Gemusterte Stoffe um 1250 für ärmliche Bevölkerungsschichten

Welche Stoffe werden verwendet, welches Material? Was trug man?

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Gemusterte Stoffe um 1250 für ärmliche Bevölkerungsschichten

Beitragvon greifenritter » 27.12.2009, 15:17

Ich konnte über die Suchfunktion nichts finden und hoffe ich bin jetzt hier richtig.

Seit längerem beschäftige ich mich nun schon mit Stoffmustern.
Im Allgemeinen (habe das Weben begonnen) und mit Muster Mitte der 13. Jht. im süddeutschen Raum.

Einige interessante Bücher dazu habe ich schon gefunden, allerdings bezieht man sich hier fast ausschließlich auf Stoffe aus dem kirchlichen bereich, mit einigen Excursen zum Adel. Das einfache Volk findet kaum Erwänung. Wenn dann höchstens Deutungen irgendwelcher Darstellungen, wobei der ärmliche Mensch auf den Abbildungen stets eine untergeordnete Rolle spielt, wenig detailiert dargestellt ist und man von den einfarbigen Abbildungen nur schwerlich darauf schließen kann daß nur einfarbige Kleidung getragen wurde.

Mir ist klar, daß das vor allem durch die schlechte Fundlage bedingt ist, aber mich läßt der Gedanke daran nicht los welche Muster in dieser Zeit hier in unserer gegend gebräuchlich waren.

Mit Funden kommt man hier wie ich fürchte nicht weit, daher muß man wohl mit Logik herangehen.

Meine Überlegungen:
Welche Faserfarben standen zur Verfügung?
Soviel ich weiß waren die Schafe nicht wie heute fast ausschließlich weiß sondern sehr oft farbig. Wenn ich an die Heidschnuckenherde meines Onkels denke, so waren diese zwar laut Rassenbeschreibung alle gleich gefärbt, die Farbunterschiede von Tier zu Tier waren aber extrem groß. Das wird damals nicht anders gewesen sein. Man wird also mehrere Naturfarben und die einzelne Farbe in nicht allzugroßen Mengen gehabt haben. Zumindest wäre das mein logischer Schluß.
Berücksichtigt man dies wird der einfarbige Stoff eher unwharscheinlich, es wird eher in Richtung Melange oder Naturfarben-Muster gehen.

Welche Geräte wurden verwendet?
Soweit ich informiert bin stellte die Bvölkerung auf dem Land Ihre Bekleidungsstoffe selbst her. Fragt sich nur was genau hier für ein Webgerät im hause war. Ein einfacher Webstuhl vermutlich - nur mit welchen Mustermöglichkeiten.
Auch hier habe ich in der Literatur eher etwas über die Weber als über das Weben im Haushalt gefunden.

Hat jemand von Euch da evtl. Erfahrungen und auch schon mal nachgegrübelt?
Habt Ihr Literaturtipps für mich?

Gibt es doch Funde von Musterstoffen eher ärmerer Bevölkerungsschichten über die ich bisher nicht gestolpert bin?

CU
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Beitragvon marled » 27.12.2009, 15:55

Ansatzweise wurde diese Frage schon HIER und HIER diskutiert.
Vielleicht weiß auch jemand der HoMi-Experten hier mehr, aber ich befürchte fast, dass die Hoffnung auf gemusterte Stoffe eine vergebliche ist, zumindesten im HoMi-SpäMi.
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Beitragvon Radegunde » 27.12.2009, 20:56

Hallo,
erstmal: ich bin überhaupt kein Spezialist fürs Mittelalter.
nur so meine Gedankengänge dazu:
Komplizierte Muster zu weben, auch mit Naturfarben, ist ziemlich zeitaufwendig und verlangt unter Umständen eine Arbeit mit mehreren Schiffchen gleichzeitig.
Konnte es sich eine arme Frau leisten, lange am Webstuhl zu sitzen?
Ich denke mal, wenn Muster, dann wohl beschränkt auf sehr einfache Farbwechsel, sprich Streifen- oder Karomuster.
Wieviel Schäfte hatte denn damals wohl ein arme-Leute-Webstuhl?
Mit einer Leinwandbindung lassen sich nicht so arg viele Muster herstellen.

Viele Grüsse
Radegunde
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Beitragvon TheaEvanda » 27.12.2009, 23:40

Hm, als einfache Webmuster fallen mir da jegliche Farbverflechtungen auf Leinwandbasis ein, dazu die Farbmuster, die aus unterschiedlicher Farbe in Kette und Schuss entstehen. Das muss nicht notwendiger Weise nur in Streifen und Karos erscheinen...

