Farben für den Bauern?

Hier könnt Ihr alle Posts, die sich auf ein Kleidungsstück, Accessoire oder auf eine Epoche beziehen, posten. Bitte nennt das entsprechende Stück der Gewandung oder die Epoche nach Möglichkeit direkt im Titel beim Namen :o)

Moderator: Moderatoren

Beitragvon Klara » 17.03.2013, 21:18

Hîdril hat geschrieben:Die Textilherstellung war eine Notwendigkeit und bestimmt keine geliebte Freizeitbeschäftigung.


Ich habe NIE und NIRGENDWO behauptet, dass Textilarbeit (und ich glaube, ich habe auch immer ARBEIT geschrieben) eine Freizeitbeschäftigung gewesen sei. Ist es für mich übrigens auch nicht, ich spinne, stricke und webe für den Verkauf. Und ich weiss, wie ich mich fühle, wenn ich 7 Tage in der Woche 10 Stunden am Tag Textililen herstelle (nur einige Wochen, zum Glück).

Ich weiss aber auch, wie ich mich fühle, wenn ich ein paar Stunden lang (ganztag's schaff' ich's schlicht nicht) einen Stall ausgemistet habe (dabei ist meine Schubkarre schon gummibereift...). Oder einen Tag lang Fliesen gelegt. Ich kann' mir auch vorstellen, wie's mir nach einem Tag Holzhacken ginge, aber zum Glück war das noch nie nötig... Eine grössere Herde aus einem Ziehbrunnen zu tränken muss auch nett sein - ich hatte zum Glück bloss zwei Pferde und eine Handvoll Schafe und Kaninchen - und es war Winter...

Leute, ich versichere euch, wer Textilarbeit für körperlich besonders anstrengend hält, der hat noch nie in seinem Leben wirkklich schwer körperlich gearbeitet! (Ihr dürft gerne kommen, ich finde bestimmt was...Oder werdet Working Pupil in einer englischen Reitschule - ich hab' nie vorher oder hinterher so geschuftet.)

Hîdril hat geschrieben:Wenn man dann noch bedenkt, dass von den ca.12 - 14 Std. Sonnenlicht im Sommer nur gut 3 Std. für die "Handarbeit" übrig waren


Was hat denn Tageslicht damit zu tun? Zum Spinnen braucht man sowieso kaum Licht (auch Blinde können das ganz hervorragend), und Barber schreibt von einem bei Ausgrabungen gefundenen Gewichtswebstuhl (bzw. seinen Spuren) der so aufgestellt war, dass er tagsûber von der offenen Tür und nachts vom Feuer sein Licht bekam. ("Man may work from sun to sun but woman's work is never done.")

Was die Kleiderordnungen und deren Relevanz angeht, will ich gar nicht widersprechen. Ich habe nur zwei Punkte: Einheitliches grau oder braun (so wie heute industriell braun gefärbter Stoff) würde ich für einen billigen, schnell gemachten Stoff für unwahrscheinlich halten. Farbige Schafe haben zumindest zum Teil sehr unterschiedliche Wollfarben am Körper - die könnte man zwar sortieren, aber das wäre aufwändig (und braucht gutes Licht ;-) ) (Beim Kämmen so zu mischen, dass ein einheitliche Farbton rauskommt wäre noch viel mehr Arbeit). Wenn man kämmt und spinnt "wie es kommt", wird das Garn streifig, und der Stoff vermutlich auch. Oder man könnte - wenn man die Zeit und den Willen hat - absichtlich nach Farbtönen sortiert spinnen und gestreiften oder karierten Stoff weben.

Zweitens gibt es massenweise Abbildungen von Bauern in farbiger (und zwar richtig bunter) Kleidung. Und die Argumentation: "Das ist künstlerische Verfremdung, das darf man nicht so ernst nehmen" finde ich doch sehr, ähm, interessant: "Ohne Beleg keine Darstelleung" - ja, und mit Beleg auch nicht, weil der Beleg nicht gilt????

Tja, und dann schaue ich mir heutige Bauern so an, und siehe da, manchmal laufen sie in dunkelgrünen Overalls oder dreckigen Jeans rum, und manchmal sind sie richtig schick angezogen ;-)

Wie eine Freundin meint, mit der ich das Thema gerade diskutiert habe: Wenn Archäologen in tausend Jahren die Stellung der Frau im beginnenden 21. Jh. rekonstruieren müssten, würden sie von FKK bis Burkha und von Staatschefin bis Eigentum ihres Ehemannes alles finden. Warum soll's früher anders gewesen sein?

Ich stell' mir das so vor: Es gab Bauersfrauen, die gerne spannen, webten und nähten und sich bemühten, gute Arbeit zu leisten (übrigens, 6 - 15 Fäden auf den cm ist fein bis extremst fein!), auch wenn dafür das Essen mal angebrannt ist oder nicht besonders schmeckte.

Und andere Frauen haben alles gehasst, was mit Textilien zu tun hatte (gibt's ja oft genug im Märchen), die haben nur das nötigste gemacht und so sahen die Klamotten dann auch aus. Dafür war's Essen (hoffentlich!) gut...

