Gewürze: antik und mittelalterlich?

Gaumenschmaus und Festgelage - was wurde aufgetafelt?

Moderator: Moderatoren

Gewürze: antik und mittelalterlich?

Beitragvon Kattugla » 26.03.2009, 20:53

Ihr Lieben,

manchmal bringt Phönix-Gucken mehr Fragen als Antworten - so wie gerade eben.
Auf Märkten üblich ist ja gelegentlich das Verabreichen gewürzter Gesöffe (Würzwein, Met, gewürztes Bier, heißer Apfelsaft...). Vom Pfeffer und anderen Spezereien, die ins Essen wandern gar nicht zu reden.

Nun ist es doch wohl so, dass Muskat, Zimt, Ingwer, Safran und Co erst mit den Holl- und Engländern aus Südostasien nach Europa schippern konnten. Und dazumal auch noch schweineteuer waren.

Oder irre ich da meilenweit? Beim Safran kann ich mir ja noch denken, dass der auch schon vor der kolonisierenden Seefahrt in Europa bekannt war - der beste ist heute noch aus Persien und kann sicherlich auch auf dem Landweg geritten gekommen sein.
Auch die mediterrane Küche wartet ja mit Einheimischem auf - Lavendel, Basilikum und so weiter.

Was aber ist denn nun mit den Exoten?

Wie kommen Zimt oder Ingwer denn nun wirklich in angeblich überlieferte Rezepte von Hypokras oder Mulsum?
Was macht der 63. Rollo der Wikinger mit Pfeffer und Kardamom in seinem Met?
Und wie zum Duivel kommt der Pfeffer auf ein HoMi-Spanferkel???

...ich weiß... :blush: - die Korinthen, die ich gerade k...cke, sind historisch auch nicht nachvollziehbar... :cool:
Zumal ich mir dann ja auch mein historisch völlig inkorrektes Bier (mit Hopfen, bähhh...) ankreiden lassen muss...
(ansonsten gibbet bei uns im Lager immerhin Wasser und Apfelwein)

Klärt mich Ahnungslose doch bitte mal auf!
Bild"Verlasse dich nie auf das Bier eines gottesfürchtigen Volkes!" (Quark)
mein Wichtel-Fragebogen
Benutzeravatar
Kattugla
Moderator
Moderator
 
Beiträge: 1480
Registriert: 15.02.2008, 16:13
Wohnort: im Taunus

Beitragvon Carola » 26.03.2009, 21:47

Lavendel und Basilikum sind in Mitteleuropa nicht gerade heimisch. Das Gleiche gilt für Thymian (thymus offizinalis), Rosmarin, Petersilie und Melisse. Sogar die Zwiebel kam erst mit den Römern nach Europa und war noch zu Zeiten Rollos des Wikingers teure Importware.
Die Bekanntheit dieser Kräuter wurde durch die Christianisierung Nord- und Mitteleuropas und die damit verbundene Anlage von Klostergärten begünstigt.

Andererseits waren Piment, Safran, Zimt und Ingwer genauso, wie Galgant, Muskat, Nelken und Pfeffer zumindest im Hochmittelalter in den besseren Kreisen durchaus geläufig. Pfeffer war allerdings so teuer, dass man an seiner Stelle meist die heute kaum bekannten Paradiskörner verwendete.
Diese Gewürze kamen zuerst vorwiegend über Spanien (wo m.W. schon unter den Mauren Safran angebaut wurde) in den Norden, später war auch Venedig ein bedeutender Umschlaghafen.
www.igwolf.de
jetzt auch auf facebook: www.facebook.com/pages/IG-Wolf-eV/181515928555627
Versuch es erneut. Scheitere wieder. Scheitere besser.
(S. Beckett)
Benutzeravatar
Carola
Herzogin / Herzog
Herzogin / Herzog
 
Beiträge: 1104
Registriert: 16.01.2007, 20:24
Wohnort: Frankfurt/Main

Beitragvon Schneiderschneck » 26.03.2009, 21:48

Naja, Gewürze müssen ja nicht immer aus Kolonien gekommen sein. Vor den Kolonisten haben die Einheimischen auch schon ihre Geschäfte mit Händlern gemacht, die die Sachen dann transportiert haben. Es gab sicher keinen Direktimport im heutigen Sinne - die Gewürze kamen über den Indischen Ozean, das Rote Meer und den Nil nach Venedig und von da aus nach ganz Europa. Und jeder wollte seinen Anteil an diesem Geschäft haben, was Gewürze natürlich kostbar machte. Insofern, der Pfeffer auf dem Spanferkel auf dem Mittelaltermarkt ist schon voll okay, wenn das Spanferkel von reichen Leuten gegessen wird. ;-) Alle anderen werden wohl das genommen, was sie im Garten anbauen konnten, und über Wikinger weiß ich nicht genug.
Aber gibt´s eigentlich noch irgendwo Bier ohne Hopfen?
Schneiderschneck
Jungfer / Knappe
Jungfer / Knappe
 
Beiträge: 56
Registriert: 17.07.2006, 10:17
Wohnort: Hamburg

Beitragvon Kattugla » 26.03.2009, 21:58

Schneiderschneck hat geschrieben:Aber gibt´s eigentlich noch irgendwo Bier ohne Hopfen?

Dann darf es - nach der mönchischen Bierzensur (auch Reinheitsgebot genannt) - nicht mehr Bier genannt werden.
Christian Rätsch hat ein überaus spannendes und schönes Buch dazu verfasst.

...die Gewürze kamen über den Indischen Ozean, das Rote Meer und den Nil nach Venedig und von da aus nach ganz Europa...

Wie denn? Und ab wann?
Ich bezweifle ganz stark, dass die Merowinger schon Gewürze aus dem venezianischen Handel bezogen... ;-)

Lavendel und Basilikum sind in Mitteleuropa nicht gerade heimisch. Das Gleiche gilt für Thymian (thymus offizinalis), Rosmarin, Petersilie und Melisse. Sogar die Zwiebel kam erst mit den Römern nach Europa und war noch zu Zeiten Rollos des Wikingers teure Importware.

Wow. Das wusste ich nicht. Was mich nebenbei zu der Erkenntnis bringt, dass das laguz imFuthark dann wohl doch den Bärlauch meint...
Oder war der Porree hier heimisch?
Und was ist mit Mulsum und Rollos Met?
Bild"Verlasse dich nie auf das Bier eines gottesfürchtigen Volkes!" (Quark)
mein Wichtel-Fragebogen
Benutzeravatar
Kattugla
Moderator
Moderator
 
Beiträge: 1480
Registriert: 15.02.2008, 16:13
Wohnort: im Taunus

Beitragvon Carola » 26.03.2009, 22:42

Was soll mit Rollos Met sein? Honig gabs auch in Haitabu, Birka und in der Rus. Wenn Rollo ihn würzen wollte, hätte er das z.B. mit Mädesüß tun können. Und wenn das "piper" im Mulsumrezept des Apicius mit Pfeffer übersetzt wird, wüsste ich ad hoc kein Gegenargument.

Pfeffer kam m.W. auch in Antike und Mittelalter aus Indien (vorwiegend von der Ostküste). Über die Handelsbeziehungen der Römer weiß ich wenig, aber angeblich wird bei Plinius eine Hafenstadt in Indien erwähnt.
Ich halte es zwar für unwahrscheinlich, dass eine Galeere von Rom nach Indien segelte, aber Damaskus lag durchaus in Reichweite. Und Damaskus liegt an der Seidenstraße, auf der auch Gewürze gehandelt wurden.
www.igwolf.de
jetzt auch auf facebook: www.facebook.com/pages/IG-Wolf-eV/181515928555627
Versuch es erneut. Scheitere wieder. Scheitere besser.
(S. Beckett)
Benutzeravatar
Carola
Herzogin / Herzog
Herzogin / Herzog
 
Beiträge: 1104
Registriert: 16.01.2007, 20:24
Wohnort: Frankfurt/Main

Beitragvon Schneiderschneck » 26.03.2009, 22:45

Kattugla hat geschrieben:Dann darf es - nach der mönchischen Bierzensur (auch Reinheitsgebot genannt) - nicht mehr Bier genannt werden.
Christian Rätsch hat ein überaus spannendes und schönes Buch dazu verfasst.

Schade. Darf man es auch nicht als alkoholhaltiges Getränk ohne Bitterkeit verkaufen? :wacky:
Offenbar gab´s den Handelsweg schon seit dem 10. Jahrhundert. Über die Alpen sind die Sachen dann als "Saumware" gekommen - zusammen mit Zucker, Seife, Lakritz und anderen netten Dingen, und jeweils über Zwischenhändler, die das Transportrisiko über eine kurze Strecke übernahmen und dafür Geld nahmen.
Für Porree, also Lauch, gibt´s englische Rezepte aus dem 14. Jahrhundert. Und die Waliser haben den Porree als Landespflanze, seit sie eine Schlacht gegen die Sachsen mit Porree an der Mütze gewonnen haben.
Schneiderschneck
Jungfer / Knappe
Jungfer / Knappe
 
Beiträge: 56
Registriert: 17.07.2006, 10:17
Wohnort: Hamburg

Beitragvon Theodora » 27.03.2009, 09:17

Halölle,

also soweit ich weiß, war auch der so genannte Langpfeffer (Piper longum) schon relativ früh im europäischen Raum bekannt. Der wurde schon vor dem schwarzen Pfeffer benutzt.

Das Problem bei den Gewürzen ist, denk ich auch die Bezeichnung/Namen. Ich bin nicht so der Fachmann, aber ich hab mal irgendwo gelesen oder auch gehört (sorry mein Kopf ist heut doof), dass alte Bezeichnungen/Namen von Gewürzen heute so nicht mehr gebräuchlich sind und nur vermutet werden kann was es war oder heute so sein könnte.

Ich muss mal in meinen Büchern schauen (hab ich auf Arbeit gerade nicht zur hand ;-) ) ob ich was über die Handeslwege finde.

Grüße
Du bist vielleicht enttäuscht wenn Du scheiterst, aber Du bist verloren wenn Du es nicht probierst! (Beverly Sills)
Benutzeravatar
Theodora
Freifrau / Freiherr
Freifrau / Freiherr
 
Beiträge: 459
Registriert: 27.08.2007, 08:16
Wohnort: Donnersbergkreis

Beitragvon Chrissie » 27.03.2009, 09:58

Ich hatte für mich da mal diesen Link abgelegt, da mich die Kocherei sehr interessiert.
Liebe Grüße,
Chris

If I´m sitting, I´m knitting.Bild
Bild
Benutzeravatar
Chrissie
Fürstin
Fürstin
 
Beiträge: 967
Registriert: 11.11.2008, 10:36
Wohnort: Duisburg

mein Senf zu den Handelswegen

Beitragvon Liekendeelerdeern » 27.03.2009, 10:35

Also die Küche ist zwar nicht meine „Baustelle“ aber mit den Handelswegen der Wikinger habe ich mich beschäftigt.

    a) Ich weiß, das Seide im 9.JhAD in Südschweden nachweisbar ist, daraus habe ich für mich den Schluss gezogen,
    das es über die „Russlandroute“, natürlich über Umwege&Zwischenhändler Handelskontakte nach Fernost/Arabien gegeben haben muss.

    b) Ich weiß außerdem, dass in der experimentelle Archäologie eine chinesische Dschunke 1:1 nachgebaut wurde
    und eine Reise nachgestellt wurde von Beijing nach Ostafrika und damit die Möglichkeit der Handelsbeziehungen
    von China über Arabien bis zum Horn von Afrika erwiesen sind.
    Zum Teil werden diese uralten Handelswege heute noch mit arabischen Daus von Indien bis Ostafrika befahren (ohne Motoren!!! nur mit Segeln)

    c) Erst gestern habe ich über alte Biersorten und deren Grundbestandteile im Schleswig-Holstein-Magazin ein Bericht gesehen.
    Emmerkorn ist eine alte Weizensorte, die zum Bierbrauen verwendet wurde und auch heute noch wird,
    da fürs Brotbacken zu wenig Kleberanteil im Mehl vorhanden ist.
    Diese Getreidesorte wird aktuell noch vom Domänengut Fredeburg bei Ratzeburg angebaut.
Always in Service to the Dream

Kalina von Liubice (Katie)
Benutzeravatar
Liekendeelerdeern
Gräfin / Graf
Gräfin / Graf
 
Beiträge: 707
Registriert: 03.07.2008, 08:20
Wohnort: Ratzeburg / Schleswig-Holstein

Beitragvon meirah » 27.03.2009, 12:33

@ Kattugla
für ein paar Infos zu Gewürzen kann ich nur den botanischen Garten der Uni Gießen empfehlen, die haben einen gesonderten Bereich für historischen Würzpflanzen von der Antike bis zur Neuzeit. Ist im Sommer besonders schön und für dich ja auch nicht weit....
Benutzeravatar
meirah
Freifrau / Freiherr
Freifrau / Freiherr
 
Beiträge: 407
Registriert: 22.02.2008, 22:35
Wohnort: Essen

Nächste

Zurück zu Mittelalterlich kochen

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast