Herstellung von hangesponnenem Kettgarn (Tuchweberei)

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Herstellung von hangesponnenem Kettgarn (Tuchweberei)

Beitragvon Silvia » 25.01.2013, 13:46

Hallo Ihr Lieben,
da es so schwer ist, anständiges Kettgarn zu kaufen, dachte man kann mal über das Herstellen von Kettgarn schwätzen.
Insbesondere einfädiges Wollgarn.
Garn das als Kettgarn geeignet ist,muß besonders reißfest sein. Es sollte glatt sein, und darf mehr Drall haben, als zB Strickgarn.

Nun habe ich im Zusammenhang mit Kettgarn den Begriff "töten" aufgeschnappt. Es soll bedeuten, das leicht überdrehtes Garn dauerhaft gestreckt werden woll,so das die Überdrehung nicht mehr dehnbar ist, bzw sich zusammen ziehen möchte.

Weiß da Jemand mehr drüber ? Ist Euch der Begriff "töten" im Zusammenhang mit Wolle dehnen, schon mal untergekommen ?
Silvia
 

Beitragvon Iðunn » 25.01.2013, 21:18

Oha, da haben wir anscheinend zur gleichen Zeit über das gleiche Thema nachgedacht! Fäden verbinden eben...

Ich bin neulich in dem Arbeitsbericht

http://www.vikingeskibsmuseet.dk/filead ... ldsejl.pdf



von Anna Nørgård über eben dieses Thema gestolpert. Die Angaben stehen da auf S. 40-42.

Anna Nørgård hat im Vikingeskibsmuseet in Roskilde von 2006-2008 ein 25 m2 grosses Segel aus Wollgarn auf einem Gewichtswebstuhl gewebt. In dem sehr lesenswerten Bericht steht über Kettgarn:

Kettgarn muss sehr hart gesponnen sein, so dass es 'kinkt' und sich wieder zusammenkrullt. Mit so einem überdrehten Garn kann man aber nicht hantieren, deshalb wird es 'getötet'. Der Begriff 'töten' kommt von dem altnordischen Wort 'døje', im modernen Dänisch 'at døde' oder 'dræber', also 'töten'. Man tötet das Garn, indem man die Spannung, die durch das Überdrehen entsteht, neutralisiert. Das wurde traditionell in Norwegen so gemacht, dass man das Garn straff zu Knäuel wickelte, die wurden in einen Sack gesteckt, in trockenem, warmem Schafsmist vergraben und dort bis zu 3 Wochen belassen. (Hoffmann, M. 1991. Fra fiber til tøj, Oslo. pp. 84 ff).

Alternativ kann man die Knäuel nassmachen und trocknen lassen.

Das Kettgarn für das Segel hatte 417 Drehungen/Meter und wog 195 gr/1.000 m.
Das Schussgarn hatte nur 246 Drehungen/Meter und wog 358 g/1.000 m.

Soweit der Text.


Ich vermute, heute können so wenige mit dem Begriff 'töten' etwas anfangen, weil eben niemand mehr (ausser dem kleinen Stamm der Wollophilen in ... und ...:)) Wollkettgarn spinnt.


Gruss
Iðunn

PS Ich hab übrigens schon mal Wollkettgarn gesponnen. Da wusste ich das mit dem Knäuelwickeln aber noch nicht, sondern habe sie Stränge nass aufgehängt und beschwert trocknen lassen. Ich hoffe inständig, dass das Garn gebrauchsfähig ist.
Iðunn
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Beitragvon Anya » 26.01.2013, 00:16

Ich habe vor kurzem mit Ragnilds selbstgesponnene Garn gewebt (siehe auch hier: http://www.flinkhand.de/forum/viewtopic.php?t=9860), sowohl Kette als auch Schuß. Das Garn war einfädig mit einer Lauflänge von ca. 600m/100g, aber nicht sonderlich überdreht, eher mit normalem Drall gesponnen und hinterher mit Sprühstärke eingesprüht. Das Weben klappte prima, keine gerissenen Kettfäden, keine Kettspannungsprobleme. Ist halt nur eine Frage der Zeit, bis man soviel gesponnen hat ;-)

Viele Grüße, Anya
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Beitragvon Iðunn » 26.01.2013, 01:38

Kann es sein, dass Kettgarn für einen GW stärker gedreht sein muss als für einen modernen Webstuhl?

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Beitragvon marled » 26.01.2013, 08:02

Nö, glaub ich eher nicht. Da ist auf einem modernen Trittwebstuhl auch schon ordentlich Zug drauf und die Belastung durch das Webblatt ist auch nicht zu verachten.
Ich habe handgesponnenes Kettgarn auch ohne Probleme und Schlichte verwendet; es wurde nach dem 'Spinnen nass gemacht und straff gewickelt auf der Haspel getrocknet. Es gibt allerdings einige Leute, die behaupten, dass sich der Drall wieder bemerkbar macht, wenn der Stoff erneut mit Wasser in Berührung kommt, aber das ist ja nicht schlimm, weil das Gewebe dadurch and Dichtigkeit gewinnt.
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Beitragvon Silvia » 26.01.2013, 09:24

Iðunn hat geschrieben:Ich vermute, heute können so wenige mit dem Begriff 'töten' etwas anfangen, weil eben niemand mehr (ausser dem kleinen Stamm der Wollophilen in ... und ...:)) Wollkettgarn spinnt.


Ja genau, das Thema. :-)
Aber warum töten ? Töten klingt nach kaputt machen, oder absterben lassen.

Zuviel Drall ergibt Stretchgewebe, das wäre auch mal ein Test wert. Funde gibt es, glaube ich dazu. (wäre ein neues Thema wert)

Auch habe ich gerade leidvoll erfahren, das Wolle nicht gleich Wolle ist.
Während Wolle von urigen Schafen mit viel Drall sehr belastbar ist, was Zug, mechanische Belastung beim verarbeiten und waschen mit Hitze angeht, hat die weiche kuschlige Wollfaser als Schuß - ausgeglichen versponnen - sich beleidigt auf die Hälfte der Lauflänge reduziert.
Die Auswahl des Rohmaterials ist also wichtig.
Das verarbeiten von weicher Wolle, ergibt mit Sicherheit ein tolles Ergebnis, kommt aber nicht an die Optik/Eigenschaften der Originalfunde heran.
Silvia
 

Beitragvon aennlin » 26.01.2013, 10:28

Vielleicht weil man den Drall im Garn "tötet"?
In einem meiner Spinn-Bücher wird bei "ausgewogenem" Einband nach dem Spinnen von "Setting the twist" gesprochen. Hierbei wird das Garn nach dem Spinnen auf einen Strang gehaspelt, nass gemacht und anschließend hängend getrocknet.
Feucht unter Spannung auf einen Knäuel gewickelt ist da schon eine Nummer "härter" für das Garn. Aber wenn mehr Drall drin ist bedarf es auch härterer Methoden.
Würde für das "Töten" auch das Beschweren des nassen Stranges mit Gewicht ausreichen?
Ich denke weiterhin, dass Zeit ebenfalls ein wichtiger Faktor dabei ist. in Idunns Antwort wird beschrieben, dass die Wolle 3 Wochen liegenbleiben muß. Bei meinen ersten Spinnversuchen hatte ich "fürchterlich" überdrehtes Garn, nachdem es ungefähr 1 Jahr in meinem Wollkorb lag, hatte sich der Drall einigermaßen normalisiert.
Würden sich die Fädendurch mehr Drall nicht fester zusammenziehen bei einem S/Z-Gewebe?


Grüße
Aennlin
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Beitragvon Ragnhild » 26.01.2013, 14:39

Ergänzend zu Anyas Beitrag möchte ich noch sagen, dass ich das Garn ebenfalls nach dem Spinnen straff auf eine Haspel gezogen und da dann mit Sprühstärke eingesprüht habe. Vor dem Haspeln hatte das Garn schon ordentlich Drall, so dass ich beim Haspeln einige Male das Verdrillerte aufziehen musste. Nach zwei Wäschen ist das Garn in einem recht überschaubaren, wohl normalen Maß geschrumpft, nämlich um etwa 8 %. Beim Tragen fällt der Stoff jetzt wunderbar, nichts verzieht sich.

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Beitragvon Iðunn » 26.01.2013, 15:56

@ aennlin
So verstehe ich das auch. Den Drall töten.

Auf der Abb. des Kettenanfangs (mit Webgewichten unten dran) aus dem Fund in Tegle I sieht man ganz gut, dass da das Garn auch noch ziemlich Drall hat.

http://www.forest.gen.nz/Medieval/artic ... EXTILE.HTM
bisschen runterrollen.

In dem Arbeitsbericht steht auch (S. 41), dass der Drall sich wiederkommt, wenn das Garn wieder nass wird.


In dem Buch 'Woven into the Earth' steht auf S. 52:

"The long hairs were spun in the Z-direction with a spin of 40°-50°and with a thicknes of about one millimetre. The shorter underwool was S-spun into a slightly less firm thread of 30°-40° and with almost the same thickness as thee Z-spun threads....
In the weaves one can rarely see threads that are kinked and this is surprising considering the high spin degree in the warp threads."

Als Möglichkeit zur Stabilisierung des Garns wird ebenfalls das Vergraben der Knäule im Mist angegeben und als weitere Möglichkeit dämpfen ('steaming'). Auch hier taucht der Begriff 'töten' auf, no. dya


Wenn die Weberinnen (Anya) hier sagen, dass das Kettgarn, das sie verwebt haben, nicht oder nur schwach überdreht war, dann frage ich mich, ob das Überdrehen in historischen Funden, zumindest in Grönland, was damit zu tun hat, dass da das Kettgarn aus tog gesponnen war.
Ich kann jedenfalls tog nicht locker ohne viel Drall spinnen.

Übrigens finde ich dies ein total interessantes Thema, danke Silvia!!

Gruss
Iðunn
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Beitragvon Silvia » 26.01.2013, 16:53

@Idunn - was ist tog ?

@ Ragnhild, Anya kan es sein das der Faden in sich etwas gewalkt,gefilzt ist ?
Solches Garn habe ich auch schon verwoben und es ließ sich traumhaft verarbeiten. Allerdings war das auch eine sehr feinfaserige Wolle die da versponnen wurde. Wodurch der Einzelfaden wunderbar glatt war.


In "Woven into the Earth" kann man an den Großaufnamen der Gewebe, so wunderbar die Struktur der Einzelfäden erkennen, da möchte ich gerne hin. Mit modernem industriell hergestelltem Garn vermutlich unerreichbar.
Silvia
 

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