Manipel des Ulrich von Augsburg - Brettchenborte?

Hier geht es um Bänder nach historischen Vorlagen. Wer hat Vorlagen, aus welcher Zeit gibt es welche Funde?

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Manipel des Ulrich von Augsburg - Brettchenborte?

Beitragvon Hadra » 27.08.2014, 10:40

Hallo ihr Lieben,

In der Forschungsliteratur bin ich heute morgen über das Manipel des Ulrich von Augsburg gestolpert. Angeblich - so liest man - ist das ein brettchengewebtes Band.

Aufgrund des Fadenlaufes habe ich da aber so meine Zweifel, bin aber echt kein Experte fürs Brettchenweben. Dennoch sind gerade in älterer Literatur sehr oft Fehler bezüglich verschiedener Techniken zu finden.

Mir scheint die Technik eher als eine damastartige Weberei. Hier findet sich ein leider nicht sehr gutes Foto: http://www.uni-muenster.de/Kultbild/mis ... pel01.html . Ein besseres konnte ich nicht finden.

Sind solche feinen, sich nur teilweise wiederholenden Muster mit Brettchenweberei überhaupt möglich? Das Band ist angeblich 6,5cm breit.

Die Flächen mit Goldlan (nur da!) erscheinen im Fadenlauf horizontal, zu sehen ist also wohl der Schussfaden. Ein Köper? In den restlichen Bereichen ist der Kettfaden zu sehen, wie ich das erwarten würde.

Was ist das also?

Auf euer Urteil bin ich sehr gespannt.

Viele Grüße
Hadra
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Re: Manipel des Ulrich von Augsburg - Brettchenborte?

Beitragvon Sandra » 27.08.2014, 13:10

Hadra hat geschrieben:
Sind solche feinen, sich nur teilweise wiederholenden Muster mit Brettchenweberei überhaupt möglich? Das Band ist angeblich 6,5cm breit.

Ja, in verschiedenen Brettchenwebtechniken ist das ohne Probleme möglich.
Hadra hat geschrieben:Die Flächen mit Goldlan (nur da!) erscheinen im Fadenlauf horizontal, zu sehen ist also wohl der Schussfaden. Ein Köper? In den restlichen Bereichen ist der Kettfaden zu sehen, wie ich das erwarten würde.

Falsch, das ist eine Broschur. Du hast das völlig richtig erkannt, dass neben den Kettfäden ein horizontal verlaufender Broschurfaden (meist Goldlahn, Silberlahn, hin und wieder auch farbige Seide) verwendet wird. Eine kleine Anleitung findest du hier: http://aisling.biz/index.php/tips-und-t ... roschieren

Ansonsten gibt es zu diesem Band eine Publikation: Versuch der Musternachbildung eines Brettchengewebes: Teilstück der Manipel von Sankt Ulrich in der AiD von 1990 (bzw. den 2. Versuch 1991), aber das hab ich hier gerade nicht da. Ich meine mich zu erinnern, dass es vor ca. 8 Jahren auch in der Karfunkel(?) dazu einen Artikel gab. Aber da bin ich mir nicht mehr sicher.
Liebe Grüße, Sandra

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Beitragvon Hadra » 27.08.2014, 13:16

Vielen Dank :) Wieder was Neues gelernt.

Den Artikel schau ich mir mal an. Die Unibib hat die Zeitschrift zum Glück.
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Beitragvon SilviaAisling » 27.08.2014, 20:18

Dazu gibt es einiges an Literatur...

Versuch der Musternachbildung eines Brettchengewebes: Teilstück der Manipel von Sankt Ulrich Von Heie Stolte in Experimentelle Archäologie in Deutschland, Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland Volumen 4, 1990

Und zweiter Versuch der Musternachbildung eines Brettchengewebs: Manipel des Heiligen Ulrich von Heidi Stolte in Experimentelle Archäologie Bilanz 1991,

DAs Ärmeltuch des Bischofs Ulrich von Augsburg - Musternachbildung eines Brettchengewebes von Heidi Sotlte in NESAT V, 1993
Ich habe dazu auch mal ein Video gesehen, aber ich habe es jetzt nicht widergefunden.

Kurz zusammengefasst. Die Borte wurde mit 133 Brettchen gewebt.
Heidi Stolte hat mit mehreren Techniken gearbeitet:

Broschiertechnik.
Köpertechnik
teilweise muss bei einzelnen Brettchen eine Doppeldrehung gemacht werden bevor ein neuer Schussfaden eingelet wurde, um eine Pünktchenwirkung zu erreichen

Dazu sind einige Stellen mut Blauer Seide überstickt worden, noch während gewebt wurde.

Das ist etwas, vor demi ich einen Heidenrespekt habe und wo ich mich nicht rantraue.
Ich bin nett, höflich, liebenswert und zuvorkommend
und garantiert nicht ironisch ;-)

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Beitragvon Hadra » 27.08.2014, 20:25

Dass das ein großer Aufwand ist und keine "normale" Brettchenborte, das beruhigt mich erst mal ;) Dann ist es nämlich kein Wunder, dass ich es nicht als das erkannt habe, was es ist.

Die Grundtechnik des Brettchenwebens lässt mich schon wahnsinnig werden. Deswegen ist sowas umso faszinierender.
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Beitragvon Brettchenweber » 28.08.2014, 20:10

Hallo zusammen!
Peregrina hat im Album Brettchenweben 2010 Fotos dazu hochgeladen, ich selbst hab ein Teilmuster aus diesem Tuch als Diagonalmuster realisiert (auch im Album), die Punkte erhält man wirklich durch Doppeldrehung (in einer REKO wurden sie angeblich gestickt). Man findet eine Beschreibung dazu auch im Collingwood!
lG
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