kette auf einem modernen Webstuhl nicht überlebt. Die mechanische Beanspruchung vom Kette schären über das Aufbäumen, den Litzeneinzug und vor allem den Webkamm erscheint mir zu groß.

Eigentlich hatte ich gedacht, das selbstgesponnene Garn nur als Schuß zu verwenden, aber was nehme ich jetzt als Kette? :gruebel:

Hat das schon jemand hier ausprobiert? Gibt es vielleicht irgendwo eine haltbare unverzwirnte Garnvariante zu kaufen?
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Beitragvon Draca » 12.03.2010, 18:14

Hallo, Tjorven!

Jetzt melde ich mich halt doch an, nachdem ich bisher immer nur stumm mitgelesen habe.

Die Haltbarkeit von selbstgesponnen Wollgarn-Ketten wird oft grob unterschätzt!
Ich habe schon einige selbstgesponnene Wollgarne, sowohl Einfach- wie auch gezwirnte Garne verwebt und bisher hat alles funktioniert. Ein Teil davon habe ich mit dem Gatterkamm verwebt, den Rest mit selbstgeknoteten Litzenstäben und nur den Schlitzen eines Gatterkamms mit der doppelten Fadenzahl als Ried. :biggrin:

Der Trick ist, die Kette zu schlichten. Bei mir hat sich dafür ganz einfache Wäschestärke -das Pulver- 2x3-fach konzentriert, bewährt. Der Boden ist zwar nach dem Weben immer etwas weiß eingepudert, aber damit kann ich leben.
Wenn sich mal das Kettgarn an einer Stelle etwas aufribbeln sollte, hilft zur Not Haarlack, um die Stelle so weit zu fixieren, bis man drübergewebt hat.
Sowohl Wäschestärke wie auch Haarlack lassen sich später aus dem fertigen Stoff prima rausspülen, ohne das davon was filzt.

Also: trau dich! Ich spinne auch gerade wieder an dem Material für einen großen Mantel. :dizzy: Damit der mythos von den nicht stabilen Wollketten endlich mal aufhört.

Liebe grüsse,
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Beitragvon Sioux » 13.03.2010, 09:21

Hallo

Mit was Webst Du? ein Webstuhl mit schäften oder Webrahmen mit Gatterkamm?

Ich webe nur auf Webstühlen also die mit schäften. Hin und wieder mache ich mir auch ein Stück Stoff aus meiner gesponnenen und gezwierten Wolle. Dabei ist die Kette immer gezwiernt, ich traue einfach nicht, Dochtgarn zu nehmen. Auf der Kette ist dei meiste belastung. Auch muß ich noch sagen, daß ich sehr locker Spinne. Und das Dochtgarn geht ann nicht als Kette weil sich die verdrehung der Faser dann duch den Anschlag des Schußfadens nach vorne schiebt.

Mit gezwiernter Wolle habe ich jedoch keine Probleme. es sei denn, ich habe mal wieder zu dünn gesponnen. :biggrin:
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Beitragvon marled » 13.03.2010, 09:33

Fundlage wann? Der Gebrauch von verzwirnten bzw.unverzwirnten Kettgarnen wechselt zwischen den Jahrhunderten und den Regionen, deshalb wäre eine spezifizierung hilfreich.
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Re: Webgarn verzwirnt oder unverzwirnt - Fundlage

Beitragvon Tjorven » 13.03.2010, 10:27

Hallo Marled,

das war eher eine Feststellung und keine Frage...

Tjorven hat geschrieben: Ab der römischen Kaiserzeit und im frühen Mittelalter werden dann sowohl für Kette als auch für den Schuß nur noch einfache Garne verwendet


Mit Merowingerzeit und Niedersachsen muss ich mich wohl mit unverzwirntem Garn rumschlagen - ich weiß nur noch nicht, ob ich mich traue! Wer schmeißt schon gern das Produkt stundenlanger Arbeit in die Tonne...

Ich hatte die Hoffnung, dass es irgendwo superhaltbares Garn zu kaufen gibt, da ich meinem handversponnenen nicht so ganz über den Weg traue, aber Versuch macht kluch - vielleicht überwinde ich mich ja noch.
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Beitragvon marled » 13.03.2010, 20:09

Nimm das FaroeGarn von Borgs, 6/1, das ist relativ haltbar und nicht so schwierig zu verweben, wenn es nicht zu dicht eingestellt ist. Erhältlich bei Traub und Künzl, wenn ich mich nicht irre.
Oder das einband von Álafoss, erhältlich bei www.nammi.is. Momentan ist es selbst mit Porto aus Island erschwinglich.
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Beitragvon Tjorven » 14.03.2010, 09:49

Danke Marled, leider kann ich das FaroeGarn nur in Schweden finden und nicht bei Traub, ich guck gleich mal bei Künzl - der andere Link funzt nicht so richtig, die Seite lädt ewig... das probier ich nach der Arbeit nochmal *stöhn*...
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Beitragvon meirah » 14.03.2010, 17:20

Hallo Tjorven,
mal ein ganz banaler Vorschlag,.... nimm doch mal ein bisschen was von deinem selbstgesponnen Garn und zieh mal eine kleine Probekette auf und mach ein Probeläppchen (ähnlich wie beim Stricken) dann siehst du wie das Garn sich verhält.. ;-)
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Beitragvon Sanja » 14.03.2010, 23:09

Hier hat Sylvia einen sehr schönen Erfahrungsbericht geschrieben:

http://www.flinkhand.de/forum/viewtopic.php?t=5153

Vielleicht hilft Dir das weiter?!

Liebe Grüße,
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Beitragvon Draca » 15.03.2010, 09:36

Sioux hatte geschreiben:

Mit was Webst Du? ein Webstuhl mit schäften oder Webrahmen mit Gatterkamm?


Hoi!

Sorry für die späte Antwort, ich war das Wochenende über nicht am Computer.

Ich webe auf einem sehr breiten, ultramassiven Rahmen (Künzl "Kiruna") sowohl mit Gatterkamm, wie auch mit geknoteten Litzenstäben, ähnlich wie beim Gewichtswebstuhl, und dann mit einem Gatterkamm als Ersatz für das Ried, wenn ich Köper weben möchte.
Bei beiden Methoden kommt eine ziemliche Belastung auf das Kettgarn, besonders, wenn ich die Schlitze eines Gatterkamms mit doppelter Fadenzahl/cm (z.B. 80/10 für ein 40/10-Stoff) als Riedersatz verwende.

Ich denke, der Trick ist das Schlichten. Ungeschlichtet würde sich das Garn durch die massive Reibung der Holzkämme zu schnell aufribbeln. Und Drehung kannn sich so auch keine verschieben, weil die ist dann ja "festgeklebt". :biggrin:
Und ich spanne die Kette allerdings immer recht stark. Das macht sicher auch noch was aus, weil sich dann das Garn etwas streckt und dadurch a.) dünner wird und b.) sich nicht mit dem Kamm mitbewegen kann.

Ich muß aber sagen, daß ich meist sehr fest spinne -und das insbesondere, wenn ich vorhabe, daß Garn als Kette zu verwenden. Obwohl ich auch schon für meine Verhältnisse relativ "locker" versponnenes Einfachgarn verwebt hatte.

Liebe Grüsse,
Draca
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