Nessel / Brennessel

Welche Stoffe werden verwendet, welches Material? Was trug man?

Moderator: Moderatoren

Eintrag im Kluge

Beitragvon succubus » 24.10.2006, 21:52

Der Kluge (wichtigstes deutsches ethymologisches Wörterbuch) sagt zu Nessel folgendes:

Nessel
Nessel SfSubstantiv Femininum std.Standardwortschatz (10. Jh.), mhd. nezzel, ahd. nezzila, as. netila u.ä. Stammwort Aus wg. *natilOn f. "Nessel", auch in ae. net(e)le, netel. Dies ist eine Weiterbildung zu einem älteren *natOn, das noch erhalten ist in ahd. nazza, gutnisch nata. Außergermanisch vergleichen sich mit *net- (statt wie vom Germanischen vorausgesetzt *ned-) mir. nenaid, lit. nOterE (u.ä.) "Nessel". Ganz unsicher ist der Vergleich mit gr. adíkE "Nessel" (aus *nd-?) - auch gr. knídE, kníza "Brennessel" sieht lautlich ähnlich aus. Wegen der lautlichen Unklarheit ist weiterer Anschluß an *ned- "knüpfen" (Nestel) unsicher. Sachlich wäre die Möglichkeit gegeben, da aus der Nessel früher ein leichtes Gewebe hergestellt wurde (Nesseltuch oder Nessel m., später aus Baumwollgarnen hergestellt).
Ebenso nndl. netel-, ne. nettle, nisl. netla; Netz.
Hoops (1911/19), III, 309f.;
Nordstrandh, I.: Quecke und Brennessel (Lund 1953);
Röhrich 2 (1992), 1088;
Udolph (1994), 52. westgermanisch ix


Nach Kluge: Ethymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Auflage. Erschienen bei De Gruyter.
Das hilft zur Verwendung nicht soderlich, zieht aber die Paralelle zwischen Nesselstoff und der Brennnessel, für die auch nach den mittelhochdeutschen Wörterbüchern nezzel die gebräuchlichste mhd.e Bezeichnung ist.

Hoffe es hilft dir, wurm!

Grüße,
succubus
succubus
Magd / Knecht
Magd / Knecht
 
Beiträge: 36
Registriert: 21.08.2006, 13:57
Wohnort: Erlangen

Beitragvon Beate » 26.10.2006, 05:06

In Birka III wird erwähnt, dass es u.a. im Oseberg-Grab Textilfunde mit Nesselfasern gibt.
Beate
 

Beitragvon Seimaden » 09.02.2007, 19:40

Ich kann mir gar nicht wirklich vorstellen, dass die Brennessel Fasern hat, die lang genug zum verspinnen sind. Könnte es sein, dass sie vielleicht mit Leinen gemischt wurden?

gruß, seimaden
Seimaden
Magd / Knecht
Magd / Knecht
 
Beiträge: 3
Registriert: 23.11.2006, 13:13

Beitragvon succubus » 10.02.2007, 20:12

Hallo,
Brennesselfasern zu spinnen ist sicher kein Problem. Es gibt in einigen Ökoläden heute noch Brennesselstoff zu kaufen, auch im Netz. Aber ich habe leider seit mein Rechner platt war keine Links mehr. Zum anderen kenne ich einen wissenschaftlich arbeitenden Steinzeitreenactor der seine Bogensehnen aus Brennesselfasern fertigt. (Da ist zwar kein Material belegt, soweit ich weiß, aber es zeigt zumindest sicher, dass sich Brennessel spinnen lässt.)
Seine Empfehlung zur Verarbeitung (hab sie aber noch nicht ausprobiert):
Brennesseln ernten, einen Tag in direkte Sonneneinstrahlung legen, Blätter ab, dann die Stengel mit zwei Steinen aufbrechen, also zwischen den Steinen reiben. Danach nach Wunsch weiterverarbeiten.
Leider weiß ich nicht, welche Brennesseln besser geeignet sind, ganz junge oder schon leicht verholzte. Ich würde auf die jüngeren tippen, weiß es aber eben nicht.
Vielleicht bekommen wir ja im Frühling / Sommer an dieser Stelle einen Erfahrungsbericht.