Ein einfacher Hahnentritt geht auch, oder Panama-Bindungen mit entsprechenden Farbeffekten.

Ich suche mal ein paar Muster, da habe ich hier welche herumfliegen ;-)

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Beitragvon Cerid » 28.12.2009, 08:38

Was spricht gegen mehr Schäfte? Ein Schaft mehr ist ja nur eine Holzstange mehr. Na ja und eben Garnreste für Litzen. Also eine einfach Köperbindung ist am Hochwebstuhl glaub ich auch nicht mehr Aufwand. Oder? Und in den Wintermonaten gab es doch sicher auch für die ärmere Bevölkerung nicht so viel zu tun (Landwirtschaft) wie im Frühjahr und während der Ernte. Wäre da nicht Zeit für solche Arbeiten gewesen? Vorausgesetzt das überhaupt Wolle vorhanden war. Ich denke mal das sich nicht jeder Schafe leisten konnte.
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Beitragvon Silvia » 28.12.2009, 09:24

Über das Thema hab ich auch schon ganz viel gegrübelt.
Wie war das mit der Abgabe des Zehnten ? Da sind doch sicher die besseren Farbtöne,wie hell oder schön dunkel* abverlangt wurden,so das die Bauern die "grau"töne behielten.
(*waren schwarze Tiere nicht ne Zeitlang als Kreaturen des Teufels verpöhnt ? Aber woher kamen dann die dunklen Mönchskutten ? Waren die gefärbt ?)
Dann hab ich überlegt das Muster wie Streifen bei dem Einsatz von Geren auch doof aussehen.
Andererseits geht das weben wesentlich schnell er von der Hand wenn man zB Karos webt,als wenn man öde Strecken wegarbeiten muß. Soo viel länger dauert das aufziehen von einem Karomuster auch nicht länger als uni. Was mich beim weben wirklich verwundert hat,war wie die gleiche Garnstärke bei Leinwandbindung oder aber einer Xbeliebigen 4Schaftbindung (3Schaft ginge sicher auch) aussieht.Der Stoff sieht bei gleicher Garnstärke viel edler und feiner aus.
Aber wie viel Eitelkeit konnten sich die einfachen Menschen leisten ?
Was nutzt mir das das tollste Muster,wenn ich das Kleidungsstück schon bald flicken muß ? Obwohl man die Kleidung die man selbst hergestellt hat,schöner flicken kann,als wir heute,ein wenig Garn in der Stoffarbe,und Übung,hatten die mit Sicherheit...
Ob nun Schiffchen das Problem waren ? Das war für Leute, die einen Großteil der Gebrauchsgegenstände selber machen,weniger Problem als für uns, die von Haushaltsgeld ein oder mehrere Schnellschußschiffchen plus Porto investieren müssen.


Spanndes Thema, weit bin ich aber nicht gekommen. :gruebel:
Hat jemand zu den im verlinkten Tread, erwähnten Salzbergwergfunden ne grobe Zeitangabe ? Die Susanna hat in ihrer Galerie ein Foto von einem der Stoffe.
http://www.flinkhand.de/forum/album_pic.php?pic_id=1603
Silvia
 

Beitragvon Sandra » 28.12.2009, 09:36

Aus Handelsaufzeichnungen und Haushaltsbüchern kann man entnehmen, dass die Stoffe meist ungefärbt verkauft wurden und erst nachher beim Färber in die gewünschte Farbe gefärbt wurden. Damit ist jede Musterung ausgeschlossen. (Zumindest im Bereich einfacher Wollstoffe).

Es gibt ein paar gemusterte Funde aus dem Bergwerk Altenberg. In wie weit diese allerdings repräsentativ für die breite Bevölkerung sind, ist für mich fraglich. (Die Funde sind meines Wissens alle nur gestreift.)
Ich kann mir gemusterte nur bei Personen vorstellen, die selbst gefärbt und gewebt haben. Also niemand, der in einer "Stadt" gewohnt hat.
Liebe Grüße, Sandra

Geschichte besteht aus einem Haufen Lügen über Ereignisse, die niemals stattfanden, erzählt von Menschen, die nicht dabei waren. (George Santayana)
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Beitragvon greifenritter » 28.12.2009, 14:11

Scheinbar haben sich schon viele von Euch die selben Gedanken gemacht wie ich. :-)

Ist ein Thema, daß einen vor allem wenn man selbst webt und das Problem mit zu geringen Materealmengen kennt irgendwie bewegt. Es tut einem einfach Leid kleinere Mengen einer Farbe ungenutzt zu lassen oder man ärgert sich wenn die Menge die vorhanden ist nicht für das geplante Projet reicht und man überlegt wie man eine Losung finden könnte, die dann meist so aussieht, daß man andere Farben mit verarbeitet und so Muster entstehen. Den Menschen früher ist es sicher ähnlich gegangen, ich denke sie konnten es sich oft nicht leisten die Reste ungenutzt zu lassen.

@marled
Danke für die Links.
Im Gestreifte Kleidung wird ein Aspekt erwähnt, den ich auch mehrfach gefunden habe, nämlich, daß Streifen teilweise auf Abhängige bzw. Untergebene hinweist. Das würde sich ja irgendwie auch mit meiner Folgerung, daß Arme Leute keine einfarbigen Stoff (weil dazu gefärbte oder aus grosen Mengen aussortiert werden mußte) geleistet haben werden. :-)
Kein Beleg, aber eine weiterer baustein für meiner Annahme.

Ich denke nicht, daß komplizierte Muster verwendet wurden.
Ich denke da wie Radegunde: Dafür wird die ländliche Hausfrau kaum Zeit gefunden haben, schließlich gab es außer der Weberei im Winter auch noch einiges zu tun. Wenn dann höchstens in Einzelfällen.

Ich vermute auf Grund des eingeschränkten Platzangebotes in der einfachen Hütte und auf Grund des Zeit und Materealaufwandes für den Bau komplizierter Webgeräte, wird der Webstuhl eher einfach gewesen sein. Das habe ich ja oben schon geschrieben. Wird wohl max. ein Vierschäfter gewesen sein, evtl. ein deutlich einfacheres Webgerät (Gewichtswebstuhl, weben am Gürtel, ...).
Je nach Webgerät ist ja evtl. auch nur eine Leinwandbindung möglich.
Natürlich sind trotz allem auch mehrschäftige Varianten denkbar, aber ob die Standard waren?

Allerdings denke ich auch, daß diese ohne großen Aufwand genug Mustermöglichkeiten im Strefen- und Karobereich (wie auch Hahnentritt, ...) bietet, die dann die Verwendung von mehreren kleineren Garnmengen zusammen ermöglichen ohne daß es zusammengeflickt aussieht. Der mehraufwand für ein einfaches Muster statt einfach wenn das garn aus ist eine andere Farbe zu verwenden ist denke ich nicht so groß, daß man dafür die schlechte Optik in kauf genommen hätte.

Sandras Aussage, daß die Stoffe ungefärbt verkauft und später gefärbt wurden bezieht sich vermutlich auch wieder auf die besseren Stände die sich Stoffe kaufen konnten und nicht auf die Heimproduktion zum Eigenbedarf in den Schichten die sich kaum etwas leisten konnten und evtl. nicht mal eigene Schafe hatten.
Bei ihnen ist der Stoff wohl nur selten zum Färber gegangen, manche Kleiderordnungen sahen für die Bauern auch ausdrücklich ungefärbte Stoffe vor.
Sicherlich hat auch der eine oder andere den "guten" einfarbigen Stoff den er gewebt hat verkauft um sich den Lebensunterhalt zu sichern und selbst für sich die Reste verwertet.

Meine Überlegung entstand ja eben aus den Materealknappheiten und der damit verbundenen "Resteverwertung" heraus.

Sehr interessant das ganze.
Mal sehen ob man da nicht doch irgendwo Literatur drüber findet.

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Beitragvon Radegunde » 28.12.2009, 17:18

Hallo zusammen,
kann man Hahnentritt auch mit Leinenbindung weben? Ich dachte immer, das ginge nur mit Köper!
Bitte um Aufklärung!

Liebe Grüsse
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Beitragvon marled » 30.12.2009, 09:59

Ja, kann man. Hahnentritt entsteht durch Farbverflechtung, nicht nur durch Bindung.
Der Leinwandhahnentritt unterscheidet sich im Aussehen vom Köperhahnentritt durch die geraden 'Strahlen', die vom Karo ausgehen, beim Köper sind die schräg.
Bild Bild
Bilderquellen: www.raumausstattung.de und www.ich-mags-nicht-sagen.de

Um die Farbverflechtung bei der Leinwandversion zu bekommen, ziehst du imme drei Fäden hell, drei Fäden dunkel ein.
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