Stricken im Mittelalter?

Hier ist Eure Strickecke und Platz für Eure Ideen.

Beitragvon Claudia » 05.09.2007, 14:11

@Steffi: Mist. Ich bin mit nämlich nicht sicher, ob das Zeug wirklich gestrickt ist oder Nadelbindung in diesem "Strickstich". Bei so einem endlos verfilzten Teil kann man da ja nun gar nicht sicher sein.

Aus dem byzantinischen Raum soll es schon relativ früh Strickarbeiten geben, aber einen echten mitteleuropäischen Fund (also hier hergestellt, kein Importstück) kenne ich vor dem 13. Jh. gar nicht und selbst die Teile aus dem 13., die ich bisher gesehen habe, waren unsicher datiert.
Claudia
Gräfin / Graf
Gräfin / Graf
 
Beiträge: 682
Registriert: 04.01.2006, 17:19
Wohnort: Dresden

Beitragvon steffi241 » 06.09.2007, 10:30

Im Schloss Gottorf steht nicht dabei woher der Fund kommt :-( und da arbeitet auch niemand der Ahnung hat, aber ich konnte die Telefonnummer einer der zuständigen Archäologinnen bekommen, die den Mittelalterbereich im Schloss bearbeiten und weil ich sie etwas fragen möchte (es gibt keinen Ausstellungskatalog), kann ich nach dem Strickgewebe auch gleich fragen! Es wird allerdings nicht sofort sein, da ich mir erst aufschreiben muss was genau ich alles fragen möchte, damit ich nachher nicht wieder denke, öohh, das hättest du auch noch fragen müssen ;-)
Liebe Grüße, Steffi

http://www.podol.de
Benutzeravatar
steffi241
Herzogin / Herzog
Herzogin / Herzog
 
Beiträge: 1019
Registriert: 26.12.2005, 13:48
Wohnort: Eschenburg

Beitragvon Anne-Kathrin » 18.07.2008, 22:08

Hallo!

Da ich furchtbar gerne stricke, habe ich mich in der letzten Zeit sehr viel mit dem Thema Stricken im Mittelalter auseinander gesetzt, denn ich wollte ungern mit einer noch nicht da gewesenen Handarbeitstechnik im Lager sitzen;) Nachdem ich auch nochmal in der Lipperheideschen Kostümbibliothek geforscht hab, ist mein Informationsstand folgender:

- Stricken gibt es in Ägypten seit 450 v. Chr.
- die ersten europäischen Funde sind auf ca. 500 n.Chr. datiert und aus Skandinavien
- die ersten mitteleuropäischen Funde sind (wie im Thema schon erwähnt) von ca. 1100 (die besten Funde sind nach wie vor die kirchlichen und die gestrickte Kissenhülle)
- der Irrtum, dass das Stricken erst zur Renaissance erfunden wurde rührt daher, dass sich erst im Spätmittelalter das Stricken als Beruf etabliert hat und Gilden gebildet wurden
- Stricken gab es parallel zum Nadelbinding für den eigenen Hausgebrauch und den extrem wenigen Funden nach zu urteilen in diesem Gebiet wahrscheinlich nur glatt rechts oder links

Natürlich gibt es keine Garantie für diese Informationen, aber ich habe versucht gründlich und auch aus Büchern zu recherchieren, da doch zu viele Leute auf "offiziellen" Seiten im Internet zu gerne behaupten, Stricken hätte noch nicht existiert;)

Liebe Grüße
Anne
Benutzeravatar
Anne-Kathrin
Magd / Knecht
Magd / Knecht
 
Beiträge: 4
Registriert: 18.07.2008, 21:54
Wohnort: Berlin

Beitragvon Rigana » 21.07.2008, 12:56

Stricken wurde nicht "erfunden", sondern kam bereits im 14. Jh. (? korrigiert mich) vom Orient nach Mitteleuropa.
Ich selbst habe ein Paar gestrickter seidener Bischofshandschuhe aus dem ausgehenden Mittelalter in einer Ausstellung gesehen, die nicht importiert waren. Es gibt Abbildungen strickender Frauen in mittelalterlichen Handschriften

Das mit den skandinavischen Funden mag ich nicht so ganz glauben, ebenso finde ich das 11. Jahrhundert etwas früh angesetzt. Aber da lasse ich mich gerne eines Besseren belehren :-)
Kannst du mir mal das Buch nennen, aus dem du das hast?
Ich finde Stricken auch schön und würde gerne mehr über diese Handarbeit im frühen Stadium erfahren.

Allerdings habe ich auch schon Handarbeitsbücher vorliegen, die mit den absurdesten Stories aufwarten konnten und bin somit kritisch geworden. Gerade beim Brettchenweben kommt selbst in neuen Publikationen noch die alte (und widerlegte) Mär vom Brettchenweben im Alten Ägypten. Auch Sprang wurde unerkannterweise wegen seiner Elastizität als Gestricktes interpretiert.

Liebe Grüße
Rigana
Benutzeravatar
Rigana
Moderatorin
Moderatorin
 
Beiträge: 3671
Registriert: 23.12.2005, 20:11
Wohnort: Bad Kreuznach

Beitragvon Carola » 21.07.2008, 15:21

Ob das Stricken nun erfunden, entdeckt oder entwickelt wurde, ist m.E. ein Streit um Begrifflichkeiten, den wir uns nicht antun müssen. :kap:

Worüber man sich allerdings streiten kann ist, wann diese Technik nun aufkam.
5. Jahrhundert für Skandinavien und 11. für Mitteleuropa erscheinen mir ebenfalls sehr verfrüht. Da hätte ich auch gerne Belege, die eindeutiger sind, als ein Haufen verklumpter Fäden in einer Vitrine.
Wie vorsichtig man mit den Behauptungen von Experten sein muss, zeigt sich m.E. sehr deutlich bei dem Buch "Mit Nadel und Faden", das immerhin auf die Bemühungen von Prof. Dr. Marianne Stradal zurückgeht "die Erkenntnisse und Forschungsergebnisse ihrer lebenslangen Beschäftigung mit Handarbeitstechniken einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen." Leider ist der Professorin (oder der Bearbeiterin) eine für Europa extrem wichtige Handarbeitstechnik entgangen: Das Nadelbinden. So werden dort auch Abbildung angeblich gestrickter koptischer Socken präsentiert, obwohl die Art der Löcherbildung deutlich verrät, dass sie genau dies nicht sind. Des weiteren fällt auf, dass die Beweisführung oft mehr als stringent ist: Aus einer Verordnung von 785 n.Chr., nach der Geistliche Strümpfe zu tragen haben, wird kurzum geschlossen, dass diese gestrickt zu sein hätten. Das ist schon deshalb absurd, weil im MA auch genähte Strümpfe weit verbreitet waren.

Auf die Gefahr, schon Erwähntes zu wiederholen: Die früheste (mir bekannte) Abbildung, die definitiv einen Strickvorgang zeigt, ist die der Maria auf dem Buxtehuder Altar.
Ausserdem habe ich gehört, dass sich unter den Themsefunden auch Gestricktes befunden haben soll, das auf das 13. Jahrhundert datiert wird. Da ich die Bücher nicht zur Hand habe, kann ich das aber nicht überprüfen.

Trotzdem wäre ich sehr interessiert daran, einen Beweis für Strickwaren im 11. oder 12. Jahrhundert zu erhalten. Stricken ist nun mal wesentlich effizienter, als Nadelbindung - auch wenn meine letzte "Vorführung" auf schier unglaubliche Resonanz gestoßen ist. :biggrin:
www.igwolf.de
jetzt auch auf facebook: www.facebook.com/pages/IG-Wolf-eV/181515928555627
Versuch es erneut. Scheitere wieder. Scheitere besser.
(S. Beckett)
Benutzeravatar
Carola
Herzogin / Herzog
Herzogin / Herzog
 
Beiträge: 1104
Registriert: 16.01.2007, 20:24
Wohnort: Frankfurt/Main

Beitragvon Anne-Kathrin » 21.07.2008, 19:23

Leider habe ich bei meiner Recherche keine Abbildungen dieser Funde gesehen. Ich hatte vorher schonmal davon gehört und explizit danach gesucht, bin aber leider nicht fündig geworden. Sie wurden lediglich ein paar Mal erwähnt. Irena Turnau erwähnt in "The Diffusion of Knitting in Medieval Europe" ein paar gestrickter Beinlinge eines Bischofs aus Worms von 1192. Die anderen Quellen habe ich mir nicht nochmal extra rausgeschrieben, aber ich will demnächst eh nochmal in die Bibliothek, dann schau ichs nochmal genau nach und poste sie hier:)
Ich habe außerdem noch ein paar mal gelesen, dass das Stricken an sich im antiken Griechenland sehr verbreitet gewesen war und sowohl Socken, als auch gestrickte Trikots bekannt waren. Diese Information ist aber aus dem Internet. Mich würde bei so etwas interessieren, was die ursprünglichen Quellen dafür sind, aber meistens sind sie nicht genannt:(
Als älteste Abbildung wird immer der Buxtehuder Altar genannt. Wenn das Stricken aber tatsächlich hauptsächlich für den Hausgebrauch praktiziert wurde, fände ich es nicht widersprüchlich, dass es schon vorher existiert hat.
Benutzeravatar
Anne-Kathrin
Magd / Knecht
Magd / Knecht
 
Beiträge: 4
Registriert: 18.07.2008, 21:54
Wohnort: Berlin

Beitragvon Julian Menninger » 19.01.2009, 19:17

Im Würzburger Domschatz gibt es einen gestrickten Seidenhandschuh. Der fünffingrige Handschuh ist krappgefärbt und mit kleinen Adlern bestickt. Datiert ist er auf 1280.
Handschuh
Julian Menninger
Magd / Knecht
Magd / Knecht
 
Beiträge: 10
Registriert: 17.11.2008, 14:57

Beitragvon wurm » 22.01.2009, 20:35

Diesen Würzburger Handschuh kannte ich noch gar nicht. Aber aufgrund der Kufi-Inschrift ist er sicher spanischen Ursprungs, und dort ist Stricken seit 1150 nichts Besonderes. Überhaupt ist die Frage, ob die Kontinuität zwischen den einwandfrei gestrickten, also nicht im strickidentischen Stich nadelgebundenen koptischen Gestricken des Frühmittelalters, bis zu den arabisch beeinflussten Gestricken ab um 1000 gegeben ist, oder nicht. Es fehlen einfach die Funde. Ich habe dazu mal einen Fachartikel geschrieben, der aber meines Wissens nie veröffentlicht wurde. Ob ich noch eine digitale Form dazu habe, weiss ich nicht. Ich könnte sonst höchstens den Text abkopieren. Oder Tippen, ächz.
Benutzeravatar
wurm
Gräfin / Graf
Gräfin / Graf
 
Beiträge: 540
Registriert: 04.05.2006, 09:04
Wohnort: Berlin, Prenzlauer Berg

Beitragvon Chrissie » 27.01.2009, 09:21

Der Artikel würde mich schon brennend interessieren.
Falls Du ihn nur in gedruckter Form hast, könnte ich versuchen, ihn per Texterkennung zu digitalisieren.
(Ich sag allerdings dazu, das das Ergebnis bis zu 4 Wochen dauern könnte aufgrund der Terminlage hier im Moment.)
Liebe Grüße,
Chris

If I´m sitting, I´m knitting.Bild
Bild
Benutzeravatar
Chrissie
Fürstin
Fürstin
 
Beiträge: 967
Registriert: 11.11.2008, 10:36
Wohnort: Duisburg

Beitragvon Klara » 27.01.2009, 11:13

Oder hochauflösend einscannen und als JPG ins Netz stellen? Ich bin auch neugierig...

Ciao, Klara
Klara
Freifrau / Freiherr
Freifrau / Freiherr
 
Beiträge: 470
Registriert: 29.12.2005, 11:38

VorherigeNächste

Zurück zu Strickecke

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste

cron