Motiv vorzeichnen

Hier geht es um die einzelnen Stiche und um Sticktechniken (Blackwork, Weißstickerei, Anlegetechnik etc.)

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Motiv vorzeichnen

Beitragvon Pumo » 09.06.2010, 19:12

Ich habe mich zwar schon ein wenig hier und auch sonstwo im Netz umgeschaut, aber nirgends eine konkrete Angabe gefunden womit genau früher (also vor der Erfindung des Kugelschreiber/ Bleistift/ Wie-durch-Zauberhand-mit-Wasser-verschwinde-Stift) Stickmotive auf Stoff aufgebracht wurde. Bei großen Arbeiten wurde wohl ein Maler engagiert, der das Motiv auftrug und dieses wurde dann von den Stickerinnen nachgestickt. Womit genau aber macht der Maler das?
Und wie siehts mit kleineren Sachen aus, wie Beuteln oder Kleidung. Pigmente dürften ja etwas zu teuer gewesen sein um damit etwas zu malen, dass man am Ende nichtmal sieht.
Die für mich sinnigste Variante wäre Kreide oder Kohle (gerade Kohle, weil sie immer zu haben ist), die etwas angespitzt wurde um damit einen feineren Auftrag zu ermöglichen. Bei Material mit hohem Flor, wird man wahrscheinlich vorgestickt haben. Gibt es irgendwo Informationen die etwas tiefer gehen als: Eine Vorzeichnerin hat das Muster aufgetragen?
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Beitragvon Sandra » 09.06.2010, 20:34

Bei geometrischen Mustern, vor allem solchen, die gezählt wurden, wurde meines Wissens gar nicht vorgearbeitet sondern einfach direkt gestickt.

Was meinst du mit "Material mit hohem Flor"? Die überwiegende Mehrzahl an Stickereien befindet sich auf Seide bzw vor allem Leinen. Bestickter Samt, vor allem direkt bestickt, fällt mir in keinem Fund ein. Gewebte Muster - ja klar, aufgenähte Borten - auch, aber Stickerei?

Ansonsten kann ich mir gut vorstellen, dass Frau eine Vorlage auf Papier/Pergament hatte. Exaktes Nacharbeiten war damals nicht so gefragt, hauptsache es protzte aus der Ferne :biggrin:
Zuletzt geändert von Sandra am 10.06.2010, 06:21, insgesamt 1-mal geändert.
Liebe Grüße, Sandra

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Beitragvon Pumo » 09.06.2010, 21:22

Ja, klar bei Zählmustern steht das ausser Frage, da mal ich heute auch nix vor. Aber ohne sich da jetzt groß bei der Samtstickerei aufhalten zu wollen ( http://www.flickr.com/photos/racaire/41 ... 880468856/ das hier sieht irgendwie nach Samt aus, kann mich aber auch irren). Ich kann mir irgendwie nicht so recht vorstellen, dass da alles frei nach Schnauze gemacht wurde, gerade bei komplexeren Arbeiten mit Knotenmustern und weiß der Geier was.

Hier z.B. auf Seite 189 ganz unten steht was von Vorzeichnen mit schwarzen Pinselstrichen.

Also ich meine jetzt nicht nur Lieschen Müller, die sich ein wenig was aufs Hemd stickt, sondern durchaus auch gehobenere Sachen.
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Beitragvon TheaEvanda » 10.06.2010, 06:39

Aus der Paramentenmacherei ist bekannt, dass (unter anderem mit Ölfarbe) das Motiv vorgemalt wurde: Maria mit Kind gemalt, und dann überstickt. Die Stickerei hat das Motiv so gut geschützt, dass man das Vorgemälde auch heute noch "hervorholen" kann.