Viele Grüße,
hoffe es hilft,

succubus
succubus
Magd / Knecht
Magd / Knecht
 
Beiträge: 36
Registriert: 21.08.2006, 13:57
Wohnort: Erlangen

Beitragvon Tjorven » 11.02.2007, 10:34

Hihi, ich sehe schon rudelweise Flinkhänder mit Gummihandschuhen durch Brennnesseldickichte robben... aber jetzt habe ich wenigstens noch ein schlagkräftiges Argument, wieso meine Brennnesseln stehen bleiben!!!
Derjenige, der etwas zerbricht, um herauszufinden, was es ist, hat den Pfad der Weisheit verlassen. J.R.R. Tolkien
Benutzeravatar
Tjorven
Purpurträger/Purpurträgerin
 
Beiträge: 2211
Registriert: 24.12.2005, 12:00
Wohnort: Seesen

Beitragvon Beate » 11.02.2007, 17:31

succubus hat geschrieben:Hallo,
Brennesselfasern zu spinnen ist sicher kein Problem. Es gibt in einigen Ökoläden heute noch Brennesselstoff zu kaufen, auch im Netz. Aber ich habe leider seit mein Rechner platt war keine Links mehr.


Reinen Brennesselstoff gibt es bei Anita Pavani. ;-)

Der Stoff in den Ökoläden besteht meist aus einem Gemisch Baumwolle/Nessel, wobei die Baumwolle den größten Anteil ausmacht.
Beate
 

Beitragvon succubus » 12.02.2007, 15:28

Ja, durchaus möglich, dass ich es da gesehe habe...
so ergänzen wir uns ja perfekt...

Naja, im Sommer versuch ichs wohl mal mit dem Brennesselspinnen.

Viele Grüße,
succubus
succubus
Magd / Knecht
Magd / Knecht
 
Beiträge: 36
Registriert: 21.08.2006, 13:57
Wohnort: Erlangen

Beitragvon Beate » 19.05.2007, 19:03

Im Oseberg-Grab wurde ein Gewebe aus Brennessel und Wolle gefunden. Mehr dazu in NESAT 1 , Anne Stine Ingstad: "The Functional Textiles from the Oseberg Ship"
Beate
 

Beitragvon Solà » 15.06.2009, 10:45

ich hab mal eine homepage gefunden, in der eine, sagen wir mal, Lobby Bauern für den Brennnesselanbau im großen Stil sucht mit garantierter Ernte - Abnahme - für die Wiederbelebung des Brennnesselstoffes - Produktzweiges. nettelworld.com hat das auf seiner homepage beschrieben (mal von den heischerischen heile-welt-gefasel abgesehen).
Bis zum 2. Weltkrieg wurde ein Großteil der Soldatenuniformen aus Brennnesselstoff hergestellt, später aber durch die Baumwolle verdrängt. Auch in Osteuropäischen Staaten bekommt man heute noch Bekleidung und Wäsche rund um1900 aus Brennnesselstoff - der zwar schwierig zu verarbeiten ist, aber wunderbare Eigenschaften ähnlich dem Leinen hat.

Mal ne Frage an die Skeptiker: warum fällt es euch so schwer, an die Verwendnung der Brennnessel als Faserpflanze zu glauben? Leinen zu kultivieren und zu verarbeiten ist auch nicht einfach, nur gibt es das heute noch zu hauf. Eine so schnell wachsenden, immer weiderkehrende und praktisch unkaputtbare Nutzpflanze ist doch die ideale Vorraussetzung, oder? Mal drüber nachdenken..... :-) :gruebel:
liebe Grüße,
die Sonnige
_____________________________________

Der Tag ist zu kurz um all das zu tun, was ich tun möchte.... :-(
Solà
Suppenqueen
Suppenqueen
 
Beiträge: 551
Registriert: 16.01.2008, 09:35
Wohnort: München

Beitragvon Carola » 15.06.2009, 11:23

Aus adulten Brennesselpflanzen lassen sich definitiv spinnbare Fasern gewinnen. Die Verarbeitung erfolgt, wie beim Flachs, d.h. rösten, brechen, hecheln und spinnen.
Allerdings ist die Ausbeute an verwertbaren Fasern geringer, als bei Flachs oder Baumwolle, was die Brennessel derzeit wirtschaftlich uninteressant macht.
www.igwolf.de
jetzt auch auf facebook: www.facebook.com/pages/IG-Wolf-eV/181515928555627
Versuch es erneut. Scheitere wieder. Scheitere besser.
(S. Beckett)
Benutzeravatar
Carola
Herzogin / Herzog
Herzogin / Herzog
 
Beiträge: 1104
Registriert: 16.01.2007, 20:24
Wohnort: Frankfurt/Main

VorherigeNächste

Zurück zu Stoffe

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste