Webmuster im HoMI?

Diskussionsforum Hochmittelalter (ca. Mitte 11. bis Mitte 13. Jhd - je nach Region auch noch später)

Moderator: Moderatoren

Webmuster im HoMI?

Beitragvon marled » 29.03.2006, 18:30

Eine liebe Freundin hat demnächst Geburtstag und soll von mir mit einem handgewebten Stoff beschenkt werden. Sie ist an eine HoMi-Gruppe angeschlossen (leider, denn davon habe ich überhaupt keine Ahnung :gruebel: ) und deshalb wüsste ich gerne von euch, ob Stoffe mit einem eingewebten Muster wie z. Bsp.
das hier
möglich, denkbar, nachgewiesen, erwünscht oder was auch immer wäre (Verwendungszweck überlasse ich ihr dann).
Vielen Dank für eure Hilfe.
marled
marled
Herzogin / Herzog
Herzogin / Herzog
 
Beiträge: 1198
Registriert: 25.12.2005, 14:50
Wohnort: Naurath

Beitragvon Flinkhand » 29.03.2006, 20:23

Hallo marled,

es gibt eine riesige Auswahl an Webmustern vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Die Techniken zum Musterweben waren bereits bekannt ("einfarbigen" Diamantköper gab es z.B. bereits in der Eisenzeit), und es wurden im Mittelalter sehr edle Stoffe (häufig aus Seide) gewebt, die sowohl geometrische als auch florale Muster sowie auch Abbildungen von Tieren darstellten. Eine interessante Produktion davon gab es beispielsweise im Orient, der ja im HoMi für den Handel soweit schon erschlossen war. Wenn ich mich recht erinnere, dann gab es große Produktionsstätten auch in Südeuropa.

In wie weit eine Art Bordüre eingewebt wurde, kann ich nicht sagen - die Bilder, die ich gesehen habe, zeigen Stoffe, die durchgehend gemustert sind und erinnern an Brokatstoffe. Allerdings sind dies eigentlich immer Abbildungen von sehr edlen Textilien, die natürlich nicht vom einfachen Volk getragen wurden. Weißt du, welchen Stand deine Freundin darstellt? Einfache Leute haben sich wahrscheinlich eher nicht mit solch edlem Tuch gekleidet, aber wenn der Stoff aus Wolle ist (und nicht aus Seide), dann kann ich mir gut vorstellen, daß eine Bordüre dieser oder ähnlicher Art für jemanden mittleren Standes (z.B. eine Bürgerin) eingewebt worden sein kann. Belege hab ich dafür aber nicht. Man sieht ja viele Abbildungen von Kleidung mit Borte/Bordüre, aber da ist es immer schwer zu beurteilen, ob das eingewebt oder anschließend aufgenäht wurde.

Noch jemand eine Idee?
Claudia,
Die Flinke

The only difference in the rich and the poor is a satisfied mind (Randy Travis)


http://www.flinkhand.de
http://www.flinkhand-shop.de/
Benutzeravatar
Flinkhand
Nur 2 Clicks ....
 
Beiträge: 5496
Registriert: 22.12.2005, 09:18
Wohnort: Berlin

Beitragvon Wolfgang » 11.04.2006, 13:36

Hallo Marled!
Die HoMi-Stoffmuster, die ich gesehen habe, zeigten alle ständig wiederkehrende Tier- oder Pflanzendarstellungen - zum Teil abstrahiert. Es gibt da zB Vögel, die sich in Kreisen von Ranken befinden. Die Bordüre, die du abgebildet hast, erscheint mir vom Muster her zu modern. Möglich wäre natürlich, wie Flinkhand schreibt, dass das was wir auf Abbildungen als Brettchenborten interpretieren in Wirklichkeit in den Stoff eingewebt war.
Wolfgang
Jungfer / Knappe
Jungfer / Knappe
 
Beiträge: 60
Registriert: 09.01.2006, 12:55
Wohnort: Wien

Beitragvon Xia » 11.04.2006, 15:21

Wolfgang hat geschrieben:. Die Bordüre, die du abgebildet hast, erscheint mir vom Muster her zu modern. .


Fürs Spätmittelalter sind die Formen zu fliessend, also altmodisch.
Benutzeravatar
Xia
Grossherzogin / Grossherzog
Grossherzogin / Grossherzog
 
Beiträge: 1399
Registriert: 26.12.2005, 16:22
Wohnort: Calw-Lützenhardter Hof

Beitragvon marled » 11.04.2006, 15:37

Erstmal danke für die Infos (auch wenn sie mir ja nicht wirklich weiterhelfen ;-) ). Habt ihr Tipps, wo ich mir die von euch beschriebenen Muster, sowohl die Tier/Pflanzenmuster wie auch die (angebliche) Brettchenborte vielleicht mal online anschauen könnte?
Vielen Dank
marled
marled
Herzogin / Herzog
Herzogin / Herzog
 
Beiträge: 1198
Registriert: 25.12.2005, 14:50
Wohnort: Naurath

Beitragvon Claudia » 11.04.2006, 16:29

Online kenne ich nix, aber in folgenden Büchern findest Du eine Menge:

Mittelalterliche Textilien in Kirchen und Klöstern der Schweiz
Brigitta Schmedding
1978, ISBN 3-7272-9682-8

Alte Gewebe und ihre Geschichte. Ein Lese- und Bilderbuch
Karel Otavsky
1987

Textilsammlung der Abegg-Stiftung Band 1
Mittelalterliche Textilien I
Ägypten, Persien und Mesopotamien, Spanien und Nordafrika
Karel Otavsky, Muhammad Abbas Muhammad Salim
unter Mitarbeit von Cordula M. Kessler
(definitiv was zum Bestellen über Fernleihe, kaufen ist illusorisch - ca. 140 Euro)

Leonie von Wilckens, Mittelalterliche Seidenstoffe

Und immer schön ein Sabberlätzchen umbinden! ;-)
Claudia
Gräfin / Graf
Gräfin / Graf
 
Beiträge: 682
Registriert: 04.01.2006, 17:19
Wohnort: Dresden

Beitragvon wurm » 15.05.2006, 23:15

ich will Dich ja nicht vor den Kopf stoßen, aber wenn Deine Freundin einigermaßen Ahnung hat, machst Du ihr mehr Freude mit einem einfachen handgewebten Atlas oder einem schicken Doppelgewebe, als mit irgendwelchen Designermustern. Und wenn Du Musterbriefe für ein echtes mittealterliches Muster hättest: Ohnte die originale Bindung, die Pflanzenfarben, die Fadendichte stellt sich einfach nicht der Eindruck einer gewissen Echtheit ein!

Ich habe zum Beispiel ein wikingisches Wabengewbe von einer Kalifornischen Weberin aus Baumwolle: Ok, Material ist nicht authentisch, aber das Gewebe ist handgemacht und in Originalbindung. Es stört mich nicht, daß die Feinheit der Fäden im Maß 1:10 gröber ist, weil so fein wie die Wikis keiner mehr weben kann. Das Produkt mag unvollkommen sein, aber zählt für mich zu den größten Schätzen, die ich je von einer Weberin bekommen habe, Weil die Hingabe zur Technikgeschichte die Unzulänglichkeiten einfach überwiegt.
Benutzeravatar
wurm
Gräfin / Graf
Gräfin / Graf
 
Beiträge: 540
Registriert: 04.05.2006, 09:04
Wohnort: Berlin, Prenzlauer Berg

Beitragvon marled » 16.05.2006, 16:19

Hallo, Wurm!
Das mit dem "Designergewebe" verstehe ich nicht so ganz, ist denn nicht jedes Gewebe irgendwie designed, d.h. von einem Weber entworfen?? Wäre schön, wenn du mir schreiben könntest, was du damit meinst!
Damast fällt für mich weg, da ich eine rein 'bäuerliche' Webweise mit 4-Schaft betreibe. Die Gewebe, die ich herstelle, sind daher auch eher für diese Bevölkerungsschicht gedacht (geschichtlich gesehen).
Hab den Stoff aber eh schon inzwischen verschenkt und die neue Besitzerin hat sich jedenfalls sehr gefreut. Was sie im Endeffekt jetzt damit machen wird, weiß ich noch nicht, werde es aber sicherlich demnächst erfahren.
marled
marled
Herzogin / Herzog
Herzogin / Herzog
 
Beiträge: 1198
Registriert: 25.12.2005, 14:50
Wohnort: Naurath

Beitragvon wurm » 17.05.2006, 16:40

na mit Disignerkram meinte ich Muster, die wie das oben von Dir gezeigte irgendwo zwischen 1970er und 1980er Jahre gehören, und dann von den vertrauten Markttrampeln als mittelalterlich angesehen werden. natürlich will ich Dich nicht mit solchen Leuten vergleichen, ich sehe an Deinem Beitrag daß Du durchaus Fachkenntnis hast, und Geschmack und guten Willen dazu.

Wenn ich die obige Diskussion richtig deute, dann ging es um die Frage, ob man eine Reihe Muster gewebt haben könnte, und danach en plein, olso ohne Muster weitergewebt. Ein klares Nein würde ich geben, aber ich habe ja auch nicht alles gesehen. Würde mich allerdings sehr verwundern. Entsprechende Abbildungen deute ich genauso wie wir es alle immer getan haben, als Applikation, sei es Brettchenborte oder was auch immer.

Du hast einen vierschäftigen Webstuhl (moment, lässt der sich nicht erweitern?), und willst einerseits "bäuerliche Bindungen" machen, aber Muster doch auch?! Verstehe ich nicht ganz, denn das Mustern hängt ja wenig von der Bindung ab.

Ich glaube eigentlich eher nicht, daß du rapportartige Muster einbauen willst, oder? Das setzt einfach einen umfangreichen Webapparat mit Litzen und Latzen voraus, und endet irgendwann konsequent im Jaquard-Webstuhl. Dann möchtest Du das Muster mit Broschieren oder Lancieren einbringen, ja? Und dafür suchst Du jetzt Volagen, oder?

Vielleicht kann ich dann helfen, wenn ich die Ausgangslage richtig verstehe.
Benutzeravatar
wurm
Gräfin / Graf
Gräfin / Graf
 
Beiträge: 540
Registriert: 04.05.2006, 09:04
Wohnort: Berlin, Prenzlauer Berg

Beitragvon marled » 17.05.2006, 17:09

Ah ja, jetzt verstehe ich dich! Und damit du meine Weberei (die ich mir zugegebener Maßen rein autodidaktisch und nur durch Bücher und Versuch und Irrtum beigebracht habe) auch ein wenig besser verstehst, hier meine Erklärung zu diesem Muster.
Es ist ein leicht abgewandelter Double Compass aus dem Jahre 1787. Die bäuerliche 4Schaftweberei ist schon ziemlich alt und wurde von den deutschen (skandinavischen,französischen, englischen usw.) Auswanderern zwischen 1600 und 1900 mit nach Amerika gebracht. dort sind diese Muster dann von Sammlern aufgeschrieben worden. Es gibt vorher auch deutsche Musteraufzeichnungen, die ersten (bekannten) stammen allerdings frühestens aus dem 16. Jhdt . Die Besonderheit ist halt, dass sie eine ausgeprägte Formenvielfalt aufweisen, die Muster haben auch in Amerika zum Teil noch deutsche Namen behalten und können fast alle auf dem Vierschaft gewebt werden. Es gibt halt eine Menge Abwandlungen von Köper und Leinenbindung wie Bettelmannsdrell, Munkabelte, Rosengang und viele mehr. Mir reichen die mehr als 1000 verschiedenen historischen (wenn auch vielleicht nicht mittelalterlichen) Muster, die hier in verschiedenen Büchern auf ihre Wiedererweckung warten.
Aber es wäre sehr interessant sich weiter mit dir auszutauschen, vielleicht setzen wir den Austausch aber besser im bereich Weben fort.
Lieben Gruß
Marled
marled
Herzogin / Herzog
Herzogin / Herzog
 
Beiträge: 1198
Registriert: 25.12.2005, 14:50
Wohnort: Naurath

Nächste

Zurück zu HoMi

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste