Wozu soll der Faden um den Wirtel?

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Beitragvon Katharina di Mauro » 16.09.2013, 14:42

@ Klara:

Den halben Schlag mach ich natürlich auch nur, wenn meine Spindel keinen Haken hat.
Seit ich die Spindel schön steil diagonal aufwickle, habe ich auch mit abrutschenden Fäden kein Problem mehr.
Liebe Grüße,
Kati
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Beitragvon Paettrah » 09.07.2014, 08:49

Ich gehöre zwar eher zu den Anfängern, aber ich schlinge den Faden auch nicht um den wirtel, sondern nur um den Stab.
Habe aber aktuell nur Spindeln mit Haken...

Katharina di Mauro hat geschrieben: - dafür spricht dann, dass die "Wirtel-Wicklung" nicht einmalig am Anfang des Spinnens sondern jedesmal am Ende des Aufwickelns stattgefunden hat - sonst ging der Wirtel ja zum Schluss nicht mehr ab.


Aber ich muss doch den Faden-Teil der um den Wirtel läuft immer wieder lösen :gruebel: sonst müsste ich doch den neuen Faden immer durch das entstehende 'Dreieck' ziehen...
oder habe ich ein falsches Bild im Kopf? :gruebel:
Liebe Grüße aus dem südlichen Niedersachsen
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Beitragvon Verry » 09.07.2014, 08:56

ja, genau.
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Beitragvon Paettrah » 09.07.2014, 11:49

:schwitz: danke!
Dann funktioniert mein Gedächtnis ja doch noch richtig und es ist nichts durcheinander geraten ;-)
Liebe Grüße aus dem südlichen Niedersachsen
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Beitragvon w_ciossek » 28.07.2014, 01:22

Ich habe alle Antworten mal durchgelesen und bin erstaunt, daß viele völlig daneben liegen und nur sehr wenige den Grund wirklich erahnen oder ihn intuitiv erkennen.

Das Herumschlingen des Fadens hat einen physikalischen als auch einen historischen Grund.
Die alten Spindeln von früher hatten keinen Haken. Diesen braucht man auch wirklich nicht. Noch nicht einmal bei den Kopfspindeln! Wegen des Hakens muß man den Spindelstab dicker machen, was das schnelle Andrehen erheblich erschwert. Früher waren die Spindelstäbe zu beiden Seiten konisch und an den Enden sehr spitz. Dadurch konnte man sie sehr schnell andrehen. Die Wirtel waren auch nicht angeklebt, wo hierdurch der Spindelstab brechen kann, wenn er in der Handtasche des Wirtel wegens sich verkeilt. Man konnte verschiedene Wirtel auf den konischen Stab draufschieben.
War die Spindel voll, so nahm man den Wirtel ab und nutze den Schaft als Webschiffchen.

Wenn man an einen konischen Stab einen Faden wickelt, so löst er sich wieder, sofern der Faden entlang zur Drehachse ausgerichtet wird. Wenn man den Faden unter einem steilen Winkel, also nahe zur Drehachse straff anzieht, so bildet er um den Stab herum eine Schraubenlinie. Dabei rutscht der Faden solange, bis die Schraubenlinie den gleichen Winkel erreicht hat, wie der Zugwinkel. Ist der Winkel sehr steil, also der Faden auf der Drehachse, so kann keine Schraubenlinie entstehen und der Faden wickelt sich vollständig ab. Das bringt die Spindel zum Fallen. Das Herumschlingen des Fadens um den Wirtel bezweckt, daß der Zugwinkel des Fadens konstant und weniger steil gehalten wird. Zieht man nun kräftig an den um den Wirtel geschlungenen Faden, so kann dieser sich nicht abwickeln. Ein Haken ist also nicht nötig. Der Halbschlag um die Spindelspitze bewirkt nur, daß der nun fixierte Faden sehr nah an die Drehachse herangeführt wird.

Französische Spindeln haben keinen Wirtel. Da kann man nun auch keinen Faden herumschlingen. Damit der Faden nicht abrollt, sorgt eine Nut, die schraubenlinienförmig zur Schaftspitze läuft, daß der Faden einen konstanten Zugwinkel besitzt, und an der Schaftspitze nun fixiert exakt in die Drehachse gebracht wird. Auch hier kann man kräftig am Faden ziehen, ohne daß sich dieser abwickelt. Spindeln französischen Typus sind in den nördlichen Ländern des Mittelmeeres verbreitet, also von Portugal, Spanien, Frankreich, Italien bis in den Balkan und haben sich direkt vom Spinnstock entwickelt.

In beiden Fällen wird also verhindert, daß die Zugrichtung des Fadens im Bereich des Spindelstabes parallel zur Drehachse kommt. An der Spindelspitze jedoch befindet sich jedoch der Faden genau in der Drehachse, jedoch schon vorher längst fixiert durch einen konstanten Winkel weg von der Drehachse.

Bei einer russischen Spindel, welche als Standspindel betrieben wird, sieht man diesen Vorgang sehr deutlich. Sie hat einen schönen konischen sehr spitzen Schaft wodurch sie sich sehr schnell an der Spitze andrehen läßt. Der Faden umschlingt diesen Schaft in einer Schraubenlinie. Man muß den Faden schräg zur Drehachse halten, sonst wickelt sich der Faden vollständig ab. In der schrägen Lage jedoch kann sich der Faden nicht abwickeln. Beim Drehen der Spindel springt der Faden dann immer über die Schaftspitze.

Ein Haken stabilisiert nicht den Faden vor den Abrutschen, sondern bringt ihn nur in die Drehachse. Auch ein steiles schraubenlinienförmiges Umwickeln des Faden um den Spindelstab verhindert ebenfalls nicht das Abrutschen, da der Faden an der Spindelspitze entlang der Drehachse verläuft und die Schraubenlinie des Fadens sich streckt, bis die Schraubenlinie den gleichen Winkel erreicht hat, wie der abstehende Faden. Daß in den manchen Fällen die Spindel noch gerade nicht runterfällt, ist der nur der Reibung zu verdanken. Der Spindel zuliebe sollte man dieses nicht tun, außer man hat eine französische Spindel, wo die Nut den Schraubenlinienwinkel des Fadens über eine Nut fixiert.


Gruß Wolfgang
w_ciossek
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