Nessel / Brennessel

Welche Stoffe werden verwendet, welches Material? Was trug man?

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Beitragvon Gisa » 26.02.2006, 23:21

Also die Brennessel ansich ist ja ein recht vielseitige Pflanze.

Ob zum Verzehr, als Spinat, Salat oder Tee.

Zum Stoffweben

Oder aber als Unkrautvernichtungsmittel, auf biologische Art.


Wirklich ein tolles Kraut dieses "UNKRAUT"

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Re: Nesselleinen

Beitragvon Beate » 27.02.2006, 06:32

Emily hat geschrieben: ABER es war eine Leinenalternative für arme Leute - und daher gibt es eventuell keine Belege?


Es gibt sehr wohl Belege... für Omas Zeit. ;-)
Aber wir suchen ja welche fürs Mittelalter.
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Beitragvon David » 27.02.2006, 11:15

Hîdril hat geschrieben:Ich vermute mal, dass die Brennnesseln dafür in Wald und Flur gesammelt wurden, da damals ja noch nicht alles totgespritzt wurde.



Nun ja, Brennesseln wachsen heute in diesen Mengen an manchen Orten, weil wir aufgrund der Industrialisierung und intensiven Landwirtschaft einen recht hohen Stickstoffeintrag in den Boden haben. Das lieben Brennesseln.

Sammeln (das übrigens auch viel Zeit kostet) scheint mir nicht ertragreich genug.
Also, wo bleiben die Belege fürs Mittelalter? Ausser die von Claudia erwähnten Fasern, siehts wohl eher dünn aus...
Ansonsten wird für die Bekleidung sehr armer Menschen häufig grobe Wolle erwähnt. Nessel hat doch null Wärmewirkung...


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Beitragvon wurm » 26.05.2006, 16:51

Moment, Du willst mir doch nicht erzählen, deine Oma sei die einzige in Europa, die einen stoff aus Brennesselfasern hatte. Hat sie nicht einfach Nesselstoff gemeint? Nessel ist billiger Baumwollstoff, weil minderwertig, und das hat mit Brennnesseln überhaupt nichts zu tun. Diese Diskussion hatte ich fast wortgleich schon auf tempus vivit erlebt, wo doch einige Schlaumeier tatsächlich meinten, Nesselstoff und Brennessel hätten was miteinander zu tun!
Fakt ist, daß zwar noch nie ein Gewebe als Brennessel analysiert werden konnte, aber auch, daß die Archäologen sehr wohl Brennesselspelzen als Zuschlagmaterial in Keramik kennen, was für eine textile Verarbeitung von Brennessel spricht.
Das ist zwar interessant, aber für historische Darstellung etwa genauso relevant wie die Frage, ob es am Donnerstag dem 26.5.1206 geregnet hatte oder nicht. Warum macht man für sowas ein Thema auf!?
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Beitragvon Claudia » 29.05.2006, 16:02

HEUTE ist das, was unter "Nessel" verkauft wird, billiger Baumwollstoff. Das war aber nicht immer so (warum heißt der Stoff wohl so? ;-) ).
Insofern ist das Thema völlig berechtigt und nicht im mindesten unhistorisch.

Fragen sind hier für mich eher:
1. Wie kann man Nessel von Leinen unterscheiden? (Einerseits für den historischen Nachweis, andererseits für uns Darsteller, die vielleicht mal einen Stoff als echten Nessel angeboten bekommen)
2. Ab wann gibt es Nachweise zur Verwendung für Textilien?
3. wenn es Nachweise gibt, wo?
4. Gibt es außer den archäologischen Nachweisen Texterwähnungen?

