gestreifte Kleidung

Diskussionsforum Hochmittelalter (ca. Mitte 11. bis Mitte 13. Jhd - je nach Region auch noch später)

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gestreifte Kleidung

Beitragvon Knappe » 24.07.2005, 15:02

... Erstellt am 24.07.2005 - 16:02

Hallo!!

Ich bin über Abbildungen gestreifter Kleidung gestolpert. Sie stammen aus dem Ende des 13. bzw. Anfang des 14. Jahrhunderts.

Zum Beispiel:

Spanien (Ende 13. Jhdt.):

Frankreich (Chartres, 13. Jahrhundert):

Sachsenspiegel (Anfang 14. Jhdt.):

Heidelberger Liederhandschrift (Anfg. 14. Jhdt.):

Außerdem hat der König in der Kreuzfahrerbibel streifenartige Stickerei(?) in regelmäßigen Abständen:

Weiß jemand, wann das mit den Streifen ungefähr angefangen hat? Und wer hat gestreifte Kleidung getragen? Wurden verschiedenfarbige Stoffstücke zusammengenäht oder wurde der Stoff bereits so gewoben? Zählt das noch zu Mi-Parti?

Gruß, euer Michael.
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Beitragvon Flinkhand » 24.07.2005, 18:51

... Erstellt am 24.07.2005 - 19:51

Hallo Knappe,

ich denke, das wurde so gewebt. Es ist ja kein Problem, einen Stoff mit Querstreifen zu weben, dabei nimmt man dann einfach für den Streifen einen andersfarbigen Schußfaden.

Das ist m.E. auch eine sehr alte Sache, das mit Streifen (und auch mit Karos). Wenn ich mich nicht irre, haben sie damit schon in der Eisenzeit begonnen, aber da müßte ich nochmal den Schlabow ausgraben...

Viele liebe Grüße,
Claudia,
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Beitragvon Knappe » 24.07.2005, 19:05

... Erstellt am 24.07.2005 - 20:05

Ja, das habe ich mir auch schon gedacht, dass es einfacher wäre, gleich Streifen einzuweben, als so etwas zusammen zu nähen. Aber ich kenne mich mit dem Weben nicht aus.

Bisher habe ich solche Streifen aber erst ab Ende 13. Anfang 14. Jahrhundert gefunden...

Ich nehme an, der "Schlabow" ist der Schweppe fürs Weben?
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Beitragvon Flinkhand » 24.07.2005, 19:43

... Erstellt am 24.07.2005 - 20:43

Karl Schlabow war Direktor des Textilmuseums Neumünster und hat ein paar Veröffentlichungen herausgebracht, u.a. "Textilfunde und Analysen aus der Eisenzeit".

Viele liebe Grüße,
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Beitragvon David » 26.07.2005, 10:38

... Erstellt am 26.07.2005 - 11:38

Hallo,

in manchen Handschriften finden sich auch knallrote Pferde!
Man sollte nicht vergessen den kunsthistorischen Kontext einer Darstellung zu beachten. Oft ist es Bildsprache im Sinne von Symbolen.
So ist bspw. der Sachsenspiegel ein Gesetz-/ Rechtsbuch, gestreifte Kleidung symbolisiert dort die Abhängigkeit/ Vasallität.In der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Manesse) ist gestreift ebnefals ein Symbol für Untergebenheit, bspw. auf folio 273 recto, dort wird Herr Neidhart von gestreiften Bauern bedrängt, oder auf Folio 231 recto wird ein Pferd von einem gestreifen Knecht versorgt. Typisch auch die Kennzeichnung von Musikern. Beispiele ebenfalls in der Manesse, folio 399 recto, 10 recto, 13 recto, und, soweit ich mich erinnern kann auch in der Kreuzfahrerbibel, sowie im Sachsenspiegel.
In der "Manfred- Ausgabe" des Falkenbuchs Friedrich II. (De Arte venandi cum avibus - die Kunst mit Vögeln zu Jagen, Ital. um 1240)sind untergebene ebenfalls gestreift zu sehen.
Überhaupt findet sich in Südeuropa mehr "gestreiftes".

In der sog. Maciejowskiebibel(Kreuzfahrerbibel) sind häufig die biblischen Könige historisierend dargestellt. Diese gestickten (?) oder applizierten Querbänder sind in der Mode des 11. und 12. Jhd. anzutreffen.

Gestreifte Kleidung ist in Darstellungen des 13. und 14. Jhd. immer wieder anzutreffen, oft allerdings mit dementsprechendem Symbolgehalt. Dies sollte natürlich von heraldischen Kennzeichen (Mi-Parti)unterschieden werden.

