Zweck und Sinn der Spinnübung?

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Zweck und Sinn der Spinnübung?

Beitragvon w_ciossek » 10.12.2010, 20:40

Ich hatte zwar als Kind das Spinnen probiert und somit ohne jegliche Anleitung gelernt. Da ich von Spindeln nichts wußte, erzeugte ich den Drall mit den Fingern und zog die Fasern aus den Faserhaufen, den ich mir aus Wollfadenresten meiner Mutter zurechtgepflückt hatte, wo sie meist zu toben anfing. Den Faden wickelte ich um einen Bleistift. Jetzt nach mehr als 45 Jahren erinnerte ich mich wieder daran, baute eine Handspindel und produzierte wieder Fäden. Zwar habe ich noch nie schwangere Regenwürmer bei den Fäden hinbekommen, jedoch werden meine Faden nach etwa 400 Metern Länge fast haardünn. Schon als kleiner Junge passierte mir das immer.
Und jetzt kommt meine Frage: Welchen Zweck hat eigentlich die Übung. Spinntechnisch konnte ich mich kaum verbessern. Um den Faden nach 400 Metern konstant auf gleiche Dicke zu halten, wurde von mir zuerst durch visuelle Kontrolle versucht zu realisieren, was aber schlecht funktioniert, wenn der Drall unterschiedlich ist. Über meinen Tastsinn konnte ich besser die Fadendicke erspüren. Was machen eigentlich erfahrene Spinner? Orientieren sie sich mehr visuell oder spielt das Gefühl hier mehr eine Rolle? Bei mir scheint es so zu sein, daß ich erst mit den Fingern ein Gefühl für verschiedene Fadendicken entwickeln mußte, was bei mir den Sinn der Spinnübung ausmachte.

Allerdings hatte ich in einen Museum eine Frau kennengelernt, die meines Erachtens miserable Fäden (schwangere Regenwürmer) am Spinnrad erzeugte und so fragte ich nach, wie lange sie schon spinnt. Sie gab an, daß sie schon mehr als 15 Jahre dieses tut und daß sie diese schwangeren Regenwürmer nicht absichtlich fertigte. Ich wunderte mich erst dann darüber, als ich nach meinen ersten Spinnversuch mit der Handspindel einen wesentlich besseren Faden produzierte, nämlich gänzlich ohne diese dicken und dünnen Stellen, dafür hatte ich eher Probleme, Fäden bestimmter Dicke zu erzeugen, weswegen ich dann mehrere Wollknäuel hatte mit unterschiedlicher Fadendicke, die aber gleich sein sollten.

Gruß Wolfgang
w_ciossek
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Beitragvon Lise » 10.12.2010, 22:50

Also ich kann nur von mir sprechen und sagen, dass ich mich auf mein Gefühl verlasse. Das gilt sowohl für das Einhalten der Fadenrbeite als auch für den "Anschubsrhytmus". Aber es kann gut sein, dass es andere Spinner anders machen. Ich habe einen Bekannten, der zählt immer langsam bis 3 und dann gibt er neuen Schwung. Also nix mit "im Gefühl haben".

Aber noch ein kleiner Tipp: wir haben schon ganz viel zu Gefühl oder nicht, auf was sollte man achten und was hat wer für erfahungen gemacht gepostet. schau dich mal in den anderen Unterhaltungen um ;-)

Aber nicht aufgeben, irgendwann kann man gleichmäßig spinnen, bis die Spindel voll ist!
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(Oscar Wilde)
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Beitragvon Klara » 11.12.2010, 12:26

Tröste dich, ich spinne seit 5 Jahren und kämpfe immer noch um gleichmässige Fäden. Einer der "Tricks", damit der Faden nicht zu dünn wird ist, nicht zu weit auszuziehen. Sondern nur so ungefähr die halbe Faserlänge.

Ein anderer "Trick" ist, von Anfang an so dünn zu spinnen, wie's mit der betreffenden Faser geht.

