Schwälmer Stickerei vs. Hessenstickerei

Hier geht es um die einzelnen Stiche und um Sticktechniken (Blackwork, Weißstickerei, Anlegetechnik etc.)

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Schwälmer Stickerei vs. Hessenstickerei

Beitragvon Stickfee » 30.08.2011, 17:08

Ich bin gerade über den Thread der Schwälmer Stickerei gestolpert und möchte da vorsichtig etwas richtig stellen.
Wie die Schwälmer Stickerei erklärt und erläutert wurde ist so nicht richtig, auch gibt es einen Unterschied in der Hessen- und Schwälmer Stickerei.
Die Schwälmer Stickerei und die Ayourstickerei sind zwei ganz verschiedene paar Schuhe.
Die Schwälmer Muster entstehen nicht durch locker gewebten Stoff durch zusammenziehen des Gewebes.
Es werden sehr wohl Fäden gezogen und das nach einem Prinzip, z.B.2-2, d.h. 2 Fäden werden gezogen, zwei werden stehengelassen und das in einem Raster.
Die Schwälmer Stickerei wird auf sehr feinem Leinen gestickt, welches mindestens 22 fädig sein muss, dieses Leinen läßt sich gar nicht wie bei der Ayourstickerei zusammenziehen.
Es werden lediglich einzelne Ayourstiche verwandt wie z.B.der Grundstich oder auch schräger Maschenstich etc.
In dem Thread wurde erwähnt, die Umrandungsstiche dienen dazu, dass sich das Gewebe nicht verzieht.
Die Umrandungsstiche der Motive dienen allein der Befestigung des Gewebes, damit durch das Schneiden nichts mehr aufgeht, dieses geschieht durch Knötchen außen und anschließenden Kettstichen innen.
Zum guten letzen würden die Schwälmer Stickerinnen beleidigt sein, wenn man Ihre Stickkunst mit der der Hessenstickerei gleichsetzt, was leider immer wieder getan wird.
Sie ist ähnlich, jedoch nicht gleich, die Hessenstickerei unterlegt z.B. die Blättchen wie in der Weißstickerei, wobei die Schwälmer sagen:
"...wer Blättchen unterlegen muss, kann nicht sticken."
Die Hessenstickerei hat Ihren Ursprung auch in einer anderen Ecke Hessens, im Hinterland nicht in der Schwalm.
Vielleicht besteht im Forum nochmal Interesse, dieses neu zu erörtern?
Es wäre schade, wenn diese schöne alte Stickkunst so falsch dargestellt wird!
Stickfee
 

Beitragvon Bettelmönch » 30.08.2011, 18:47

Deinen Ausführungen kann ich nur zustimmen. Zur Hessenstickerei gibt es auch ein Buch von Anneliese Spieß "Hinterländer Stickereien". Sie auch noch weitere gute Bücher über die Hessenstickerei verfasst.
Auch meine Meisterin hat ausdrücklich gesagt:" Hessenstickerei ist nicht gleichzusetzen mit der Schwälmer Stickerei".
Bettelmönch
 

Beitragvon Stickfee » 30.08.2011, 19:11

Ja, Anneliese Spieß hat sehr schöne Bücher verfaßt, die sich auf das Hinterland und dem Breidenbacher Grund beziehen, eben der Hessenstickerei.
Deshalb finde ich es auch so schade, dass die Schwälmer Stickerei in dem thread so falsch erläutert wurde im Hinbezug auf die Technik des Stickens.
Sie ist nämlich sehr aufwendig und nicht wie erwähnt "sieht schlimmer und arbeitsintensiver aus als es ist..."
Stickfee
 

Beitragvon Trinchen » 31.08.2011, 06:45

Danke für deine Aufklärung! Das ist sehr interessant.

Ich sticke zwar viel und habe mir viel Literatur schon durchgelesen, allerdings nur Ajour, Kreuzstich, Myrischka, Weisstickerei und Hardanger. Wobei ich allerdings Ajour, Kreuzstich und Hardanger bevorzuge.

Es wäre mal interessant über die verschiedenen Techniken zu diskutieren und die Grundlagen der einzelnen vielleicht zusammenzufassen?
Hätte auf jeden Fall interesse daran!
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Beitragvon Stickfee » 31.08.2011, 07:03

Das ist wohl das Problem in dem Thread, dort wurden leider vollkommen verschiedene Techniken durcheinandergebracht und auf die Schwälmer Stickerei "geschoben".

Dort wurde auch z.B. erläutert, dass die Schwälmer Stickerei aus der Hardanger Stickerei entstanden ist.
Die Hardanger Stickerei ist auch eine ganz andere Sticktechnik und hat mit der Schwälmer Kunst gar nichts zu tun.

Die Schwälmer Stickerei bedient sich gerne anlehnend an der Weißstickerei, den Doppeldurchbrüchen und Hohlsäumen, auch Nadelspitze wurde gerne eingebracht, in den frühen Anfängen noch auf dem Stoff gestickt ohne ihn zu durchbrechen ( weil Leinen dem Bauernvolk sehr wertvoll war und es mußte halt lange Zeit halten), später wurde aber geschnitten.

@Trinchen:
Super, dass du auch eine Stickbegeisterte bist... :biggrin:
vor allem Hardanger...darüber können wir Stunden reden, sticke ich auch sehr gerne!
Stickfee
 

Beitragvon Trinchen » 31.08.2011, 07:41

Siehste, das war auch mein Gedanke und Fehler!
Ich hatte die Schwälmer Stickerei auch als "Weitere Ausarbeitung" der Hardanger Stickerei angesehen, da es ja vom rein technischem meines Empfindens nach ähnlich ist.
Allerdings habe ich Schwälmer Stickerei bis jetzt nur bewundert und darüber gelesen, selbst gestickt habe ich es noch nicht.

Hardanger... ich liebe Hardanger! Ich bin (seit Jahren, weil immer was dazwischen kommt...) an einer Sternendecke (mit Wahnsinns Ausmaßen von 105 x 105 cm) für Weihnachten beschäftigt... Die W-Männer hab ich dazu gefügt, eigentlich wird so ziemlich alles mit Stegen versehen wird, was mir aber zu langweilig war, da wir ja nun auch viele Kinder immer zu Weihnachten hier haben...
Ausserdem wird die Decke dann auch noch in Sternenform ausgeschnitten.

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Beitragvon Stickfee » 31.08.2011, 09:12

Gott sei Dank ist ja jedes Jahr Weihnachten... :biggrin:
aber an manchen Sachen, überhaupt an Mustertüchern oder eben an Schwälmer Decken bin ich teilweise auch gut ein Jahr zugange, eben weil die Schwälmer Technik sehr aufwendig ist.

Der Unterschied zur Hardanger ist meiner Meinung nach gravierend.
Eine Schwälmer Arbeit ist eine freie Stickerei.
Es wird bevorzugt auf altem feinen Bauernleinen ein Motiv fadengerade aufgebügelt.
Hardanger wird gezählt.

Dann werden alle Befestigungsstiche und Blättchen und Schnurlöcher etc. gearbeitet.
Und dann kommt ja erst der eigentliche Arbeitsteil, das Ausfüllen der Motive.
Und dort beginnt in dem Thread halt die falsche Erörterung mit dem Ayour und Zusammenziehen der Fäden.
Bei der Hardanger Arbeit ziehst du auch "blöckeweise" Fäden aus wie du ja weißt, bei der Schwälmer Technik eben halt nach einem Raster, je nachdem wie fein der Stoff ist, z.B.2-2 oder 1-2 oder 1-3.
Dieses entstandene Raster festigst du dann oft mit dem Grundstich (ist ein AyourSTICH).
In dieses Raster kommen dann sogenannte lichte Muster, welche gestopft, mit Röschen ausgestickt werden, u.s.w.
Und das ist äußerst zeitaufwenig.
Auch wird manchmal nur in eine Richtung ausgezogen und dann ein Waffel oder Mückenstich, etc eingearbeitet.
All diese Stiche werden bei der Hardangertechnik auch so nicht angewendet.
Zuletzt kommt dann noch der Saum, welcher dem der Hardangertechnik auch nicht entspricht und ein breiter Stopfhohlsaum würde auch gar nicht zu einem Hardanger Abschluss passen, eben weil die Techniken so vollkommen verschieden sind.
Deine Decke kannst du locker schaffen bis Weihnachten...sie ist wirklich sehr schön und die Idee mit dem Weihnachtmann zwischendurch genial.
Ich muss meine Decken immer mit einer durchsichtigen Plastiktischdecke vor meinen vieren schützen... :dizzy:
Stickfee
 

Beitragvon Stickfee » 31.08.2011, 09:53

@Trinchen:
...da ich irgendwie immer noch zu blöd bin Bilder direkt in ein thread zu bringen, habe ich mal was in meiner persönlichen Galerie gepostet.
Wenn du Lust hast kannst du ja mal reinschauen.

Sind so meine Anfängerstücke, im Moment arbeite ich an einem Tafeltuch, dauert mit Sicherheit Jahre.... :wacky:
Stickfee
 

Beitragvon Shadow-Witch » 31.08.2011, 16:08

gibt es auch Vorlagen für diese Stickerei? evtl sogar im internet, vielleicht sogar zum freien download :wacky: ??? :gruebel:
Grüße von Gaby
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Beitragvon Stickfee » 31.08.2011, 17:16

Meinst Du Vorlagen allgemein zur Schwälmer Stickerei?
Es gibt sehr schöne Vorlagenhefte und Bücher im Museum der Schwalm in Ziegenhain von Luzine Happel, Elisabeth Stübing und Maria Deistler.
Stickfee
 

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