Sonst wurde in jüngeren Jahren (ab 1790 belegt, soweit ich weiss) mit Schellack vermischtes Kreidepulver durch Stechpausen gerieben und mit Alkohol fixiert (der Alkohol macht den Schellack klebrig, und selbiger pappt die Kreide an den Stoff). Das ist auch heute noch sehr beliebt für hochflorigen Samt.
(Da man sich auf Samt allerdings totstickt, versucht man zu tricksen: Stickerei auf Seide, und dann das Motiv übertragen oder das Seidenstück ein-Patchworken - auch genannt Mittelstab einer Casel.)

Die Stechpausen-Methode ist aber wahrscheinlich noch älter, da man sie auch mit Kohle blank anwenden kann - die wird dann mit einem Pinsel und Farbe nachgezeichnet.

Schöne Grüße,

Thea
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Motiv vorzeichnen

Beitragvon Nadeln » 10.06.2010, 15:00

Zu diesem Thema habe ich einmal das zusammengestellt, was ich im Lauf der Zeit herausgefunden - aber nicht selbst ausprobiert - habe. Ob es im Mittelalter so gemacht wurde, weiß ich nicht. Vollständig ist es bestimmt auch nicht. Also unter allen Vorbehalten:
1. es wurden/werden Stechpausen gemacht (Architektenpapier, Pergament, Karton)
2. durch die Löcher wird Pulver gerieben. Für hellen Stoff eine Mischung aus Lampenruß und Harz, für dunklen Stoff Kalziumkarbonat.
3. Die Punkte müssen fixiert werden, sonst verwischen sie. Dazu kann man Spiritus oder Gummiarabicum nehmen. Eine - inzwischen pensionierte - Stickmeisterin kannte die Methode mit Gummiarabicum nur noch vom Hörensagen. (O-Ton: Das hat man gaaaanz früher hergenommen). Wassermalfarbe geht auch, mit viel Wasser und wenig Farbe.
4. Auf Samt wird eine weißliche, dicke Paste durchgedrückt, die schon sehr klebrig ist. Das hat mir eine gelernte, aber nicht mehr aktive Fahnenstickerin gesagt. Die Zusammensetzung dieser Paste wußte sie nicht. Ansonsten: siehe Thea's Beitrag
Mein Fazit: Da sieht man, wieviel Wissen und Können bereits verloren gegangen oder nur mehr schwer zugänglich ist
Viele Grüße
Nadeln
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Beitragvon Pumo » 12.06.2010, 19:43

Auf jeden Fall Danke für die Antworten. Solche Stechpausen habe ich sogar schon bei Ebay gesehen für Blaustickerei. Dann weiß ich ja jetzt Bescheid wie genau die angewandt wurden :)
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Beitragvon TheaEvanda » 13.06.2010, 14:20

Ähm... Stechpausen kannst du ganz einfach selbst herstellen, dafür musst du nichts kaufen, vor allem nicht bei i-bäh.

Du nimmst ein Motiv, paust das Ganze mit dickem (110g) Transparentpapier ab, stichst mit einer Stecknadel von hinten das Motiv nach und legst es dann mit der rauen Seite nach oben auf den Stoff. Kreide durchrubbeln, mit Spiritus (das ist vergällter Alkohol) aus einer Pumpflasche besprühen (das fixiert die Kreide etwas), notfalls nachzeichnen und sticken.

Dafür musst du nun wirklich nicht mehr Geld ausgeben als für ein gutes Vorlagenbuch.

Eine genaue Anleitung findest du auf meiner Website, http://www.handsticken.de

--Thea
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Beitragvon Pumo » 13.06.2010, 18:43

ne, kaufen wollte ich die nicht. Hatte die nur beim Stöbern gesehen und mich gefragt wozu man sowas braucht ^^
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Beitragvon Stickfee » 22.10.2011, 12:36

Ich habe einen interessanten bebilderten link zum Thema Muster vorzeichnen gefunden (auf die "alte" Methode).

Bebilderte Anleitung

:lesen:
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Beitragvon vilja » 26.10.2011, 18:50

Der Link ist Interessant.
Dann werde ich mich wohl doch mal wieder an das Sticken begeben.
Hab da gerade ein paar neue Ideen. :-)
vilja
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