Ross und Reiter

Welche Sitten und Gebräuche pflegte man im Mittelalter? Ob christlich oder heidnisch - hier wird es diskutiert.

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Beitragvon Verry » 04.08.2012, 08:26

Ja, beim Erschrecken merkt man viel von der Haltung. Wenn ich mir das Pflegepferd meiner Cousine angucke, das die ersten 18 Jahre seines Lebens in einer Box und auf Turnieren verbracht hat und vor allem erschrickt (jetzt wo er aus der Box auf die Koppel umgezogen ist, wirds besser) und "unsere" Schulpferde aus Offenstallhaltung, die vor Treckern in 10 cm Abstand noch vor spielenden Hunden in der Reithalle keine Angst haben..... ;-)
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Beitragvon Tjorven » 04.08.2012, 08:30

Opium-Angel hat geschrieben:Tölt ist ja so ein Spezialgang von Isländern. Ich wüsste jetzt nicht, dass andere Pferderassen den drauf haben. :gruebel:


Klar: Paso Peruano und Paso Fino und damit auch Aegidienberger, Saddlebreds, Töltende Traber und ähnlich wie Tölt Mangalarga Marchador, Tennesse Walking Horse und so weiter - Gangpferde gibt es jede Menge und der Viertakt ist der gleiche, es sieht nur manchmal ein bißchen anders aus.
Derjenige, der etwas zerbricht, um herauszufinden, was es ist, hat den Pfad der Weisheit verlassen. J.R.R. Tolkien
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Beitragvon Klara » 04.08.2012, 14:07

Das Blöde bei den Extragängen ist nur, dass man meistens dran arbeiten muss, damit sie nicht in Passgeruckel ausarten. Und ich habe leider in 35 Jahren Reiterleben, davon die letzen 15 als Besitzerin eines TWHs und immer auf der Suche nach anderen Gangpferde-Erlebnissen, keinen einzigen bequemen Passgänger geritten! (Isi im Rennpass fehlt mir leider - aber ob das im MA als geeignete Beschäftigung für Damen gesehen wurde?) Bestenfalls ist der Pass so taktrein, dass man ihn leichttraben kann. Schlimmstenfalls rüttelt er einem alle Knochen durcheinander.

Kann aber natürlich sein, dass die Zelter früherer Zeiten alle - oder zumindest die guten, begehrten (hoch bezahlten) - Naturtölter waren, denen der klare Viertakt angeboren war.

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Beitragvon Susanna » 05.08.2012, 15:36

@Opium-Angel: Stimmt schon, bei den Pferden ist es wie bei den Hunden: guck dir das Tier an, und du kennst Frauchen oder Herrchen. :gruebel:
Und Criollos kenne ich, wir haben zwei am Stall, einen reite ich des öfteren. Ich könnte mir vorstellen, einen Criollo zu kaufen, wenn ich denn irgendwann ein Pferd haben wollte.

@Klara: das finde ich interessant, weil der Paß ja immer als bequem angesehen wird. Ich hatte bislang nur einmal einen Paßgänger, einen Isländer. Ich fand es nicht sooo viel bequemer wie den Trab eines rund gehenden Dreigängers. Im Gegensatz dazu den gewaltigen Trab einer Traberstute, da bekam ich im leichten Sitz noch Schwierigkeiten.
Tölt - andere Varianten davon kenne ich leider auch noch nicht - fand ich zwar recht bequem, aber wie ist das über längere Strecken?
Vielleicht Gewohnheit, aber ich ziehe einen schönen runden Kanter eines gut gerittenen Pferds den Sondergängen vor. Und den "Jog", den auch Haflinger können, dem ewigen Leicht-Getrabe *bäh*. Ich reite übrigens nicht Western, sondern "Englisch" oder "Spanisch". :biggrin:

Um den Bogen zurück zum Thema zu bekommen: wenn ich recht informiert bin, hatten z.B. Ritter mehrere Pferde unterschiedlichen Typs. Die Pferde oder Mulis, die für lange Strecken genommen wurden, hatten dann vermutlich die eher flachen Gänge der heutigen "Arbeitspferde" und genügend Kondition, während das Streitross eher mit einem Stierkampfpferd oder sowas vergleichbar war, also ein wendiges Pferd mit schnellen Starts und Stops, Seitengängen und alldem, aber eher begrenzter Ausdauer.
Aus der zeitgenössischen Literatur und deren Kampfbeschreibungen lässt sich das nicht 1:1 nachlesen, aber so aus dem Zusammenhang kommt es so rüber.
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Beitragvon Opium-Angel » 05.08.2012, 18:50

@Tjorven: Again what learned! :-)

Susanna hat geschrieben:Um den Bogen zurück zum Thema zu bekommen: wenn ich recht informiert bin, hatten z.B. Ritter mehrere Pferde unterschiedlichen Typs. (...)

Ich meine mich zu erinnern, dass ich mal gelesen habe, dass die ganz wohlhabenden sogar bei den "Streitrössern" noch zwei unterschiedliche hatten: Eins, bei dem Farbe etc. egal waren ("ein gutes Pferd hat keine Farbe" ;-)), das aber für den Kampf perfekt geeignet und ausgebildet war. Und dann noch eins, das zwar nicht fürs Schlachtfeld taugt, aber zum Angeben auf Paraden o.ä. bestens geeignet, weil es eine "tolle Farbe" (Schimmel? Glanzrappe?) hatte und imposante Gänge etc.

Ich weiß leider nicht mehr, wo ichs gelesen hab und insofern auch nicht, wie "vertrauenswürdig" diese Quelle ist, aber vorstellen kann ich mir das sehr gut.
Und in Ergänzung dazu dann noch ein bequemes Reisepferd/-muli und vielleicht ein Packpferd... Da kommt schon was zusammen! :dizzy:
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Beitragvon Klara » 06.08.2012, 11:35

Tja, Ritter-sein war nicht billig!

Das mit dem bequemen Pass dürfte so eine Falschaussage sein, die einer vom anderen abschreibt, ohne es je selbst ausprobiert zu haben... Gibt's ja öfter. Und da Kutschen und Kavallerie die Sondergänge in den grössten Teilen Europas weitestgehend verdrängt hatten, bis die Freizeitreiter sie in den letzen Jahrzehnten wiedergeholt haben, war das mit dem Ausprobieren auch nicht so einfach. Und dann ist es ja auch noch Geschmackssache, bzw. hängt davon ab, was man mit was vergleicht (ich hab' da einen grossen Warmblüter im Kopf, dessen Trab nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, dass ich mir ein Gangpferd gekauft habe).

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Beitragvon marled » 06.08.2012, 15:52

Da ich seit Jahrzehnten Isländer reite, kann ich bestätigen, dass es durchaus angenehm weich gehende Passgänger gibt.
Allerdings glaube ich eher, dass es eine ethymologische Unschärfe war, die zu dieser Aussage geführt hat. Bis zur (Wieder)Entdeckung der Zusatzgänge in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es dafür nur einen Begriff: Paßgang, der eine laterale Gangart beschrieb im Gegensatz zum diagonalen Trab. Zwischen hartem Schweinpass, der meist auf Verspannungen unterm Reiter zurückzuführen ist über den durchaus weichen Passtölter bis zum reinen Viertakttölt gibt es da ja eine Menge von Gangverschiebungen. Es kann also durchaus sein, dass mit dem "Paßgänger" eigentlich ein Tölter gemeint ist. Das Wort Zelter allein deutet ja schon auf die Verwandschaft zum Wort Tölt, das aber im deutschen Sprachgebrauch seit Hunderten von Jahren nicht mehr vorkam/nötig war, da den Pferden die laterale Gangveranlagung weggezüchtet wurde.
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Beitragvon Susanna » 07.08.2012, 19:20

Weiß man eigentlich, warum die Sondergänge weggezüchtet wurde? Ich meine, Kavallerie gab es bis in neuere Zeit hinein ... gelegentlich sieht man zackelige Filmdokus vom 1. WK, wo die Herren leichttrabend des Weges kommen. Schön blöd. :devil:

@Opium-Angel: das mit den Farben könnte man aufgrund der Darstellungen nachvollziehen. Zum Beispiel sieht man des öfteren blaue Pferde mit weißen Tupfen :-) , im Prinzip ein dunkler Apfelschimmel - gibt es für diese Färbung einen eigenen Begriff? - der in der Sonne bläulich schimmert ...

@Klara: ich reite oft einen Criollo, der hat einen Trab wie ein Preßlufthammer. Auf dem lernt man aaaaatmeeen, sonst gibts Seitenstechen. :dizzy: Im Gegensatz dazu fühlte ich mich auf so manchem norddeutschen Reitschiff wie im 7. Himmel. Ist halt doof, wenn Pferdi seinen Rücken nicht hergibt, ganz egal wieviel Stockmaß es hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass man dann nach Alternativen sucht.
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Beitragvon Opium-Angel » 07.08.2012, 22:24

Ich nehm mal an, die "Wegzüchtung" von Sondergängen wurde billigend in Kauf genommen, um andere, "wichtigere" Zuchtziele zu erreichen... :gruebel: Dass dabei durchaus auch Murks rauskommt, sieht man ja an so manch überzüchtetem Tier (sei's ein Deutscher Schäferhund mit Hüftschaden oder ne Rassemaus mit Krebsgarantie).

Im deutschen gibt's für die "Apfelschimmel-Sonderlackierung" meines Wissens keinen speziellen Namen. Aber ich weiß, was du meinst. :-) Die Franzosen oder Amis sind da teilweise dann schon fantasievoller - wobei bei unserem Schimmelchen auch nur "gris" als Farbe in den Papieren steht... Naja, damals war er ja auch noch eher grau... Kann ja keiner ahnen, dass er immer mehr schimmelt. ;-)

Die "Bequemlichkeit" von schnelleren Gangarten hängt wohl nicht immer nur von der Rasse ab. ;-) Ich hab schon nen super-bequemen Rennpass von ner Traberstute miterlebt und unser Percheron kann nen echt lässigen Jog. Ich bin sogar mal auf nem Fjordi geritten, der nen super zu sitzenden Trab hatte - selbst im Damensitz auf Vielseitigkeitssattel.
... Wenn ich so drüber nachdenk, weiß ich nicht, ob ich wirklich wissen will, was Pferde so über die "Rittigkeit" von uns Menschen sagen würden, wenn se sich unterhalten... :hammeraufkopf:
Aber ich schweife ab...


Um mal wieder was zum Thema zu sagen bzw. nen neuen Aspekt/Diskussionspunkt rein zu bringen: Ich find ja, dass viiiiiel zu wenig Kaltblüter o.ä. auf Mittelaltermärkten/bei Ritterspielen vertreten sind! Und dafür viiiiiel zu viele Western-Reiter. So. Meinung. :horsie:
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Beitragvon Susanna » 08.08.2012, 07:12

Das mit den Kaltblütern ist was Interessantes. Wenn ich mir die Darstellungen von Ackerarbeiten so anschaue - von denen gibts ja leider nicht so viele wie Ritterdarstellungen - da sieht man kein "schweres" Pferd. Die sehen eigentlich eher normal aus. Wenn da überhaupt mal ein Pferd vor dem Pflug zu sehen ist, meistens sinds Rindviecher.
Von daher wäre die Frage, ob es die geliebten Dicken im Mittelalter schon gab. Einige Kaltblutrassen sind ja schon recht alt, aber ob die Pferde damals auch schon so aussahen wie heute?

Was das Westernreiten angeht ... stimmt. Wahrscheinlich denken viele, dass die Reitweise gut zu "berittenem Kampfsport" passt. Die englische Reitweise wird von den meisten mit etwas Steifem, Zwanghaften verbunden.
Meiner Meinung nach ist ja die Doma Vaquera und ihr portugiesisches Pendant ideal fürs Kampfreiten, vor allem dann, wenn noch eine Garocha im Spiel ist.
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