Hochwirtelspindel historisch?

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Hochwirtelspindel historisch?

Beitragvon Kattugla » 11.10.2009, 11:10

Ihr Lieben,

wie hier und hier schon geprotzt (*g*) bin ich gerade dabei, mir historische Spinnwirtel zur Rekonstruktion vorzuknöpfen und mit dem vorläufigen Ergebnis auch ganz zufrieden.
Die kleinen Wirtel aus Stein laufen erstaunlich ruhig und höllisch schnell, prima für feines Garn.

Irgendein kleiner Unruhegeist in meinem Hinterkopf versucht mir jedoch die ganze Zeit zu erzählen, dass die gefundenen Wirtel (z.B. die halbkugelförmigen und kegeligen) dafür besser taugen, an einer Kopfspindel/ Hochwirtelspindel zu hängen. Ich glaube mich auch zu erinnern, dass historische Abbildungen eher Hochwirtelspindeln zeigten (bei den Griechen und Römern zumindest).

Jetzt möchte ich das auch ausprobieren. Ich habe jedoch noch nie mit einer Kopfspindel gearbeitet. Wie sind Eure Erfahrungen? Wie lang/kurz muss auf der kurzen Seite der Schaft sein? Welche Möglichkeiten (ausser einem Häkchen aus Bronzedraht) zur Fadenbefestigung gab es tatsächlich und welche taugt davon für eine möglichst korrekte Rekonstruktion (Zeitschiene jetzt mal gaaaaanz weitläufig gefasst bis SpäMi)? Wie ist das mit der "Rinne" am Wirtel, in der der Faden von unten nach oben geführt wird - ist die nötig oder schlicht Kappes? Habt Ihr sonst noch eine Idee dazu?

werkelsüchtige Grüße
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Beitragvon alina » 12.10.2009, 06:08

Hallo!

Also das Häckchen kannst Du direkt in den Wirtel drehen, da braucht es eigentlich kleinen Schaft oder du schnitzst aus dem Schaft eine kleinen Haken.

, dass die gefundenen Wirtel (z.B. die halbkugelförmigen und kegeligen) dafür besser taugen, an einer Kopfspindel/ Hochwirtelspindel zu hängen

Es ist kein Problem eine Topwhorl als Bottomwhorl zu benutzen. ;-)

[ot]Lass es uns doch anders herum am Samstag einfach testen. [/ot]

Viele Grüße,
Alina.
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Beitragvon Klara » 12.10.2009, 12:48

Je weiter oben am Schaft der Wirtel sitzt, desto besser muss die Spindel ausbalanziert sein, damit sie rund dreht (so nach meinem Daumen mal Pi Gefühl - weitergehende technische Untersuchungen habe ich nicht gemacht). Unwuchten machen sich bei Hochwirtelspindeln viel störender bemerkbar als bei Fussspindeln.

Nach meinen Infos war die Hochwirtelspindel bei den alten Ägyptern verbreitet, und irgendein Grieche oder Römer (Schriftsteller, sonst wüsste man's ja nicht) hat sich drüber lustig gemacht, dass sie "alles andersrum" machen, sogar das Spinnen. Aus dem Mittelalter kenne ich eine Abbildung aus dem arabischen Raum (http://larsdatter.com/spinning.htm - mangels schneller Internetverbindung habe ich mich noch nicht ganz durchgearbeitet, vielleicht findest du noch mehr).

Ciao, Klara
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Beitragvon Arachne » 12.10.2009, 17:46

Hallo Kattugla,

ich hatte Dir gestern hier eine ziemlich lange Antwort geschrieben, und jetzt ist sie weg :-( :question: :gruebel:

Leider hab ich im Augenblick keine Zeit, alles aus dem Gedächtnis nochmal zu schreiben, ich werde statt dessen mal anfangen zu recherchieren.

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Beitragvon Kattugla » 12.10.2009, 22:17

@alina: die Spindelchen wollte ich am Sonntag (Samstag???) sowieso mit einpacken, fein, ich freu mich! Eine Hochwirtelspindel ist gestern noch kurzerhand dazugekommen. Mit dem Haken umhängen wirds schwierig, die kleinen Bronzedinger sind im Schaft fest eingelassen. Im Speckstein halten die leider nicht. Was mich aber wiederum auf neue lustige Ideen rund um Bronzedraht und Speckstein bringt... :biggrin:

@Klara: ...hihi... typisch römisch eben. Das ist doch schonmal ein toller Hinweis, nach sowas war ich auf der Suche. Mal sehen, obs Plinius oder ein anderer war, die Quelle bekomme ich noch raus... danke!
Klasse Linksammlung! Mein Internet ist zwar nicht viel schneller (DSL zu Fuss eben), aber bei den Abbildungslinks habe ich neben der arabischen auch noch eine Abbildung aus dem europäischen HoMi mit Hochwirtel gefunden.
http://tarvos.imareal.oeaw.ac.at/server ... 007637.JPG

@Arachne: hmpfr. Ich bin gespannt darauf, was Du noch rausfindest. Ich habe leider nur einen großen Bücher-/Museumskatalogstapel da mit vereinzelt verstreuten Abbildungen - und kaum Zeit, die alle durchzuackern... :wacky:
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Beitragvon Claudia » 15.10.2009, 12:18

Bei den Ägyptern kenne ich noch Hochwirtelspindeln, bei den Griechen scheinen sie selten zu sein (offenbar nur zum Zwirnen verwendet).
Im europäischen Mittelalter kenne ich nicht eine einzige Abbildung einer Hochwirtelspindel. Alle Abbildungen zeigen entweder eine Spindel mit Wirtel unten, oder aber gar keinen Wirtel. Wo hast Du da Hochwirtelspindeln gesehen?

Vorgeschichtliche Wirtel sind übrigens häufig recht unsymmetrisch. Das ist an einer Tiefwirtelspindel noch tolerierbar, an einer Hochwirtelspindel nicht mehr. Ab dem Zeitpunkt, wo auch Wirtel auf der Töpferscheibe gedreht wurden, verschwindet das Problem zwar, aber aus dieser Zeit hat man ja Abbildungen und die zeigen m.W. sämtlich Tiefwirtelspindeln.
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Beitragvon Kattugla » 15.10.2009, 12:46

Die oben verlinkte Abbildung zeigt m.E. eine Hochwirtelspindel - der Faden vom Rocken läuft auf die andere Seite des Wirtels...
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Beitragvon Klara » 15.10.2009, 13:26

Kattugla,

mit der Quelle für Ägypten habe ich fantasiert - bzw. zwei Stellen aus "Women's Work" zusammengemischt: Herodotus hat zwar geschrieben, dass die Ägypter "fast alles" andersrum machen ("andere Leute schlagen den Schussfaden nach oben, aber die Ägypter schieben ihn nach unten"), aber nichts über die Spindel. Grace Crowfoot (Handspinning in Egypt and the Sudan, Bankfield Museum Notes) schreibt, dass Herodotus Hochwirtelspindeln zu seiner Aufzählung dazusetzen hätte können.

Auf Seite 193 in Women's Work (Elizabeth W. Barber) sind Zeichnungen von ägyptischen Spindeln, zwei Hochwirtelspindeln und eine als ungewöhnlich bezeichnete Tiefwirtelspindel. Alle haben an Stelle eines Hakens Schlitze oben im Schaft. Wobei, wenn die Zeichnungen stimmen, der Faden oben nicht in der Mitte der Achse rauskommt.

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Beitragvon marled » 16.10.2009, 15:27

Ägyptische Bilder von Textilverarbeitung zeigen fast durchgehend Hochwirtelspindeln, aus dem römischen Raum kenne ich persönlich keine, dafür aber aus Island, bis ins 10. Jahrhundert zurückreichend, jede Menge. Ob dieselbigen dort vor Ort entwickelt wurden oder aus dem skandinavischen oder englisch-irischen Raum oder gar dem nahöstlichen rauzm (Byzanz) mitgebracht wurden, entzieht sich meiner Kenntnis.
Ich liebe die isländische Snælda jedenfalls.

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Beitragvon Arachne » 17.10.2009, 17:55

Hallo Kattugla,

ich habe mal angefangen (bin aber noch am Anfang) und habe auf meiner Homepage unter

http://spinnrad.jimdo.com/allerlei-vom-handspinnen/formen-von-handspindeln/

2 Tabellen aufgemacht, für Hoch- und Tiefwirtelspindelnachweise. Wird kontinuierlich ergänzt. Ganz unten kommen die Buch-Quellen hin. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, was ja eigentlich auch der Erfahrung entspricht: rund um das Mittelmeer Hochwirtel, sonstiges Europa eher Tiefwirtel, Sonderentwicklung z.T. in Skandinavien.

Schau's Dir an, wie gesagt, wird noch heftig ergänzt (ich bin erst durch 2,5 Bücher durch!).

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