mittelalterliches Saumgeschummel?

Welche Sitten und Gebräuche pflegte man im Mittelalter? Ob christlich oder heidnisch - hier wird es diskutiert.

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mittelalterliches Saumgeschummel?

Beitragvon Kattugla » 16.06.2008, 19:52

Ihr Lieben,
vor allem die Mittelalterlichen und Bortenweber, denn ich bin a) recht ahnungslos und b) zeitlich etwas früher unterwegs

heute brachte mich der Bericht einer Frau zum Schmunzeln, die am letzten Wochenende eine historische Stadtführung durch Gelnhausen mitgemacht hat und - da sie selbst auf der Saalburg im Museum arbeitet und weiß, was ich so nebenher treibe - mir begeistert davon erzählte.

Unter anderem wurde ihr auch erklärt, welch durchaus praktischen Sinn die häufige Bortenverzierung an diversen Rock- und Mantelsäumen gehabt hätte:
da die Kanten aufgrund der Länge sehr häufig abgestoßen waren, es jedoch Verschwendung gewesen wäre, deshalb einen kompletten Rock respektive Mantel auszumustern, wäre es wohl üblich gewesen, unten an den Saum eine ca. handbreite Stoßkante zu heften und die Heftnaht mit einer Borte zu verdecken. So hätte man den abgestoßenen Saum schnell gegen einen neuen tauschen können, die lockere Heftnaht und die darüberliegende Versteck-Borte machten das wohl recht einfach.

Mich interessiert das - zumal ich die Idee auch aus Markttauglichkeitsgründen hochgradig praktisch finde.
Was wißt Ihr darüber? Ist da was dran?

neugierig,
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Beitragvon TheaEvanda » 16.06.2008, 20:35

Bei der Paramentennäherei ist das heute noch üblich, allerdings in der Werkstatt, in der ich arbeite, in etwas modernisierter Form:

Die Caseln (vor allem Baßgeigen, also römische Caseln) werden im Oberstoff exakt auf Kante zugeschnitten, der Futterstoff dagegen mit etwa 3cm "Nahtzugabe".
Dann wird der Futterstoff nach oben auf die rechte Seite geschlagen und alles mit der Borte versäubert.
Abreißen der Borte legt also all die ungesäuberten Stoffenden frei. Bei alten Caseln werden nur Futter und eventuell Borte ersetzt und die Casel ist wieder einsatzbereit. (Wenn man von den Tonnen Dreck absieht, die die Dinger schon gesammelt haben).

Bei gothischen Caseln (die Gebetszelte) macht man sich normalerweise nicht die Mühe, aber wir hatten schon eine Restauration, in der der Futterstoff exakt auf Kante zugeschnitten war, dann kam ein laaanger Schrägstreifen aus Futterstoff, am Futter festgenäht und um die Vorderseite geschlagen, unversäubert übernäht/befestigt mit einer 5mm-Metallborte. Die Hölle zum Auftrennen...

Also, wenn man nach der Regel geht, das Kirchens Kreuzkonservativ ist würde ich sagen... kann schon stimmen.
Wenn wir schon dabei sind: Das gleiche Kanten-Säuberungskonzept ist auch für meinen bestickten Radmantel geplant. Da habe ich aber vor, die "Schmutzkante" regelmäßig zum Waschen abzunehmen und neu anzubringen.

--Thea
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