Gewachstes Tuch

Welche Stoffe werden verwendet, welches Material? Was trug man?

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Beitragvon David » 13.11.2009, 17:54

Hi,

wie Carola schon erwähnte, dieses "Wachstuch" aus Öl+Leinwand kenne ich auch erst nach 1800... bspw. als Regenüberzug über den Tschakos.

Wenns regnet, konnte man sich auch im Mittelalter unterstellen ;-)
Und wenns mal gar nicht anders ging, wurde man eben naß. Was noch nicht erfunden wurde, kann man auch nicht vermissen.

Ich möchte dabei nochmal darauf aufmerksam machen, das Wolle ein Vielfaches seines Eigengewichtes an Wasser aufnehmen kann ohne sich naß anzufühlen. Ausserdem wärmt Schurwolle im Gegensatz zu Leinen oder Baumwolle auch im feuchten Zustand.

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Beitragvon Klara » 14.11.2009, 21:45

David hat geschrieben:
Ich möchte dabei nochmal darauf aufmerksam machen, das Wolle ein Vielfaches seines Eigengewichtes an Wasser aufnehmen kann ohne sich naß anzufühlen. Ausserdem wärmt Schurwolle im Gegensatz zu Leinen oder Baumwolle auch im feuchten Zustand.

David


Dieses Wasseraufnahmevermögen ist mehr was zum Ausgleich von Luftfeuchtigkeit, bzw. erklärt, warum die Plastiktüte, in der die trockene Wolle mottendicht verpackt wurde, in der Sonne plötzlich lauter Wassertropfen an der Innenseite hat. Wenn's wirklich regnet, oder man blöd genug ist, die Ärmel ins Wasser zu tauchen, wird Wolle nass und ist dann zwar nicht so eklig wie Baumwolle, da hat David absolut recht, aber trotzdem finde ich sie unangenehm.

Mal 'ne andere Überlegung, nicht mittelalterlich: Ich erinnere mich dumpf aus Motorradzeiten, dass die wirklich guten Wachsjacken angeblich aus Stoff gemacht wurden, bei dem die Fäden VOR dem Weben gewachst wurden, was dann so eine Art Gore-Tex-Effekt (Dampf kann raus, Tropfen nicht rein) ergeben soll. Wäre sowas für Handweber (Kammwebrahmen) nicht auch machbar? Das Wachs auf dem Garn könnte auch beim Weben helfen, indem's die abstehenden Härchen bändigt. Oder es klebt die Kettfäden zusammen - kann natürlich auch sein...

Müsste ich glatt mal ausprobieren - oder hat schon jemand? Und was für Wachs nehme ich da am besten?

Ciao, Klara
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Beitragvon Carola » 15.11.2009, 09:07

So etwas ähnliches hat man (wohl auch schnon im MA) tatsächlich getan, allerdings nicht, um die Wetterfestigkeit des Stoffes zu erhöhen, sondern um das Weben zu vereinfachen. Das nennt sich "schlichten". Dazu hat man allerdings kein Wachs verwendet, sondern aufgeweichten Knochenleim, Roggenstärke oder eine Mischung aus beidem.
Sylvia hat m.E. schon mal damit experimentiert.
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Versuch es erneut. Scheitere wieder. Scheitere besser.
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Beitragvon Klara » 16.11.2009, 18:49

Schlichten kenne ich grundsätzlich schon (mir fiel nur das deutsche Worte nicht mehr ein, alle meine Webbücher sind englisch), auch wenn ich lieber Show-Sheen nehme (bzw. lieber so arbeite, dass ich gar nichts brauche). Ich überlege eben, ob Wachs nicht doppelten Nutzen bringen könnte...
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Beitragvon Isa » 17.11.2009, 11:55

Hallo,

das hilft uns bei der Frage zwar nicht wirklich weiter, aber ich erinnere mich dumpf in meiner Schulzeit mal ein Buch über nomadisch lebende Völker gelesen zu haben, bei einem Volk (Mongolen vielleicht?? weiß ich nicht mehr) soll das Wolltuch, das als "Außenhaut" ihrer Behausung diente mit einer Mischung aus Harz, Wachs und Öl imprägniert worden sein, mal abgsehen von dem Wasserabperleffekt diente dies aber hauptsächlich dazu die Unterkunft winddichter zu kriegen.
Leider kann ich weder genaueres noch Quellen nennen, weil es sehr lange her ist... Ich kann also nicht sagen ab wann diese Technik bekannt war und wo sie praktiziert wurde, mal abgesehen von der drarauffolgenden Spekulation wie und ob es dann ins mittelalterliche Deutschland gewandert sein könnte.

Aber prinzipiell mal eine Frage: Wolle hat ja durch den natürlichen Fettgehalt einen gewissen Nässeschutz, gelodete Wolle mehr, weil die Fasern einfach dicht verfilzt sind und das Wasser besser abperlt und nicht in die Kleidung eindringt. (Lehnhardt spricht ja auch davon, daß der mittelalterliche Loden mit dem heutigen nicht vergleichbar sei, da viel fester und schwerer, somit wohl noch mehr Nässeschutz.) Wenn man nun diese Wolle wäscht, was damals ja nicht immer mit wirklich sanften Mitteln (starke Laugen und Hitze, Ammoniak etc.) stattfand, dann würde man ja sämtliches Fett rauslösen... Ja und dann? Nachfetten? Wenn ja wie? Oder wusch man die Reisemäntel prinzipiell nie?
Vielleicht kann mir da ja jemand auf die Sprünge helfen... ich bin zur Zeit am :gruebel:
Liebe Grüße
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Beitragvon Regilla » 17.11.2009, 16:15

Liebe Isa,
Mit Filzen von Wolle kenne ich mich ( noch ) nicht aus, aber was ich mal über die Theorie lernen musste, dann kann man Wolle mit vollem Naturfettgehalt doch sicher nicht filzen. Sicher gibt es hier im Forum Leute, die das wissen. Das Wollfett kann man doch auspressen und dann reinigen. Anschließend kann man es emulgieren, z.B. mit Eigelb und dann kann man die Wolle wieder einfetten,nach dem Entfetten und Filzen. Für Babywindeln gab es mal Wollüberhöschen, die angeblich ganz dicht halten. Wenn das Kind mit seinem vollen Gewicht auf dem Schoß saß, wurde es schon feucht, aber als Regenschutz müsste es dicht halten. Da gab es auch so ein Wollfettbad zum Nässeschutz auffrischen.
Liebe Grüße,
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Beitragvon Klara » 17.11.2009, 19:08

Also so wie ich das sehe, wird die Wolle beim Filzen (was ja fürs Tuchfilzen mit Wasser und Seife passiert) automatisch zumindest teilweise entfettet. Loden ist ja ein gewebter Wollstoff, der dann gewalkt wird, oder?

Ich hatte mal einen Lodenmantel (einen "modernen" natürlich - ähh, ich muss glatt nachschauen, ob der nicht vielleicht doch noch im Speicher hängt - dann könnte ich auf Regentauglichkeit testen...) und wir wären nie auf die Idee gekommen, den zu waschen! Ich vermute stark, dass sich da durch alle Zeiten die Wäsche auf gelegentliche Regengüsse beschränkt hat. Und Schlammspritzer hat man wohl abgebürstet. Bedarf, einen Lodenmantel auszukochen, sehe ich nicht.

Ciao, Klara
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Beitragvon Klara » 09.12.2011, 15:06

David hat geschrieben:Im "Mittelalter" müsste man dafür ja logischerweise Bienenwachs genommen haben. Wenn man sich vorstellt, daß Bienenwachskerzen als Luxusgut gehandelt wurden, ist es für mich schwer nachvollziehbar das damit Textilien imprägniert wurden.


Im The Journal for Weavers, Spinners and Dyers (von einem englischen Verband - übrigens eine wirklich tolle Zeitschrift) ist gerade ein Artikel über Wikinger-Regencapes, komplett mit Fund-Referenzen und Quellenangaben. Die bestanden aus Wollocken, die in ein Köper-Gewebe eingelegt und um die Kettfäden geschlungen wurden (das Ergebnis sieht ungefähr so aus wie der von Ikea verkaufte "Flokati" Wollteppich, nur dass bei dem die Kettfäden nicht umschlungen sind - wenn man an einer Locke zieht, geht sie raus).

Die Autorin (Satu Hovi) schreibt, die Locken seien durch eine Honig oder Zucker und Essig-Mischung wasserfest und lockig gemacht worden. (ehrlich gesagt, kann ich mir weder vorstellen, dass das überhaupt funktioniert, noch dass es ein tragbares Resultat gibt - aber in McClintock, H. F. (1943) Old Irish and Highland Dress with notes on that of the Isles of Man wird die Methode angeblich beschrieben). Hovi schreibt auch über Bienenwachs als Imprägniermittel und will damit experimentieren und die Ergebnisse in ihrem Blog berichten: https://satuhovi.wordpress.com

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Beitragvon Isa » 09.12.2011, 19:30

Hallo Klara,

ich hoffe du klärst uns auf wenn die Frau Hovi mehr zu ihren Bienenwachs-Experimenten schreibt, den ich persönlich kann leider nur ihre englischen Zusammenfassungen entziffern :-(

LG Isa
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Beitragvon Klara » 11.12.2011, 18:35

Ich kann auch kein Finnish - und mit meiner Modem-Verbindung nicht mal Blogs lesen. The Journal kommt auf Englisch und Papier.

Ciao, Klara
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