Schuhe armer Leute im 11. Jhd.

Was man sonst noch so alles braucht ...

Moderator: Moderatoren

Beitragvon Xia » 03.03.2006, 08:49

Beate hat geschrieben:Nun war ich gerade dabei meinen Beitrag zu editieren, als Xia mich unterbrochen hat. Hier nun der Rest meines Textes:

Wenn du die Ausgrabungberichte liest, dann wirst du feststellen, dass die Autoren sich oftmals sehr schwammig und vorsichtig ausdrücken. Es ist nämlich nicht alles so eindeutig. ;-)

Die Bücher über die Ausgrabungen in Haithabu sind im Wachholtz-Verlag erschienen.
Leider ist das Buch über die Lederfunde dort nicht mehr erhältlich. Frag mal in einer Biblithek danach:

Die Lederfunde von Haithabu, Bericht 21, von Willy Groenman-van-Waateringe, Karl Wacholtz Verlag Neumünster

Kann jemand noch mehr Literatur zum Thema Schuhe nennen?
Benutzeravatar
Xia
Grossherzogin / Grossherzog
Grossherzogin / Grossherzog
 
Beiträge: 1399
Registriert: 26.12.2005, 16:22
Wohnort: Calw-Lützenhardter Hof

Beitragvon candamir » 14.03.2006, 10:09

Beate schrieb:
Ich weiss auch von keinem Schuhfund in Birka (weder arm noch reich), daraus schliesse ich aber nicht, dass keiner Schuhe trug.
sehr interessante Disskussion zu diesem Thema und zum Re-enactment des Mittelalters allgemein, denn es wird ja oft argumentiert (insbesondere bei Tempus vivit): was nicht gefunden wurde, ist nicht belegt, gab es damit nicht (sicher) und sollte nicht getragen werden ... :gabsnicht:

klar, einem gefundenen Schuh kann man nicht mehr ansehen, wer ihn getragen hat, lediglich aus seiner "Ausstattung" lassen sich Rückschlüsse ziehen, welche finanziellen Mittel der ursprüngliche (rechtmäßige) Besitzer zur Verfügung hatte (schließlich ist es auch denkbar, dass abgetragene Schuhe der "Reichen" an die "Armen" abgegeben oder weggeworfene von diesen nachgenutzt und endgültig abgetragen wurden - nur so eine soziale These ;-)
Benutzeravatar
candamir
Magd / Knecht
Magd / Knecht
 
Beiträge: 37
Registriert: 14.01.2006, 07:26

Beitragvon Knappe » 14.03.2006, 12:18

Hallo!

Ich habe ein Reclam- Heftchen (das sich mittlerweile leider schon auflöst) mit Auszügen aus Wolfram von Eschenbach´s "Parzival". Das fällt zwar ins 13. Jahrhundert, aber da steht auch etwas über "Bauernschuhe".

127:
"[...] Aus Kalbfell, frisch und roh,
zwei Bundschuh´ schnitt man ebenso
für seine Füße passend zu."

(Neuhochdeutsche Übersetzung von Wolfgang Mohr).


Und falls es Übersetzungsfehler gibt das Ganze nochmal auf Mittelhochdeutsch ;-):

"[...] al vrisch rûch kelberîn
von einer hût zwei ribbalîn
nâch sînen beinen wart gesniten."

Im weiteren Verlauf wird mehrmals beschrieben, dass diese "Bauernschuhe" für jemanden wie Parzival, zumal er dann eine Rüstung trägt, nicht angemessen sind.

Vielleicht kann man mit dieser "Quelle" ja etwas anfangen, wenn das Fundgut nicht viel hergeben sollte...
Benutzeravatar
Knappe
Gräfin / Graf
Gräfin / Graf
 
Beiträge: 692
Registriert: 23.12.2005, 18:18
Wohnort: Bayreuth

Beitragvon candamir » 14.03.2006, 12:59

zumindestens ein eindeutiger Hinweis auf Bundschuhe im Hochmittelalter (was ja immer wieder heftig als un-"a" abgelehnt wird)
Benutzeravatar
candamir
Magd / Knecht
Magd / Knecht
 
Beiträge: 37
Registriert: 14.01.2006, 07:26

Beitragvon Mona » 14.03.2006, 13:15

Hm naja, aus dem Mittelhochdeutschen Text kann ich jetzt persönlich nichts von Bundschuhen herauslesen...

Ich würde das eher als "Von einer Haut zwei [...]" lesen, also dass aus einer Haut zwei gleiche Teile geschnitten wurden...

Bundschuhe gehören einfach nicht ins Hochmittelalter...
Mona
Dame / Ritter
Dame / Ritter
 
Beiträge: 118
Registriert: 26.12.2005, 21:25
Wohnort: Alzenau/Würzburg

Beitragvon candamir » 14.03.2006, 13:48

zum einen gibt es aber bereits andere Belege (R. Hirschberg hat eine Abbildung eines [spanischen?] Bauern mit Bundschuhen aus der Mitte des 13. Jh in ihrer Abhandlung über die Schuhe "veröffentlicht") für Bundschuhe im Hochmittelalter und zum anderen, was bedeutet es denn, wenn aus einer Haut zwei Stücke geschnitten werden die an zwei Füßen als Schuhe dienen sollten?

wenn ein Schuh nur aus einem Stück Leder gemacht wird, ist das nicht ein "Bundschuh"? für mich sieht das nicht nach einem "Wendeschuh" aus

oder gilt hier: das nicht sein kann, was nicht sein darf? :gruebel:
Benutzeravatar
candamir
Magd / Knecht
Magd / Knecht
 
Beiträge: 37
Registriert: 14.01.2006, 07:26

Beitragvon Claudia » 14.03.2006, 14:45

Ich hätte jetzt "ribbalîn" eher als "Riemen" interpretiert und es macht mich irgendwie stutzig, daß die Dinger nicht für die Füße, sondern für die Beine bestimmt sind (kann natürlich bedeuten, daß "Bein" hier den Überbegriff einschließlich Fuß meint) - hat hier jemand ein mittelhochdeutsches Wörterbuch?
Claudia
Gräfin / Graf
Gräfin / Graf
 
Beiträge: 682
Registriert: 04.01.2006, 17:19
Wohnort: Dresden

Beitragvon Beate » 14.03.2006, 16:11

candamir hat geschrieben:
wenn ein Schuh nur aus einem Stück Leder gemacht wird, ist das nicht ein "Bundschuh"? für mich sieht das nicht nach einem "Wendeschuh" aus



Nein, ich kenne auch Schuhe aus einem Stück Leder, die keine Bundschuhe sind.

Beispiel 1

Beispiel 2


Claudia hat geschrieben:hat hier jemand ein mittelhochdeutsches Wörterbuch?


Hilft das hier weiter?
Beate
 

Beitragvon Knappe » 14.03.2006, 16:37

Jo, Beate, die Wörterbücher sind gut. Dort wird "Ribbalîn" als "schlechte Stiefel" oder auch als "Bauernbundschuh(?)" bezeichnet, worauf letzteres auf franz. "Ruban=Band" zurückgeführt wird. :lesen:
Benutzeravatar
Knappe
Gräfin / Graf
Gräfin / Graf
 
Beiträge: 692
Registriert: 23.12.2005, 18:18
Wohnort: Bayreuth

Beitragvon David » 14.03.2006, 19:34

Für mich sind aufgrund des Textes keine Schlüsse auf die typischen "Bundschuhe" zu ziehen. Als Bundschuhe werden m.W. auch Schuhe bezeichnet, die mit besagten Riemen gebunden werden. Und davon gibts ja archäologische und bildliche Nachweise.

sehr interessante Disskussion zu diesem Thema und zum Re-enactment des Mittelalters allgemein, denn es wird ja oft argumentiert (insbesondere bei Tempus vivit): was nicht gefunden wurde, ist nicht belegt, gab es damit nicht (sicher) und sollte nicht getragen werden ...


...richtig sollte es heissen, "was nicht sicher belegbar ist, kommt für eine auf der Historie basierenden Dartstellung nicht in Frage". Das es Dinge nicht gab, die nicht gefunden wurden, ist nicht sicher. Aber ebenso unsicher ist deren Existenz... :dizzy:

Übrigens wurde recht vieles gefunden, was mancher sich kaum vorstellen kann. Man muß seine Recherchen nur mal auf weniger populäre Werke ausweiten...

David
Benutzeravatar
David
Herzogin / Herzog
Herzogin / Herzog
 
Beiträge: 1232
Registriert: 25.12.2005, 00:22
Wohnort: Quedlinburg/ Harz

VorherigeNächste

Zurück zu Dies & Das

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast