Hochwirtelspindel historisch?

Alles, was das Spinnen mit der Handspindel betrifft, ist hier richtig!

Moderator: Moderatoren

Beitragvon w_ciossek » 25.05.2011, 02:13

Hallo Kattugla,
Ich habe mir Universalspindeln gebaut, die man zum Gebrauch zusammenbaut. Der Spindelstab ist zu den beiden Enden hin konisch, wobei die dickste Stelle aber nicht in der Mitte des Stabes liegt, sondern mehr an dem einen Ende, wo man Wirtel anbringen kann. An den jeweiligen Enden befinden sich eine gewisse Anzahl von Rillen, wo man mit den Faden eine Schlaufe legt, so daß man sich Haken ersparen kann. Der Spindelstab ist auch nur 3 mm dick, was den Einbau eines Hakens sehr erschweren würde. Die Wirtel werden auf den Spindelstab geschoben und festgedrückt. Da der Stab zu beiden Seiten konisch ist, kann man auch zwei Wirtel draufschieben, was dann eine Balkanspindel ergibt. Ich finde, es ist Geschmacksache, ob man die Spindel als Hochwirtel oder Tiefwirtel-Spindel benutzt. Bei einer Balkanspindel ist sie dann Hoch und Tiefwirtel in Einem.
Ich konnte nicht feststellen, daß ein Hochwirtel sich schneller dreht, da die Drehgeschwindigkeit beim Andrehen mit den Fingern von der Stabdicke abhängen. Ich denke, daß ist eher eine Täuschung, da der Wirtel wegen seiner Hochlage näher dem Auge ist. Je dünner der Stab, umso schneller kann man die Spindel andrehen. Die Drehdauer hängt vom Massenträgheitsmoment zusammen und nimmt quadratisch mit den Radius zu, sofern die Masse gleichmäßig verteilt ist. Auch die Verteilung der Masse ist hier entscheidend, denn das Massenträgheitsmoment wird größer, je mehr Masse sich am Radiusende, also an Wirtelrand sich befindet. Mathematisch wäre es das Integral über den Radius zum Quadrat mal einem Massendifferential. So hat ein Ring ein größeres Massenträgheitsmoment als eine Scheibe gleichen Radius und Masse.
Durch diesen physikalischen Zusammenhang kann man erkennen, wie optimale Spindeln mit guten Drehverhalten gebaut sein müßten, nämlich ring- oder radförmig. Eine Kugel wäre schlecht! Torus ist besser!

Wenn an den beiden Enden des Spindelsstabs jeweils ein Wirtel (Balkanspindel) sitzt, dann läuft die Spindel sehr gleichmäßig und rund. Das Spinnen mit einer Balkanspindel ist sehr angenehm, da man keine großen Wirtel braucht, und der Faden kann besser aufgewickelt werden, da er von beiden Seiten von den Wirteln gehalten wird. Das bedeutet, man kann mehr Faden aufwickeln und braucht nicht so lange Spindelstäbe. Man kann also mit sehr kleinen Spindeln arbeiten. Eine Nut für den Faden am Wirtel wird erst dann praktisch, wenn die Spindel sehr voll ist, denn ohne Nut wird der Faden zum Haken hin dann zu locker, so daß er aus den Haken springt und die Spindel zu Boden fällt. Das gilt besonders dann für Spindeln ohne Haken, wo der Faden um den Spindelstab durch eine Schlaufe gehalten wird. Die Schlaufe löst sich, wenn der Faden zu locker ist.
Eine Hochwirtelspindel braucht nicht unbedingt einen Haken zu haben, wie oft es auch postuliert wird. Meine Spindeln sind im Prinzip wie die von Dornröschen und kommen auch ohne Haken aus.

Gruß Wolfgang
w_ciossek
Jungfer / Knappe
Jungfer / Knappe
 
Beiträge: 75
Registriert: 24.02.2010, 12:41

Beitragvon Kattugla » 25.05.2011, 07:30

Lieber Wolfgang,

zum einen wäre ich sehr froh, wenn Du Deine Antworten optisch besser in Absätze aufteilst, Fliesstext am PC zu lesen ermüdet sehr.

Zum zweiten sind Deine Ausführungen sicher interessant, haben aber nichts mit dem Thema zu tun. Ich hatte nach historischen Belegen gefragt.

Ich bitte Dich also (auch bei anderen Themen), Dich konzentriert auf das Thema zu beschränken, das diskutiert wird, sonst haben wir hier umgehend Chaos.


Grüsse
Kattugla (Mod)
Bild"Verlasse dich nie auf das Bier eines gottesfürchtigen Volkes!" (Quark)
mein Wichtel-Fragebogen
Benutzeravatar
Kattugla
Moderator
Moderator
 
Beiträge: 1480
Registriert: 15.02.2008, 16:13
Wohnort: im Taunus

Beitragvon Spinne » 25.05.2011, 21:10

Hi,

ich hab auch schonmal über eine Kopfspindel nachgedacht, auch für die Darstellung (2. Hälfte 15. Jh. , Deutschland), aber auf historischen Abbildungen ist mir auch noch keine untergekommen.

Da finde ich aber das Bild, das Kattugla verlinkt hat, von der Buchmalerei sehr interessant! Auf die Fadenlauf habe ich bis jetzt nämlich auf solchen Darstellungen auch noch nicht geachtet! Das könnte man schon gut so interpretieren. Da werd ich ab jetzt mal ein Auge drauf haben.

Bei archäologischen Funden aus dem Spätmittelalter kenne ich auch nur konische Spindelstäbe mit Rillen und Ton-oder Steinwirtel (so wie auf dem Bild, nur halt mit Querrillen)
Bild
Wolfgang hat das glaub ich auch so gemeint.
In wie weit man daraus auf eine Nutzung als Kopfspindel schließen kann, weiß ich nicht.

und Marled, hat die isländische Snælda einen festen Wirtel, oder kann man den abnehmen? Oder wie ist das überhaupt bei Kopfspindeln?

Liebe Grüße,

Spinne
Grüße von der Spinne
SpinnesBlog
Benutzeravatar
Spinne
Dame / Ritter
Dame / Ritter
 
Beiträge: 151
Registriert: 08.03.2010, 14:06
Wohnort: Naumburg/Saale

Beitragvon blanche_fleur » 26.05.2011, 07:57

Hallo Spinne

auf die Abbildung würde ich jetzt ehrlich gesagt nicht sooooo viel geben;
ich habe bis jetzt unzählige Abbildungung spinnender Frauen (meistens Mariendarstellungen in Verkündigungsszenen) der Romanik und frühen Gotik quer durch Europa angeschaut, und ich habe noch eine Spindel gesehen, die man eindeutig als Hochwirtspindel identifizieren könnte. Oftmals wird der Wirtel allerdings gar nicht dargestellt, da er quasi im Wollknäuel der Spindel verschwindet.

Als ich vor 3 Jahren in Barcelona die romanischen Fresken Kataloniens anschaute (die wurden ja schändlicherweise in grosser Zahl aus den Kirchen abgenommen und ins Museum gebracht) wusste ich blöderweise noch nicht, dass man auch mit einer Standspindel spinnen kann und habe deshalb nicht speziell darauf geachtet, ich glaube aber mich vage zu Erinnern, dass ich da eine Darstellung mit sitzender Maria und Spinnschale sah....
Benutzeravatar
blanche_fleur
Dame / Ritter
Dame / Ritter
 
Beiträge: 122
Registriert: 27.08.2009, 11:16

Beitragvon Draca » 26.05.2011, 08:32

Die von Kattugla verlinkte mittelalterliche Buchmalerei zeigt leider keine Hochwirtelspindel. Das ist die typische "Park-Position" für Flachsspindeln, die in den Rocken eingesteckt werden, wenn damit nicht gesponnen wird. Davon gibt es dutzende Abbildungen, z.B. von Bosch und Grünewald, inklusive den dazugehörigen Frauen beim Spinnen -mit wirtel unten.
Der falsche Eindruck, daß es sich hier um eine Hochwirtelspindel handeln könnte entsteht dadurch, daß der Faden zwar unten um die untere Spitze der Spindel herumgeführt gemalt wurde, sich aber auf der Zeichnung vom oberen Ende gelöst hat, bzw. nicht befestigt ist. Wenn man spekulieren wollte, dann wäre so ein Aufbinden z.B. für eine Standspindel logisch, wo der Faden oben auch nicht befestigt wird (vgl. Maria mit Spinnschüsselschen aus dem Stuttgarter Psalter).

Ist euch übrigens aufgefallen, daß bei der hübschen Spindelreko der Wirtel zum x-ten Mal verkehrt herum montiert worden ist? :buhaeh: Dieser hartnäckige Tick der Archäologen, Wirtel immer schön mit der breiteren Fläche nach unten hinzulegen/auszustellen/abzubilden führt dazu, die Wirtel auch automatisch so rum zu montieren. Und jeder macht es nach. :dizzy:

LG Draca
Ich benutze die Waffen der Frau: spitze Zunge, scharfen Verstand und für Härtefälle ein solides Webschwert.
Draca
Dame / Ritter
Dame / Ritter
 
Beiträge: 172
Registriert: 12.03.2010, 17:54
Wohnort: Unterfranken

Beitragvon Hîdril » 26.05.2011, 11:14

Draca, meinst du, dass dann auch halbrunde Wirtel mit der kugeligen Seite nach oben gehören? Ich habe so eine halbe Glaskugel als Wirtel und den natürlich mit der flachen Seite nach oben moniert, da er aber gerade dabei ist, vom Stab zu rutschen, will ich auch dann auch gleich richtig wieder anbringen.