Es gab vermutlich auch gestreifte Textilien ohne irgendein Stigma, macht doch die Art und Weise der Musterung viel aus. So sind breite Streifen auch im adligen Bereich zu finden.

Sehr wahrscheinlich wurde, und das deckt sich mit entsprechenden Textilfunden, daß Streifenmuster farbig eingewebt durch unterschiedlich gefärbte Schüße.

Gruß,

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Beitragvon Knappe » 26.07.2005, 11:07

... Erstellt am 26.07.2005 - 12:07

Haben Streifen also reinen Symbolgehalt für Abbildungen oder wurden sie tatsächlich getragen? Breite Streifen für Adlige? Also trugen nicht-Adlige auch Streifen, aber schmale?? Und in Südeuropa kam diese Mode Mitte des 13. Jahrhunderts auf, bei uns dagegen weniger und wahrscheinlich erst später, richtig??

Spricht man dann nur bei Wappenröcken oder anderen von Kämpfenden getragener Kleidung zur Kenntlichmachung im Krieg oder Tunier von Mi- Parti?? Oder ist durchaus ein Adliger auch in Zivil in seinen Wappenfarben herumgelaufen??

Sorry für die vielen Fragen und danke für die Mühen
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Beitragvon Xia » 26.07.2005, 13:14

... Erstellt am 26.07.2005 - 14:14

Also rund hundert Jahre später, 1400 und aufwärts war gestreifte Kleiung eher weniger oder nicht üblich. Zumindest keine Querstreifen. Vielleicht ist das ein Überbleibsel früherer Zeiten ??
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Beitragvon David » 26.07.2005, 15:25

... Erstellt am 26.07.2005 - 16:25

Hallo,

nach meiner Beurteilung der Quellen ist gestreifte Kleidung auch im 13. Jhd. eher unüblich.
Was nun ausschließlich Symbolcharkter hat, und was wirklich getragen wurde ist letzlich schwer zu klären. Das wird dir niemand mit letzter Sicherheit sagen können.
Da kann man nur Quellen studieren, sie auf ihren kunsthistorischen Rahmen prüfen und Schlüsse daraus ziehen.
Es gibt bestimmte Archetypen, die immer in derselben oder ähnlichen Form in den Darstellungen erscheinen. So sind bspw. figürliche Hirtendarstellungen an deutschen Kirchen fast identisch.
Also, Michael, schau dir viele, viele Quellen an. Suche nach Mustern. Finde "Alltagsszenen" und versuche dir den Realitätsgehalt anhand von Vergleichsquellen (textlich oder billich) herauszufiltern. Wenn du das dann noch mit archäologischen Befunden abgleichen kannst, ist es schon fast wissenschaftliches Arbeiten.

Was ich eigentlich damit sagen wollte: Recherche für historische Rekonstruktionen kann furchtbar einfach sein, nämlich immer dann, wenn ein ordentlich bearbeiteter Archäologischer Befund vorliegt. Aber dort, wo wir uns im kunsthistorischen Bereich bewegen, artet es richtig in Arbeit aus, zu einem (für sich) schlüssigen Ergebnis zu kommen.
Aber eigentlich wollte ich dir damit sagen, daß ich dir diese Fragen nicht erschöpfend beantworten kann.
Viel "gelabert" habe ich nun trotzdem, deshalb höre ich jetzt auf...


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Beitragvon wurm » 10.05.2006, 19:00

im 13. bis 15. Jahrhundert sind gestreifte Textilien nur eines: Ein überdeutlicher Hinweis auf islamische Herkunft des Stoffes. Fast schon ein Markenzeichen des Islam. Wegen Bilderverbot hatten die ja nicht viel anderes tun können. Und weil Islam bei den Christen modisch in war, hat man sowas natürlich auch hierzulande nachgewebt. Richtig, islamische Stoffe sind ein Zeichen adliger Prunksucht, und gestreifte Darstellungen in der Buchmaleri je nach Kontext auch so zu verstehen.
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Beitragvon David » 10.05.2006, 19:14

Das würde die Häufung von gestreiften Kleidungsdarstellungen im südeuropäischen Raum erklären. Die geografische Nähe zur islamischen Welt.
Bleibt aber noch die im mitteleuropäischen Raum verwendete Symbolsprache. Im Sachsenspiegel werden "abhängige" durch gestreifte Kleidung gekennzeichnet (bspw. bei Darstellungen von Lehensvergaben). Im Codex Manesse werden so Spielleute dargestellt.
Wie Wurm schon schrieb, der Kontext der Abbildung ist ausschlaggebend für die Deutung.
In der Bergbausiedlung "Altenberg" (also keineswegs adlige Hinterlassenschaften) wurden ebenfalls gestreifte Wollfragmente gefunden.
Übrigens neben sehr viel schön bunt gefärbten...

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