Zur Frage 2 habe ich in Kopenhagen im Nationalmuseum was gesehen. Da gab es ein Kästchen, das Fasern enthielt, die als "nettle" angegeben waren. Zeit müßte ich noch mal nachgucken (war glaube ich Frühmi, kann ich aber nicht beschwören).
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Beitragvon Knappe » 29.05.2006, 16:28

Also was nun? Gab es Brennnesselstoffe nun oder ist das ein Märchen? Gibt es irgendwelche Belege? Man liest oft im Internet, dass sich der heutige "Nessel"- Baumwollstoff von früher gebräuchlichem Brennnesselstoff ableite, dann liest man wieder, dass es für Brennnesselstoff keine Belege gäbe. Wie ist nun die Lage? Bewiesen, vermutet oder Quatsch? :gruebel: - Und stammt "Omas" Stoff tatsächlich von der Brennnessel? Wenn ja, müsste es ja vor noch gar nicht allzu langer Zeit Brennnesselfelder in Deutschland gegeben haben, sonst könnte der Brennnesselstoff ja nicht bei euren Omas gelandet sein. Und natürlich Betriebe, die die Brennnessel dann verarbeiteten...
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Beitragvon Claudia » 29.05.2006, 16:37

Fürs 18./19. Jh habe ich immer wieder gelesen, daß es Nesselstoff gab. Und heute gibt es auch noch welchen - nur nicht im Kaufhaus ;-)

Das Problem ist eher: Gab es ihn auch schon im MA? Was gibt es da für Nachweise? Und ab wann?

Ich habe grad mal nach meinem Foto aus Kopenhagen gebuddelt und die Tafel gefunden, auf der der Nessel erwähnt ist. Dummerweise habe ich den Rest der Vitrine nicht fotografiert, weil mir da gerade die letzte Batterie für die Digicam verreckt ist. Ich weiß also nicht genau, welche Zeit das nun ist. Die Glaperlen, die daneben zu sehen sind, deuten auf VWZ oder Frühmi. Mehr kann ich im Moment nicht sagen.

Das ist die Tafel:
http://img155.imageshack.us/img155/7253 ... ein4cz.jpg
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Beitragvon wurm » 29.05.2006, 18:27

Also, da ich glaubhaft vom Hörensagen kenne, daß Brennessel-Holzteile als Magerung in mittelalterlicher Keramik nachgewiesen sein sollen, und die ja irgendwoher kommen müssen, halte ich die Annahme für berechtigt, daß man auch Brennesselfasern versponnen hat.
Wenn man auf der anderen Seite keine Funde mit der entsprechenden Analyse vorlegen kann, gibt es dafür auch eine gute Erklärung: Wir "Verbraucher" von wissenschaftlichen Veröffentlichungen glauben ja immer gerne, was dort steht. Bei Funden von Pflanzenfasern steht daneben meist Leinen oder Hanf. Erst die Restauratoren im Berliner Kunstgewerbemuseum haben mir erklärt, wie verschwindend dagegen der Prozentsatz ist, daß diese Zuschreibung auch mikroskopisch überprüft wurde!
Gut möglich, daß so einige Leinenfetzen sich als Brennesselfasern entpuppen würden, wenn man sie mal untersuchen würde.
Falls jemand an Grimms Ethymologisches Wörterbuch kommt (auch das gibts online, aber ich finde es nicht), dort könnte es sich lohnen, mal unter Nessel nachzuschlagen. Warum nämlich dieser Name?
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Beitragvon Flinkhand » 29.05.2006, 18:45

Also die Frage ist ja nicht, ob Nesselstoff aus Brennesseln gemacht wurde, bevor der Name für billige Baumwolle übernommen wurde, sondern die Frage ist seit wann man diese Pflanze zur Textilverarbeitung verwendet hat.

Ich glaube mich zu erinnern, daß ich in einigen Beschreibungen von Textilfunden durchaus die unspezifische Benennung "pflanzliche Fasern" gelesen habe, ohne daß damit explizit Leinen oder Hanf gemeint war. Das beweist natürlich gar nichts, aber vielleicht stimmt ja Fabians Vermutung, daß viele dieser Stücke daraufhin noch gar nicht eindeutig untersucht worden sind. *spekulier* :blush:



[ot]Ich habe das Nesselthema mal vom allgemeinen Thread abgetrennt, weil es hier so schön spezifisch wird - dann finden wir das Thema später leichter wieder ;-) [/ot]
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Beitragvon Jaelle » 01.06.2006, 08:33

@ Wurm: die Url für Grimm's Wörterbuch lautet

http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemid=GA00001

Dort wird Nessel allerdings eher mit dem Flachs verglichen, als mit dem Leinen, wenn ich das richtig gelesen habe...

lg

J.
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