Und kann mir bitte mal einer erklären, warum die Spinnstäbe alle so eine Verdickung in der Mitte haben? Wofür ist das gut? :gruebel:
Benutzeravatar
Hîdril
Purpurträger/Purpurträgerin
 
Beiträge: 2201
Registriert: 25.12.2005, 20:53
Wohnort: Buxtehude bei Hamburg

Beitragvon Lise » 26.05.2011, 12:06

Soweit ich das verstanden habe, kommt das durch die doppelkonische Form zustande. Oben und unten müssen schmaler sein, damit man den Wirtel bzw. oben garn leicht befestigen kann. Und da bleibt eben die Mitte dick.

@ blanche_fleur: So wie ich das verstanden habe, verschwindet der Wirtel nicht in der Wolle. Man kann (dank der konischen Form des Spindelstabes) immer kleinere wirtel aufstecken, wenn das Garn schon zu viel eigengewicht hat und dadurch kein Dünnes Garn mehr möglich ist. Und wenn das gesponnene Garn schwer genug ist, braucht man gar keinen Wirtel mehr.
spinne hat glaube ich ein Foto wo sie ohne Wirtel spinnt, oder? Und mit dem Wirteltausch hab ich selbst auch schon gute Erfahrungeb gemacht.

Liebe Grüße!
Man umgebe mich mit Luxus.
Auf das Nötigste kann ich verzichten.
(Oscar Wilde)
;-)

Achtung: neuer Blog!!
http://lise-im-wollwahn.blogspot.com/
Benutzeravatar
Lise
Herzogin / Herzog
Herzogin / Herzog
 
Beiträge: 1149
Registriert: 27.08.2008, 21:20
Wohnort: Halle/Saale

Beitragvon blanche_fleur » 26.05.2011, 12:15

Lise hat geschrieben:Soweit ich das verstanden habe, kommt das durch die doppelkonische Form zustande. Oben und unten müssen schmaler sein, damit man den Wirtel bzw. oben garn leicht befestigen kann. Und da bleibt eben die Mitte dick.

@ blanche_fleur: So wie ich das verstanden habe, verschwindet der Wirtel nicht in der Wolle. Man kann (dank der konischen Form des Spindelstabes) immer kleinere wirtel aufstecken, wenn das Garn schon zu viel eigengewicht hat und dadurch kein Dünnes Garn mehr möglich ist. Und wenn das gesponnene Garn schwer genug ist, braucht man gar keinen Wirtel mehr.
spinne hat glaube ich ein Foto wo sie ohne Wirtel spinnt, oder? Und mit dem Wirteltausch hab ich selbst auch schon gute Erfahrungeb gemacht.

Liebe Grüße!


hm, auf den Gedanken, die Wirtel zu tauschen, bin ich noch gar nie gekommen... wird sofort ausprobiert :biggrin:
Da ich in letzter Zeit nur noch mit einer Standspindel gearbeitet habe, stellte sich die Frage nach dem Wollgewicht nicht mehr wirklich
Benutzeravatar
blanche_fleur
Dame / Ritter
Dame / Ritter
 
Beiträge: 122
Registriert: 27.08.2009, 11:16

Beitragvon marled » 26.05.2011, 12:50

Spinne hat geschrieben:
und Marled, hat die isländische Snælda einen festen Wirtel, oder kann man den abnehmen? Oder wie ist das überhaupt bei Kopfspindeln?

Liebe Grüße,

Spinne



Sie hat einen feststehenden Wirtel, der oben auch plan mit dem Spindelstab abschließt. Ich mache bei Gelegenheit mal Fotos!

Marled
marled
Herzogin / Herzog
Herzogin / Herzog
 
Beiträge: 1198
Registriert: 25.12.2005, 14:50
Wohnort: Naurath

Beitragvon Sandra » 26.05.2011, 15:05

Kopfspindeln haben auch immer (zumindest alle, die ich kenne) einen Haken oben. Funde aus Island kenne ich fürs Hoch- bzw. Spätmittelalter.

Kopfspindeln mit Tonwirtel sind mir auch noch keine untergekommen.
Für Mitteleuropa kenne ich nur Fußwirtel bzw. nicht identifizierbar.

Die konische Form der Stäbe liegt im übrigen auch daran, dass sie gedrechselt wurden. Und wenn sie auf beiden Seite spitz zulaufen, kann der Wirtel eben auch auf beiden Seiten aufgesteckt werden. Und mit einem dicken Ende oben, fände ich das Spinnen nicht so angenehm.
Liebe Grüße, Sandra

Geschichte besteht aus einem Haufen Lügen über Ereignisse, die niemals stattfanden, erzählt von Menschen, die nicht dabei waren. (George Santayana)
Benutzeravatar
Sandra
Moderatorin
Moderatorin
 
Beiträge: 2313
Registriert: 27.12.2005, 17:38
Wohnort: Raum Wiesbaden

VorherigeNächste

Zurück zu Mit der Handspindel

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast