Trägerkleid als frühmittelalterliches Stillkleid

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Trägerkleid als frühmittelalterliches Stillkleid

Beitragvon Salka » 05.02.2012, 15:34

Hallo liebe Flinkhand-Gemeinschaft,
ich melde mich nach langer Zeit mal wieder hier im Forum, weil ich vor folgendem Problem stehe:

In der kommenden Saison werde ich auf den Märkten mein noch zu stillendes Kind dabei haben. Aus diesem Grund möchte ich mir ein Stillkleid nähen.
Die Recherche dazu begann schon vor ein paar Monaten. Angesichts der Tatsache, dass eine durchschnittliche mittelalterliche Frau wahrscheinlich fast permanent schwanger war oder gestillt hat, ist es schon erstaunlich, wie unpraktisch die rekonstruierten und abgebildeten Gewänder dafür sind - wie realistisch ist es, dass eine Frau alle zwei Stunden mindestens 2 Schichten hochgerafft und dann quasi völlig nackt gestillt hat? Eben.
Letztendlich kamen drei Varianten in die engere Auswahl:
a) normales Kleid nehmen, mittigen oder seitlichen vertikalen Schlitz reinschneiden, Schnürung durchfädeln oder mit Fibel verschließen - fertig
b) Schnittmuster nach berwelf.de mit horizontalem Brustschlitz
c) Wikinger-Trägerkleid in Kombi mit geschlitzten Unterkleid oder einem fake-Unterkleid (quasi nur ein T-Shirt)

Dann kam meine Darstellung und mein Anspruch ins Spiel:
Nach zwei Saisons in der MA-Szene habe ich für mich eine gute Mischung zwischen a und p (praktisch) und gefällt mir gefunden.
Ich stelle eine frühmittelalterliche Slawin dar (9.-10. Jhd.), ursprünglich aus dem Lausitzer Raum. Da mein Mann und ich jetzt nach Rostock gezogen sind, bieten sich ein paar mehr Möglichkeiten. Wir wollen zwar weiterhin Slawen sein, durch die engen Handelsbeziehungen im Ostseeraum kann man aber denke ich durchaus den ein oder anderen Wiki-Aspekt mit einbauen.
Wegen der zeitlichen Eingrenzung fällt b) schonmal raus, da es sich hier schon um SpäMi handelt.
a) entfällt wegen meinem eigenen Anspruch – geschlitzte Kleider (müsste dann ja auch mindestens bis unter die Brust gehen) habe ich eigentlich noch nirgendwo bei einer Frauenkleidung gesehen, die einen einigermaßen a-Anspruch hat. Ich kenne es bisher nur von den „Kleidern im mittelalterlichen Stil“, die es landauf landab zu kaufen gibt.
Bleibt b)
Da wir in dieser Saison eh bei einer Wiki-Truppe lagern werden, spricht nichts dagegen, eine Wiki-Darstellung zu machen. Ich entschloss mich also für
geschlitztes Unterhemd (dafür hab ich in einem älteren Buch eine schematische Zeichnung vorzuweisen)
Trägerkleid, mit Fibeln geschlossen
Da ich als Studentin nur über ein minimales Budget verfüge und das Kleid zudem erstmal nur für eine Saison geplant ist, möchte ich mich natürlich auch nicht in Unkosten stürzen und wähle deshalb die Darstellung einer einfachen Frau (Ehefrau eines einfachen Kriegers) – nicht bettelarm, aber auch nicht stinkreich.

Irgendwo (weiß leider nicht mehr wo) habe ich gelesen, dass das Trägerkleid mit verschiedenen Fibeln – nicht nur mit Schalenfibeln – geschlossen wurde, sondern das die Größe, Art und Gestaltung der Fibel von der Stellung der Frau abhing. Ganz arme Frauen hatten gar keine Fibel, sondern nähten die Träger einfach an den Rock (sieht man auch ab und zu auf Märkten).
Schalenfibeln kann und möchte ich mir definitiv nicht leisten, deswegen war ich ganz froh über diese Aussage und wollte mir schon bronzene, schlichte, Rundfibeln kaufen.

Dann habe ich nochmal ein bisschen gegoogelt und jetzt finde ich auf einmal Aussagen, dass Trägerkleider NUR mit Schalenfibeln getragen wurde und auch nur von wohlhabenden / adligen Frauen.
Das würde jetzt meine ganzen Pläne wieder zunichte machen und ich kann eigentlich wieder von vorne anfangen!

Deshalb meine Fragen an euch:
Wie steht ihr zu diesem Thema?
Habt ihr noch andere Erfahrungen/Ideen für ein Stillkleid (bitte ohne Reißverschlüsse oder so etwas...)?
Ist das Trägerkleid wirklich nur für Adlige gewesen? Was haben dann die einfachen Frauen getragen? Wie sieht es mit den Fibeln aus?

Ich wäre euch sehr dankbar, wenn ihr mein schlechtes Gewissen etwas beruhigen könntet oder noch ein paar konkrete Hinweise hättet!

Ich danke vielmals schon im Voraus!
Salka
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Beitragvon Allyfants » 05.02.2012, 22:27

Schau mal hier. In diesem Thread geht es nicht nur um Schwangerzeitskleidung, sondern auch um die Zeit danach. Also Stillkleid und später. Man näht ja nicht nur für eine Gelegenheit.
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Beitragvon Draca » 06.02.2012, 09:40

a) entfällt wegen meinem eigenen Anspruch – geschlitzte Kleider (müsste dann ja auch mindestens bis unter die Brust gehen) habe ich eigentlich noch nirgendwo bei einer Frauenkleidung gesehen, die einen einigermaßen a-Anspruch hat.


Mal 'ne Gegenfrage? Auf was basieren denn die ganzen Kleidungsrekonstruktionen, die man als Darstellung umgesetzt sieht? Gerade die frühen Darstellungen basieren ja hauptsächlich auf den sehr wenigen Kleidungsfunden und Buchmalereien, die man aus der jeweiligen Zeit hat. Und wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß man eine Frau ausgerechnet in ihrem Umstands- oder Stillkleid beerdigt hat?

Schau doch mal, ob du irgendwelche frühen Madonnendarstelungen findest, in denen Maria das Jesuskind stillt. Für das Spätmittelalter zumindest war das ein recht beliebtes Sujet. Vielleicht findest du was und kannst dir daraus was ableiten. :lesen:

Ansonsten hätte ich wenig Hemmungen, ein Unterkleid mit einem entsprechenden Schlitz im Ausschnitt zu tragen. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß die Frauen damals sich alle paar Stunden halbnackt in eine zugige Ecke gesetzt haben, um dort ihr Kind zu stillen. ;-)

LG Draca
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