Edelgewandung für spätes 12.Jhd.

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Edelgewandung für spätes 12.Jhd.

Beitragvon Nalija » 11.07.2011, 14:47

Seid gegrüßt.

Ich möchte mir eine Edelgewandung nähen. Das wird, wie es aussieht meine Winterarbeit werden ;-) Und ich glaub ich brauche Hilfe...

Ich schweife mal eben etwas ab, damit ihr wisst, worum es geht :wacky: Ich bin Teil einer Söldnerschaft der späten 12. Jhd. und noch nicht sehr lange dabei. Unser Verein drückt oft und viel bei Gewandungen ein Auge zu, was das nette "A" betrifft, dennoch ist das Bestreben möglichst nah an das "A" heranzukommen. Von daher möchte ich mit der Edelgewandung von vorn herein, alles richtig machen.

In meiner Darstellung bin ich eine Edelfrau. Auf Rang und Namen haben wir uns da noch nicht so ganz geeinigt, da ich auch erst seit dieser Saison mitfahre. Fest steht aber, das meine männliche Begleitung ein Ritter ist und hin und wieder jener Mensch sein darf, der die Söldner bezahlt. Wenn ich dann neben ihm stehe seh ich eher aus, wie eine Magd und nicht wie seine Gattin :wacky: Das Problem möchte ich mit einer möglichst autentischen Gewandung für eine Edelfrau beseitugen.

Ich suche also Anregungen für ein Kleid und eine Haube des späten 12. Jhd. Wobei ich was den Stoff und die Farbe angeht schon eingekauft habe, das wurde mir quasi auch so empfohlen von ganz lieben Damen aus meiner Söldnerschaft ;-)

Falls auch wer eine Idee hat, mit was man denn dieses Kleid besticken könnte wenn es denn im Frühjahr fertig wird, wäre ich für jeden noch so kleinen Ratschlag dankbar.

Liebe Grüße
Sarah
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Beitragvon kiarachao » 11.07.2011, 16:17

Hallöchen

spätes 12 da kannst du noch Bliaut tragen, das sind die Dinger mit seitenschnürung und laaaaaaaangen Hängeärmeln *g*.....ich hoffe du hast was den Stoff angeht dich an Wolle und leinen gehalten...Kopfbedeckung ist meines Wissens nach ein schleiertuch und/oder ein Haarnetz....
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Beitragvon Carola » 11.07.2011, 18:44

Ganz uneigennützig empfehle ich mal einen Blick auf unsere Facebookseite. Da kannst Du voll aufgerödelten Adel des ausgehenden 12. Jahrhunderts bewundern ;-)

Aber mal von Anfang an:
Die Frauenbekleidung ändert sich im Laufe des 12. Jahrhunderts doch ziemlich. Anfangs dominieren bei der Oberbekleidung noch Schnitte in A-Linie, wie sie im 11. üblich sind. Dann kommt mit dem seitlich geschnürten Bliaut eine deutlich körperbetontere Form auf, die sich auch noch bis zum Ende hält. Daneben werden aber auch (wieder) Kleider in A-Linie getragen, die dann aber keine weiten Ärmel mehr haben, sondern enger werden und quasi zur Mode des 13. Jahrhunderts überleiten.
Die Länge dieses Oberkleids kann zwischen waden- und überknöchellang variierern; der "Rock" (ich setze das in Anführungsstriche, weil es keinen Rock in dem Sinne gab, aber ich kein Wort für den unteren Teil des Kleides habe) kann extrem weit, aber auch so eng sein, dass die Trägerin sich gerade darin bewegen kann.

Unter diesem Oberkleid wird ein knöchellanges Untergewand (Hemd) getragen, das immer lange Ärmel hat. Bei einer adeligen Person sollten diese so lang sein und so eng anliegen, dass sie sich bei herabhängenden Armen am Handgelenk stauen und das Handgelenk selbst dann nicht zu sehen ist, wenn die Trägerin die Arme hoch reckt.

Das Hemd bestand - nach allem was mir bekannt ist - i.d.R. aus Leinen. Bei einer Adeligen empfehle ich, nach einem sehr feinen, aber nicht zu durchsichtigem Stoff zu suchen (wie z.B. beim Hemd von Thomas Beckett verwendet).
Für die Oberbekleidung passt feine Wolle, eventuell mit Seidenbesatz. Reine Seidenkleidung ist schon Hochadel.

Als Kopfbedeckung kommt eigentlich nur ein Schleier in Betracht (eventuell in Kombination mit einem Schapel - wobei diese Dinger heute deutlich öfter zu sehen sind, als auf Bildern abgebildet). Schleier gibt es in den verschiedensten Formen und Tragevarianten, da musst du einfach mal Bilder suchen und gucken, was Dir am besten gefällt. In einigen Fällen wurde darunter vermutlich eine Art Haarband getragen, an dem der Schleier festgesteckt wurde.
Eine Haube wurde m.W. im 12. nur von gekrönten Häuptern, also von etwa von der Gräfin aufwärts getragen (Kronhaube). Sie dient der Abpolsterung der Krone wird aber auch stellvertretend getragen.

Abgerundet wird das Ganze mit einem Halbkreismantel, der mit einer Fibel geschlossen wird oder einem vorne zugenähten Rechtecksmantel (wobei der Halbkreismantel feiner ist).

Abschließend noch ein paar Dinge, die es im 12. Jahrhundert definitiv nicht gab:
    * Gebende mit Kinnriemen
    * Hauben, wie die in Mittelalterläden angebotenen
    * ärmellose Surcots
    * Brettchenborten mit Mustern in Schnurbindung
    * Höllenfenster
    * Pillboxes
    * Miedergürtel


Viel Erfolg beim Nähen!


P.S.: Was mir gerade noch einfällt (auch wenn es eher Deinen Holden betrifft): Ritter ist im 12. Jahrhundert nicht unbedingt Adel! Der Großteil der Ritterschaft rekrutiert sich aus der Schicht der Ministerialen, ist also nicht ganz arm, aber unfrei.
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Beitragvon Jara » 12.07.2011, 06:27

Evtl. könnte dir auch das Buch helfen:

Mittelalterliches Schneidern
von Sarah Thursfield
Historische Alltagskleidung zwischen
1200 - 1500 selbst gemacht.

Gibts ( unter anderem ) bei unserer Flinken hier im Shop.
Ist auf Deutsch und einfach toll.
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Beitragvon Nalija » 12.07.2011, 20:13

Musste jetzt gerade mal ganz viele Begriffe googlen :gruebel:
bin da noch nicht so fit :blush:

Ich danke erstmal, vor allem für den super langen Text, bin dennoch für weiter Anregungen offen :-)

Zum Stoff, den ich wie schon geschrieben in rauen Mengen,liegen habe:
Es sind zwei verschiedene Stoffe, ein heller, feiner, jedoch Blick dichter für das Untergewand und ein rötlicher, in einem für die damalige Zeit genehmen Farbton, also nicht grell oder so, für das Gewand darüber. Beides Leinenstoffe.

Zu meinem Holden :-) :
Mein Herr Ritter kann sich eine Söldnerschaft leisten, von daher kann er sich auch für sein Weib teure Bekleidung leisten ;-) Er ist dann eher einer der besser bestellten Ritter.

Wenn ich jetzt so spontan an die Märkte denke und an die Alltagstauglichkeit, zwecks mit drei jähriger Tochter und so, tendiere ich beim Obergewand zu engeren Ärmeln.

öhm... und statt Borten werd ich selber sticken, weiß zwar noch überhaupt nicht was, hoffe aber das wird :gruebel:

Wie schon geschrieben bin für jede weiter Anregung offen.
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Beitragvon Nalija » 12.07.2011, 20:37

Oh vergessen :blush: : Hab das Buch auch gegooglelt, klingt wirklich nicht schlecht. :-)
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Beitragvon Juno » 12.07.2011, 22:08

Nalija hat geschrieben:Es sind zwei verschiedene Stoffe, ein heller, feiner, jedoch Blick dichter für das Untergewand und ein rötlicher, in einem für die damalige Zeit genehmen Farbton, also nicht grell oder so, für das Gewand darüber. Beides Leinenstoffe.


Feiner, heller Leinen für's Untergewand klingt ja schonmal gut.
Leinen "rötlich" zu färben, gestaltet sich allerdings per Pflanzenfärberei schwierig bis unmöglich, wenn ich viele Einträge hier im Forum richtig verstanden habe.
Ob Leinen als Oberbekleidung für deine Zeit/Darstellung passt, weiß ich nicht, aber mit feiner Wolle fährst du auf jeden Fall sicherer.
Zum Thema "keine grellen Farbtöne": es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass man mit Pflanzen nur gedeckte Töne färben kann. Wenn du dich mal durch die Färbeergebnisse der verschiedensten Pflanzenfärber wühlst, wirst du feststellen, dass es sehr leuchtende Farben gibt, hab auch schon ein fast neon-gelb und -grün gesehen! Noch dazu deuten leuchtende Farben auf eine gute (und teure ;-) ) Färbung hin, wäre also durchaus passen, wenn deine Kleidung ein wenig protzen soll.
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Beitragvon Carola » 13.07.2011, 07:27

Von Leinen als Obergewand würde ich auch abraten - und wenn, kommt für das 12. Jahrhundert höchstens blauer Leinenstoff in Frage. Blau ließ sich durch Waidfärbung (Indigo) erzielen, wobei auch hier das Ergebnis im Vergleich zu Wolle und Seide blass ausfällt. Aber blaue Leinenstoffe sind z.B. aus Köln bekannt.
Waschbeständige Rotfärbungen von Leinen sind aber erst im späten Mittelalter entwickelt worden (türkischrot) bzw. waren so teuer, dass sie höchstens für Höchstadelskreise erschwinglich waren (purpur - die Purpurschnecke war zu diesem Zeitpunkt in Europa bereits praktisch ausgerottet).

Daher würde ich den roten Leinenstoff an Deiner Stelle für ein schönes, modernes Sommerkleid verwenden und mir das Edeldamenobergewand aus feiner Wolle nähen.
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Beitragvon Nalija » 06.08.2011, 14:08

Denn muss ich mir wohl nochmal durch den Kopf gehen lassen, was ich mit meinem roten Stoff mache. Ich danke aber für die Anregungen zur Farbwahl :-)

Denke was den Schnitt für das Untergewand angeht bin ich mir schon mal sehr sicher, wie es aussehen wird. Beim Obergewand hab ich leider noch immer ein riesiges Fragezeichen im Kopf, vor allem, da ich jetzt erstmal nach nem netten Woffstoff suchen werde. :biggrin: Hab zwar ein ungefaires Bild vor Augen, aber was mich da super unsicher macht sind die Ärmel vom Obergewand. Hängeärmel sind mir nichts und von engeren hab ich bisher kaum Abbildungen gesehen. Aber ich hab ja noch bis zum Winter Zeit um mir weitere Anregungen zu suchen :lesen:
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Beitragvon Carola » 06.08.2011, 15:23

Guck mal:

In diesem Ausschnitt der Hölle aus dem Hortus deliciarum hast Du ein Beispiel eines seitlich geschnürten Kleides mit engen Ärmel.
Auch die etwas unglücklich kolorierte mulier samaritana trägt enge Ärmel (ebenfalls hortus deliciarum).

Beides sind so was wie "klassische" Schnitte im 12. Jahrhundert, d.h. Du findest Kleider diesen Typs (A-Linie mit Schnürung an den Seiten oder Gürtel) auf sehr vielen Bildern.
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