Und je besser die Faser vorbereitet ist, umso leichter spinnt es sich gleichmässig - wenn Knubbel im kardierten Vlies sind, sind auch Knubbel im Garn. Bei Fasermischungen (auch schon doppelvliesigen Wollen) besteht auch immer das Risiko, dass sich die Fasern beim Spinnen wieder entmischen - zuerst zieht man glatt und dünn die Seide raus und dann kommt die Kamelunterwolle dick und flauschig.

Übrigens, bei unterschiedlichem Durchmesser in einem Garn hat man IMMER auch unterschiedlichen Drall. Drall ist faul und läuft dahin, wo er die wenigstens Fasern zu bearbeiten hat - also in die dünnen Stellen. Ich finde, es hilft, ein Musterstück immer vor Augen zu haben - als Einzelfaden und gezwirnt - damit man immer wieder überprüfen kann. Sonst hat man am Ende der Spule/Spindel womöglich vergessen, wie man angefangen hat.

Für technische Diskussionen rund ums Spinnen triffst du übrigens in Petzis Spinnforum wahrscheinlich auf mehr Resonanz.

Ciao, Klara
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Beitragvon Arachne » 30.12.2010, 18:38

Hallo Wolfgang,

Übung ist gut, aber auch habe Leute getroffen, bei denen es auch durch Übung nicht besser wird. Das liegt wahrscheinlich daran, daß man gleich am Anfang etwas "Falsches" gelernt hat und daran festhält, ohne etwas ändern zu wollen. Natürlich ist Falsch etwas relatives, aber ich würde sagen, die Qualität einer Spinnerin (bzw. eines Spinners) zeigt sich daran, ob sie/er genau den Faden erzeugen kann, den sie/er haben möchte oder den jemand anders haben möchte. Dazu zählt Dicke, Festigkeit, Zwirnung etc. Wenn man immer nur genau eine Sorte Garn machen kann, beherrscht man das Spinnen nicht wirklich. Bloß hat jeder sein Lieblingsgarn, in das man unwillkürlich hineinrutscht, wenn man einfach so vor sich hinspinnt.

Zum Thema Spinnen nach System habe ich auf meiner Seite etwas zusammengestellt: Spinnen nach System. (Ich glaube, hier ist das nicht direkt anklickbar, vielleicht mit Ctrl-C kopieren und direkt in den Browser eingeben).

Sigrid
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Beitragvon wetterleuchten » 31.12.2010, 10:29

@ Arachne

bei mir funktioniert auch das einfügen nicht.
Was aber prima geht, wenn man unter deinem Beitrag oder in deinem Profil deine HP anklickt. Dort findet man das auch sofort. :-)

Danke. Ich finde das sehr aufschlussreich, muss es mir aber mal in Ruhe durchlesen. Ich bin ja immer noch mit der Handspindel dabei, Kettfäden so versuchen zu spinnen und zu zwirnen, dass sie nicht alle Nase lang reissen. Und bin mir mit dem Drall vor allem beim zwirnen noch nicht ganz eins.

Ich denke, das ist auch sehr viel Erfahrungssache. Da aber der Weg vom spinnen übers färben, schären, weben usw. immer ein ziemlich langer ist, bin ich für solche hilfreichen Hinweise naturgemäß dankbar
D' Frau Werwolf sagt, des g'hört so
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Beitragvon Rigana » 31.12.2010, 15:38

Ob man gleichmäßiges Garn erhält, hängt, wie bereits gesagt, von der guten Faservorbereitung ab. Aus dem ungekämmten Vlies raus wird es oft unregelmäßiger.
Wie schnell man gut spinnt, ist eine sehr persönliche Sache. Einige haben es sehr schnell raus, andere brauchen länger. Die Arbeit mit der Spindel hat viel mit Koordination zu tun und die ist bei jedem Menschen anders ausgeprägt.
Selbst wenn man sagt, dass man bereits seit langer Zeit das Spinnen beherrscht, kann es durchaus sein, dass man nur zur Kategorie der Gelegenheitsspinner zählt und dadurch immer wieder ein wenig reinfinden muss in das richtige Gefühl. Ich selbst kann seit rund 10 Jahren mit der Handspindel und 6 Jahren mit dem Rad spinnen, aber da es nicht meine Haupt- und Lieblingshandarbeit ist, kann es sein, dass das Rad monatelang ruht und die Handspindel nur mal gelegentlich rausgekramt wird. Vielleicht ging das der Frau mit den schwangeren Regenwürmern auch so...

Des weiteren kommt es auch auf ein taugliches Spinngerät an. Es gibt Handspindeln, die lang und gleichmäßig laufen, andere eiern rum und laufen kurz. Gerät man als Anfänger an letzteres, ist es viel langwieriger, ein manierliches Ergebnis zu erhalten.
Bei Spinnrädern ists ähnlich. Meine alte ebay-Möhre, die sich gerne auf Wanderschaft begibt oder auch mal verkantet, lässt sich nicht mit einem schicken neuen Rad vergleichen. Als ich die zum ersten Mal in Betrieb nahm, nachdem ich auf einem Louet meine ersten erfolgreichen Gehversuche am Spinnrad gemacht hatte (auf dem ersten FHT ;-) ), war ich frustriert...

Ich habe kürzlich ein sehr ungleichmäßiges Vlies verarbeitet und das Garn erschien mir, als ob ich zum ersten Mal ein Spinnrad bedient hätte. Dennoch wurde das fertig verzwirnte Garn ganz hübsch und hatte nunmal die Unebenheiten als Markenzeichen.
Es ist nur bedauerlich, wenn manche Menschen der Meinung sind, dass es sich sozusagen für Handgesponnenes so gehört, unregelmäßig zu sein.

Generell spinne ich nach wie vor feiner und ebenmäßiger mit einer guten Handspindel. Die ersten Meter Garn auf jeglichem Spinngerät bestehen bei mir aus dem Kennenlernen des zu verarbeitenden Materials und dann läufts, und zwar rein aus Gefühl.
Die gleiche Wollstärke in mehreren Knäulen ergibt sich daraus ebenso: gleiches Spinngerät, gleiche Faservorbereitung und gleiches Gefühl. Wenn ich also etwas Bestimmtes mit einer größeren Menge Wolle vorhabe, bemühe ich mich, die Fasern zeitnah zu verspinnen, ohne zwischendurch andere Fasern auszuprobieren (schwerschwer....).
Das ist vielleicht wie beim Töpfern: da sagte mir mal jemand, der das professionell betrieb "eine Tasse aus Spaß und Hobby töpfern ist an sich nicht schwer, ein gleichartiges Geschirr zu töpfern erfordert Übung".

So, nu aber genuch geredet... Im neuen Jahr wird weiter gesponnen...

Liebe Grüße
Rigana
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Beitragvon w_ciossek » 08.03.2011, 15:24

Ich bekomm jetzt endlich auch gleichmäßig dicke Fäden für verschiedene Wollknäuel. Ich habe immer sehr gut durchgekämmte Kammzüge, die das Spinnen enorm erleichtern. Es ist bei mir tatsächlich eine Frage des Gefühls, die sich durch Übung eingestellt hat. Die gleichmäßigen Fäden kamen bei mir dadurch zustande, weil ich immer am Faserdreieck nur sehr kurz die Fasern herausgezogen habe, also etwa einen halben Zentimeter und die Faserlänge größer als meine Finger waren. Inzwischen schaffe ich es nach Vorgabe bestimmte Fadenstärken zu spinnen. Ich benutze meine selbstgebauten Handspindeln, die wegen des sehr geraden Spindelstab sehr ruhig laufen.

Gruß Wolfgang
w_ciossek
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