Anrede

Welche Sitten und Gebräuche pflegte man im Mittelalter? Ob christlich oder heidnisch - hier wird es diskutiert.

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Anrede

Beitragvon Flinkhand » 26.12.2005, 20:44

ladykan ...
... Erstellt am 01.10.2004 - 22:25

Hallo ihr,

ich hab mal eine Frage:

In den (meist aus dem Englischen übersetzten) historischen Romanen liest frau immer MyLord oder MyLady.

Wie war denn die Anrede in unseren Breiten? Hat einer 'ne Ahnung?

Grüße
Ele



Heinz
... Erstellt am 02.10.2004 - 00:08

hallo auch ihr,
die Anrede kam ganz auf den Stand / Titel an
Beim Mann der noch kein Ritter war: Junker
Der Ritter: Herr
Freiherr/Baron (beide bedeuten in Deutschland das gleiche: Herr oder Hochwohlgeboren
Graf / Markgraf : Erlaucht
Landgraf und Pfalzgraf: Hoheit
Reichsgrafen:Erlaucht / Durchlaucht
Achtung! Außnahme der Pfalzgraf bei Rhein ist eine Königl.bezw. Kaiserliche Hoheit er ist der erste Fürst unter gleichen sozusagen der Primus Interpares
er kommt direkt nach dem Deutschen König/Kaiser
(Kurfürst/en)
Reichsgrafen heisen deshalb so weil sie direkt dem König/Kaiser unterstellt sind und keinen anderen Lehensherrn über sich und zwischen König/Kaiser haben.
Caunt ist die englische Bezeichnung für einen Grafen der nicht aus England stammt.
Englische/Schottische Grafen nennt man Earl
dieses Wort ist aus dem Dänischen Jarl für Häuptling/Anführer abgeleitet und das Dänische Jarl hat widerum seinen Ursprung im Karolingischen Karl
Weil der Name Karl übersetzt in etwa bedeutet ganzer Mann /Kerl.
Herzöge in England Duke spricht man mit Euer Gnaden in Englisch mit Your Grace an
Die englischen Peers sind die höchsten Adligen nach dem König
die bezeichnung Lord ist gebräuchlich für mehrere
Adelsränge
Der einfache Englische Ritter heist Knight
Das wort Sir bedeutet in etwa das gleiche wie Herr
In Schottland nennt man die Lords Laird das ist die Gälische Version.Der Sammelbegriff für Englische und Schottische Adelige ist Peers oder Barone deswegen darf man einen Engl./Schottischen Baron nicht mit einem auf Baron auf dem Kontinent gleichstellen sie sind Ranghöher als z.B.ein Deutscher Baron/Freiherr
Tja zum schluß noch König/Kaiser: Königlische Hoheit bzw.Kaiserliche Hohet oder auf englisch Royal Highness.
So ich hoffe ich hab denn Wissensdurst gestillt.
So einigermasen.
Liebe Grüße Heinz



Ingo ...
Die Nadel
... Erstellt am 02.10.2004 - 00:40

Gelegendlich hört man/frau in Filmen diese Form, das ein Herr mit einem Niederen in der 3. Person spricht ("komm er mal her ..." ) - ist die tatsächlich so abgelaufen (oder nicht im MA sondern erst später) und wie wurden die Bauern/Handwerker/Unfreien (der "Pöbel" halt) usw. angesprochen?

Gruß, Ingo



ladykan ...
... Erstellt am 02.10.2004 - 01:11

hmmm also gehe ich jetzt davon aus, daß ich, wenn ich einem höhergestellten Herrn begegne und anspreche, mit Herr oder mein Herr schon einigermaßen richtig liege.

Für die ausführliche Liste vielen Dank, Heinz.

Aber du hast da eine klitze kleine Kleinigkeit vergessen, oder?

DIE FRAUEN !!

schmunzelnde Grüße
Ele



Heinz
... Erstellt am 02.10.2004 - 13:50

Hallole,
der einfache Mann /Frau auf der Strasse sprach der Adelige direkt mit du an und nicht in der 3. Personn jedenfalls nicht für dei Zeit des Hochmittelalters. Wenn es ein hoher Adeliger warin etwa ab Grafenrang hatt er seine Bediensteten die den gemeinen ansprachen und ihm mitteilten, daß eine hohe Person was von ihm wollte. Der einfacheBauer/Mann /Frauusw. durften von sich aus nicht den Adeligen ansprechen oder ansehen, sondern mußten mit geneigtem Kopf bei Männern mußte die Kopfbedeckung abgenomen werden, warten bis man das Wort an sie richtete.
Was die Frauen angeht so hab ich diese liebreizenden Geschöpfe nicht vergessen. Eine Gräfin spricht man ebenfalls mit Erlauchtan und eine höhere Dame mit euer Gnaden usw. Für das Hochmittelalter genügt aber allgemein ab dem rang einer Gräfin die Anrede Hohe Frauwe
Liebe Grüße Heinz



Sabine
... Erstellt am 02.10.2004 - 15:16

Hallihallo,
unser Geschichtsstudent meinte noch zu dem Thema: Vom niederen Rang zum oberen Rang hin war auch immer die Anrede Herr oder Herrin legitim, selbst der König konnte einfach mit "Herr" angeredet werden. Vor allem im Bereiche der Ministerialität und in Lehensangelegenheiten.

Ele, daß ist ein Punkt, den wir nächstes Wochenende auch besprechen wollen. Bin ja mal gespannt.

Liebe Grüße
Sabine



Wernher
... Erstellt am 05.10.2004 - 09:49

Hi,
Die Anreden "Herr" und "Frau" waren ein alleiniges Privileg des Adels.
Ein recht des neu gewordnenen Riters war es, von seinem Ritterschlag ab mit "Herr" angeredet werden zu dürfen. Davor war er der "Jungherr" (juncherre). Für mich als Knecht nicht leicht, die Umstellung, kein "Herr" sein zu dürfen. Aber Ritter ist nicht mein Ding.
@Heinz, ich finds interessant, was du schreibst. kannst Du uns die Quellen nenne? Zum nachlesen?



Heinz
... Erstellt am 05.10.2004 - 16:08

Nichts leichter als das Achim ähm Wernher
Prof. Joachim Buhmke: Höffische Kultur
Maurice Keen: Das Rittertum
ISBN Hab ich leider nicht zur Hand
Mit Besten Grüßen
HEINZ



Wernher
... Erstellt am 05.10.2004 - 16:36

Danke,
die kenn ich noch nicht.
Bin aber Wernher, bzw. Werner im Zivilleben.



Big-Bonsai ...
... Erstellt am 07.10.2004 - 12:30

Umkehrschluss: ich werde als mit "Hey, du, Magd!" angesprochen?!

Mmmhh

Grüßle



Ingo ...
Die Nadel ... Erstellt am 07.10.2004 - 13:20

Oder nur: "heyda, Magd!" (*tröstenddembäumchenüberdenkopfstreichel*)

Gruß, Ingo



Big-Bonsai ...
... Erstellt am 13.10.2004 - 11:52

Danke, Ingo.

*schnüff*

(*lach*)
Grüßle



Adele ...
... Erstellt am 17.07.2005 - 10:37

Und die Frau eines Jarls oder seine Witwe? Wie sprach man die an?

Adele vom Werder



namida ...
... Erstellt am 05.10.2005 - 02:32

Und was irgendwie noch fehlt in der aufschlussreichen Sammlung:

Für eine Edelfrau war durchaus auch die Anrede / Bezeichnug "frouwe", also "Frau" in Gebrauch - jedenfalls wenn man der höfischen Literatur dieser Zeit glauben darf.
Am weißtaus häufigsten war jedoch wirklich die Anredin mit "herin" also "Herrin".
Ich würde allerdings - ohne es jetzt deffinitiv zu wissen - auch bei den Anredeformen von gewissen regionalen Unterschieden ausgehen.

Für Ehemann zu Ehefrau gäbe es auch noch das "wîp", also "Weib", was damals noch nicht negativ besetzt war, sondern einfach nur "Ehefrau" oder Frau allgemein hieß ... (im Gegensatz zur "frouwe", die nur der hohen Dame vorbehalten war ...)

Nam'
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Re: Anrede

Beitragvon Annie-Petit » 27.07.2010, 21:36

Oha, diese Beiträge liegen ja weit zurück. Ich hätte aber trotzdem noch eine Frage und vielleicht weiß ja jemand eine Antwort.

Wie haben sich denn Eheleute angesprochen? Es wurde ja schon etwas dazu gesagt:

Für Ehemann zu Ehefrau gäbe es auch noch das "wîp", also "Weib", was damals noch nicht negativ besetzt war, sondern einfach nur "Ehefrau" oder Frau allgemein hieß ... (im Gegensatz zur "frouwe", die nur der hohen Dame vorbehalten war ...)

Nam'


Mich interessiert aber, ob die Eheleute sich gedutzt oder gesietzt haben. Soweit ich weiß, sprachen die Kinder ihre Eltern ja auch mit "Herr Vater" und "Frau Mutter" an. Außerdem, wie sprach die Frau denn ihren Gatten an? Gab es auch Spitznamen wie "Liebste/r" und sprach man sich nur in trauter Zweisamkeit oder auch im Beisein weiterer Familienmitglieder und Freunde oder gar in der Öffentlichkeit damit an?
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Beitragvon Hermine » 29.07.2010, 19:39

Das kommt denke immer auf den Stand an und v.a. die Zeit. Denn im Hochmittelalter gab es ein "Sie" oder "Ihr" noch nicht als Höflichkeitsanrede, also wird man sich auch in der Ehe nur geduzt haben :).
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Beitragvon Peregrina » 29.07.2010, 20:52

Guck doch mal bei Hartmann von Aues "Erek" (um 1185):
http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germa ... _erec.html
Es gibt in diesem Text jede Menge Anreden unter Personen unterschiedlichen Standes. Die Königin z.B. wird mit "ir" angeredet, Erek und Enite verwenden sowohl "iu" (wie engl. you) als auch "ir" als auch direktes "du" (vgl. Textzeile 3ß29 ff). :akademiker:
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Beitragvon Frau Ute » 30.07.2010, 01:26

Ja, darauf wollte ich auch hinweisen.

"Sie" ist zwar erst deutlich später entstanden, das "Ihr" gab's allerdings als aus dem Französischen übernommene besonders höfliche Anrede schon. Wie häufig, darüber muss man wohl spekulieren. In den höfischen Romanen (wie Peregrina schon geschrieben hat) kommt sie immerhin vor.
Generell geht man mit "du" A-technisch gesehen, wohl auf Nummer sicher - ganz besonders zwischen Leuten, die sich lange und gut kennen... also Eheleute.

Bei dem "Liebster" wäre ich allerdings vorsichtig. Das kann ich nicht belegen, aber ich würde das tendenziell eher dem Schlafzimmer zuordnen. Schön, wenn man sich in der Ehe liebt, das war aber nach allem, was ich darüber weiß, wohl eher ein netter Bonus als (wie heute) Grundlage der Ehe. Ehe war zuallererst eine Versorgungsgemeinschaft.

Könnte mir "(mein) (Herr) Gemahl" als förmliche Anrede vorstellen... wenn du denn unbedingt die Liebe reinbringen willst - "lieber (Herr) Gemahl". :wacky:
Belegen kann ich das jetzt aber nicht. Weiß da jemand mehr? :lesen:


@Peregrina: "iu" (gesprochen wohl als langes "ü") ist ein dekliniertes "ir"... also eigentlich das gleiche, keine andere Anredeform. Vielleicht meintest du das auch, aber so könnte es eventuell missverständlich sei :dizzy: n.
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Beitragvon Hermine » 01.08.2010, 07:52

Danke für die Hinweise, das mit dem "Ihr" wusste ich noch nicht. :-)
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Beitragvon Amalie » 02.08.2010, 01:56

Da die Anrede-Frage offenbar noch nicht aus der Welt ist, obwohl der originale Strang schon recht alt ist, füge ich mal meine geringen Kenntnisse hinzu.

Meine Hauptepoche ist das 18. Jh. Wie es aussieht, war das eine Zeit, in der sich die Anredeformen radikal veränderten. Ich habe leider noch keine Originalzitate vom Ende des 17. oder Anfang des 18. Jh., aber es scheint, daß es damals nur "du" oder "ihr" gab, wie im Französischen.

Um ca. 1760 herum kannte man aber vier Anredeformen: Du, Ihr, Er/Sie (3. Person Singular), Sie (3. Person Plural).

Heutzutags glaubt man meist, die Anrede in der Dritten Person ("Reiche Er mir eine Feder") sei Ausweis besonderer Geringschätzung des Fürsten gegenüber dem Diener. Tatsächlich war das Erzen aber eine Respektstufe über dem Ihrzen: Man Ihrzte die Magd und Erzte den Handwerksmeister. Zur gleichen Zeit siezte ein Akademiker den anderen ebenso wie den König. Das "Sie" , wie man es heute noch gebraucht, wurde um 1760 als "neuhöflich" bezeichnet, d. h. es war wohl damals neu. Das "erzen" hingegen wurde als "althöflich" bezeichnet.
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Beitragvon Annie-Petit » 05.08.2010, 20:20

:danke: für eure Antworten, ihr habt mir sehr geholfen!
Ich hab leider ziemlich wenig Ahnung was Geschichte angeht und interessiere mich auch nur so "mittelmäßig" dafür. Aber manchmal juckt mich einfach so eine Frage :blush:

Das mit dem Erzen ist aber auch richtig interessant. Ich glaubte auch immer, dass es herablassend gemeint war. Dankeschön!

Liebe Grüße
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