Notation

Von Minnesang über Dudelsack und Lautenspiel bis zu mittelalterlichen Tanzschritten - Spielt auf zum Tanz!

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Notation

Beitragvon Flinkhand » 26.12.2005, 21:09

Mithfenien
... Erstellt am 16.04.2004 - 11:54

Hallo Zusammen!

Ich bin ja nu noch sehr neu, was das Interesse am Enacting betrifft - nicht neu jedoch beim Interesse an Kultur vergangener Zeiten (ich bin studierte Medien- und Kulturwissenschaftlerin).

Ein Thema, was mich immer sehr interessiert, ist das große 'A' - Authentizität - wie auch immer man das bewerten mag, da gibt es ja verschiedenste Ansätze (alle interessant!).

Z.B. im Fall der Musik - wie authentisch ist mittelalterliche Musik zu reproduzieren?
Gab es Notationen (außer natürlich geistlicher Musik?)?
Meine Kenntnisse sind da nicht sehr tiefgreifend - bis zurück zur Renaissancemusik kenn ich mich ein bischen aus, aber dann...

Vielleicht hat ja jemand Lust, das Thema zu diskutieren?

Liebe Grüße,
Mithfenien



Alheydis ...
... Erstellt am 16.04.2004 - 13:15

Bei Notationen müsste ich mal zu Hause nachschauen. Ich meine mal einen Artikel in der Karfunkel gesehen zu haben Wenn ich mich richtig erinnere, waren nur die Notenköpfe aufgezeichnet. Das lässt den Spielleuten natürlich viel Freiraum zur Interpretation. Ein gutes Beispiel ist da die CD des Van-Langen-Projektes mit dem Palästinalied. Ein Lied, 13 Strophen Text, 7 Teile nur Musik, 20 Interpreten. Und es hört sich so unterschiedlich an, dass man manchmal schon genau hinhören muss, um das Lied noch zu erkennen

Alheydis



Sabine
... Erstellt am 16.04.2004 - 14:05

Hallo Mithfenien,
da hast Du Dir ja gleich ein spannendes Thema ausgesucht!
Wie authentisch kann man Musik aus dem Mittelalter reproduzieren?!
Das fängt schon mal bei den "authentischen" Instrumenten an. Hat man diese, dann geht's weiter zur Notation.

Meistens gab es nur die Adiastematie, d. h. eine linienlose Notation, dei der der Notenverlauf keinen Rückschluss auf die wirkliche Tonhöhe und die exakten Intervalle zuläßt. Die Melodie kann also weitergegeben werden, aber die Tondauer, der Rhythmus und die genaue Tonhöhe ist Interpetationssache.....

Erst mit Guido von Arezzo (gestorben 1050) wurden "Noten" durch Linien fixiert, aber dieses System setzte sich nur schleppend durch. Soweit ich weiss, hat man in Deutschland bis weit ins 15. Jhd. linienlos notiert (sog. Neumen).

Diese Neumen gab es schon seit dem 9. - 11. Jhd, aber wie Du schon schreibst, bei der geistlichen Mehrstimmigkeit (Choräle). Die weltliche Einstimmigkeit setzte sich nur langsam durch. zusätzlich zu diesen Neumen gab es noch hier und da Zusätze, ob ein Stück schnell oder getragen gesungen werden sollte.

Zusätzlich kam erschwerend hinzu, daß es imense regionale Unterschiede bestanden. Es gab Quadratneumen, Hufnagelneumen, St. Gallen schrieb sie anders als Metz usw...

Ab dem 15. Jhd. wurde die Notation wieder vereinfacht und es kam der Takt dazu und ab dem 14. Jhd gab es "Griffschriften" für Tasten- und Zupfinstrumente (Tabulaturen), die nicht nur Tonhöhe, sondern auch den "Griff" bezeichnen.....

Ab der Rennaissance kamen dann reproduzierbare Melodien auf.

So und jetzt mußten die niedergeschrieben Stücke auch den Zahn der Zeit überstehen...
M.a.W. "authentisch" reproduzierbare Lieder aus der Zeit vor der Rennaissance sind sehr selten.....

Vielleicht wissen die anderen noch mehr???

Viele liebe Grüße
Sabine



Mithfenien
... Erstellt am 17.04.2004 - 20:25

Wow!

Mein Dank an Alheydis + Sabine!
Sehr informativ! Gebt mir mehr...
Ich lass mir das ganze mal durch den Kopf gehen, damit mir dazu noch ein paar produktive Fragen einfallen.

Ganz liebe Grüße,
Mithfenien



Sabine
... Erstellt am 17.04.2004 - 20:57

Hallo Mithfenien,

wir sind zu jeder Schandtat bereit

Auf jedenfall war die Frage schon sehr interessant! Wir helfen gerne noch weiter!

Sabine



Rigana ...

... Erstellt am 25.04.2004 - 14:05

Also hier ist ja schon einiges gesagt worden.

Eine genaue Reproduktion mittelalterlicher Musik ist heute eigentlich gar nicht mehr möglich. Zum einen, weil die Korpora erhaltener Musik recht klein sind (mündliche Tradierung war auch im musikalischen Bereich gang und gäbe), zum anderen sind wir selbst keine "mittelalterlichen" Menschen.

Unsere Hörumgebung und auch die Wahrnehmung der Welt unterscheidet sich von der Mittelalterlichen. Alleine die Überlegung "Was war das lautestmögliche Geräusch für den mittelalterlichen Menschen?" zeigt uns, dass wir heute mit Sicherheit in einer deutlich lauteren Welt leben und daher auch die tatsächliche Lautstärke von tatsächlicher mittelalterlicher Musik (also nicht die heutige "Marktmusik" gänzlich anders empfinden. Ein gespielter Dudelsack bedeutete damals garantiert noch größeren Lärm als heute *ggg*

Zum visuellen Wahrnehmungsbild: die großen mittelalterichen Kathedralen sind für uns immer noch eindrucksvolle Bauwerke vom Stil oder von der Konstruktion, aber garantiert nicht die höchsten uns bekannten Häuser. Wie hoch war ein durchschnittliches Stadthaus im MA? Eine Kathedrale muss auf die damaligen Menschen in ihrer Höhe und Weiträumigkeit sicher göttlich gewirkt haben.

Zur Aufführungspraxis mittelalterlicher Musik kann man lediglich spekulieren. Es gibt einige bildliche Darstellungen der Musikausübung, anhand derer man die Zusammensetzung bestimmter Ensembles rekonstruieren kann. Was aber als ziemlich sicher gilt: bis zur Renaissance (und selbst dann noch) war Vokalmusik dominierend. Rein instrumentale Stücke gab es zwar auch, aber eigentlich nur als Umsetzung vokaler Werke (also statt Stimme ein Instrument). Dies gilt jetzt für den Bereich der höfischen/geistlichen Musik. Die Musik des Volkes ist praktisch nicht schriftlich überliefert.

Ähm ja... also das war jetzt ein bissl lang... daher jetzt auch nicht mehr zu Notationen... aber Musik ist mein fachliches Steckenpferd

Mehr darüber später
Rigana
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