Ciao, Klara (ich muss noch eine Mütze zumindest anfangen...)
Klara
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Beitragvon Morgan » 17.03.2013, 22:45

Ich stimme dir in sehr vielem zu, insbesondere darin, was die Anstrengungen angeht, die die Textilarbeit im Vergleich zu anderer Arbeit auf dem Feld oder im Stall angeht. Der Jetztzeit-Mensch ist halt nix mehr gewöhnt!

Man muss bei dieser Frage (bunt oder nicht bunt) natürlich auch bedenken, dass auch im Mittelalter die Bauern keineswegs Selbstversorger waren.
Die trifft eigentlich nur für den größten Teil des Frühmittelalters zu, wo die Menschen fast ausschließlich auf kleinen gemeinschaftlich geführten Höfen lebten. Man kann sich das in etwa so vorstellen, wie viele Klöster noch bis in neuere Zeit hinein existierten.
Auf diesen Hofgemeinschaften lebte aber nur selten ein bauer mit der kernfamilie allein, sondern auch noch die Eltern, die jüngeren Geschwister und nicht zu vergessen die Mägde und Knechte und deren Kinder (von denen einige nicht selten Kinder des Hausherrn waren - die so genannten "Kegel"). Es liegt auf der hand, dass dies eine stark arbeitsteilige Gesellschaft gewesen sein muss und keineswegs eine Frau (die Bäuerin) allein für das Kochen, die Kinderbetreuung, das Wasserholen, Spinnen, Weben und Nähen zuständig war. Jeder tat, was er am besten konnte, was nötig war und was in seinen Kräften stand.
Vermutlich werden Textilarbeiten auch vorrangig im Winter ausgeführt worden sein, wenn draußen ohnehin nichts zu schaffen war. Auch das Färben hätte man so problemlos über dem ohnehin zumindest einige zeit lang brennenden feuer durchführen können. Wer den Raum mit einem guten Dutzend Menschen und dem lieben Vieh teilt, wird sich kaum über seltsame Gerüche aus dem Färbekessel beklagt haben.

Relativ rasch gab es ja dann auch größere Dörfer und da war dann die Arbeitsteilung noch ausgeprägter. Mein Heimatdorf ist seit 1250 ca. beurkundet. Hundert Jahre später gibt es schon Namenslisten der Dorfbevölkerung, wo Namen wie "Firbes" (Färber) Weber und Wüllenweber auftauchen - sogar eine Differenzierung in Leinen- und Wollweber hatte sich bereits herausgebildet!

Was den Anbau von Färberpflanzen angeht, der nach Ansicht mancher nicht verbreitet gewesen war, weil er auf Kosten der Äcker und damit der Nahrungserzeugung gegangen wäre: Zum einen eignet sich längst nicht jede Fläche für den Anbau von Getreide oder Hülsenfrüchten. Es gibt genug Saumbereiche an Waldrändern, Steigungen oder Wasserläufen, die als Ackerland nichts taugen, aber durchaus mit Färbepflanzen bebaut werden können, zumal beispielsweise Krappwurzeln ja einen ordentlichen Gewinn versprachen und das bei einer Arbeit, die nur eines über das andere Jahr anfiel!
Zum anderen waren ja auch sehr viele Bauern Pächter, die mit ihrem Ertrag den Grundherrn ernährten und dessen Felder bestellten - warum hätte der nicht auch Färbepflanzen anbauen lassen sollen, wenn sich damit geld machen ließe! Zu "stoppeln" gab es bestimmt auch da genug für die bauern. Mit Krapp konnte sogar so viel geld gemacht werden, dass Speyer im 13. und 14. jahrhundert große Ländereien außerhalb der Stadt für den Krappanbau reservierte. Der Krapp aus Speyer wurde ua. auf den Märkten in Kreuznach und Sobernheim verkauft - die sehr gut von Bauern besucht waren! Dies waren allerdings in der Hauptsache Weinbauern, also durchaus schon die angeseheneren und wohlhabenderen des "Nährstandes". Aber da sieht man mal, dass eben auch damals Bauer nicht gleich Bauer war.
Heute reicht es ja, nur mal kurz vor die Tür zu gehn, um festzustellen, dass das Leben teilweise zu 99% aus Realität besteht! (Piet Klocke)
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Beitragvon Klara » 18.03.2013, 20:32

Ich durfte heute wegen eines kleinen "Unfalls" (das Türkis aus dem dunkelblauen Teil der Mütze hat beim Waschen in den weissen ausgeblutet) Erfahrung mit dem Färben auf Holzfeuer sammeln (ich hab' die ganze Mütze türkis überfärbt - sieht viel besser aus als vorhin).

Und mir dabei folgendes überlegt: Wenn ein Holzofen mit Platte obendrauf sowieso als Heizung benutzt wird ist es kein Problem - aber diese Öfen schätze ich als ziemlich neue Erfindung. Über einem offenen Feuer dürfte alles gleich viel weniger lustig sein (also nach meinen Erfahrungen mit offenen Kaminfeuern - auch bei anderen, eigentlich geübter sein sollenden Leute. Und der Kamin ist ja auch eine erschreckend kürzliche Erfindung...). Und vor allem: Man bräuchte ja einen Kessel. Wie viele gab's davon im bäuerlichen/(klein)bürgerlichen Haushalt im MA? Selbst wenn man nicht zwischen Essen- und Färbetopf getrennt hat - beides gleichzeitig geht ja nicht.

Lauter Fragen - wer hat die Antworten?

Ciao, Klara
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