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Köpertechnik

Die Köpertechnik (engl. 3/1 broken twill) ist eine der kompliziertesten Techniken in der Brettchenweberei und verlangt sowohl Konzentration als auch schon einiges an Erfahrung in den anderen Techniken, besonders in der Doubleface Technik. Du solltest das System der Brettchenweberei schon verinnerlicht haben, bevor du dich mit dem Köpern befaßt, ansonsten wird es sehr schwierig, die hier aufgeführten Zusammenhänge zu verstehen und umzusetzen. Daher finde ich es auch mehr als erstaunlich, daß gerade Bänder in dieser Technik schon in sehr frühen Zeiten gewebt wurden. Einige sehr alte Funde belegen das Beherrschen dieser Technik bereits seit mindestens dem 3. - 4 Jhd. n.Chr. . Peter Collingwood nennt in seinem Buch “The Techniques of Tablet Weaving” einen Fund aus dem Grab von Pilgramsdorf, Nidzica (Polen), der in Köpertechnik gewebt wurde. Überhaupt scheint Köper in der Brettchenweberei zusammen mit der Broschiertechnik die im Mittelalter am weitesten verbreitete Technik zu sein. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, aber wer sich ernsthaft mit diesen Funden beschäftigen möchte, dem kann ich den Collingwood nur empfehlen.

Das sogenannte Köpergewebe ist kein richtiger Köper, wie wir ihn aus der Tuchweberei kennen, aber die Struktur des in dieser Technik gewebten Bandes sieht optisch annähernd so aus. Diese Struktur hat im Gegensatz zu den anderen Techniken, einen diagonalen Verlauf, d.h. das Gewebe zeigt schräge Strukturlinien. Dies läßt sich für saubere schräge Musterlinien hervorragend nutzen und ist deshalb zur Musterbildung sehr reizvoll. Außerdem werden Bänder, die in dieser Technik gewebt werden, sehr fest und stabil - ein Vorteil, der der Struktur beim Doubleface nicht gegeben ist. Auch kommt beim Köpern der Schußfaden nie auch nur ansatzweise zum Vorschein, selbst wenn sich die Drehrichtung ändert. Es ist also eine Technik, die viele schöne Aspekte beinhaltet und die deshalb seit vielen Jahrhunderten sehr beliebt ist. Aber wie gesagt, es ist nicht ganz einfach.

Grundstellung der Brettchen

Wir unterscheiden jeweils die Grundstellung der Brettchen im “Viererpaket”, d.h. die Abfolge der Positionen wiederholt sich jeweils nach vier Brettchen:

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In der Abbildung ist die Farbe, die oben ist und den Hintergrund bildet, schwarz, die musterbildende Farbe ist weiß dargestellt. Die abgebildeten Positionen der Brettchen wiederholen sich für die jeweils nächsten vier Brettchen, d.h. Brettchen 5 wird gestellt wie Brettchen 1, Brettchen 6 wie Brettchen 2 usw. Ich persönlich merke mir das mit den Worten “oben, hinten, oben, vorne”, weil die an der Oberfläche zu erscheinende Farbe (ohne Muster) von mir als Weberin aus gesehen eben oben (Brettchen 1), hinten (Brettchen 2), oben (Brettchen 3) und vorne (Brettchen 4) liegt.

Wie man bereits an der Grundstellung der Brettchen erkennen kann, ist es nicht möglich, alle Brettchen gleichzeitig in eine Richtung zu drehen, um eine einheitliche Hintergrundfarbe zu erhalten. Würde man alle vier Brettchen vorwärts drehen, käme die Hintergrundfarbe bei Brettchen Nr. 2 nach oben. Umgekehrt, also bei einer Rückwärtsdrehung aller Brettchen, käme die Hintergrundfarbe von Brettchen Nr. 4 nach oben. Daran kann man schon sehen, daß wir hier nicht einfach mit dem ganzen Packen Brettchen zusammen arbeiten können, wenn wir eine einfarbige Fläche weben möchten. Aber klären wir zunächst die Schärung, bevor wir mit dem Drehen der Brettchen beginnen:

Die Schärrichtung

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Im Gegensatz zu den anderen Webtechniken wie Einzugsmuster und Doubleface ist die Schärrichtung der Brettchen hier zwar bei der Musterbildung relevant, da die Verlaufsrichtung des Gewebes ausschließlich aus der Drehrichtung jedes einzelnen Brettchen bestimmt wird, hat aber keine Auswirkung bei einfarbigem Köper. Das läßt sich erklären, indem man sich die Richtung der Verzwirnung bei der Drehung eines Brettchens genauer anschaut: Die Verlaufsrichtung des Gewebes, also die Richtung der Verzwirnung der Fäden bei der Drehung eines Brettchens, ergibt sich bei einer S-Schärung der Brettchen (also alle Brettchen gleichermaßen s-geschärt) wie folgt:

/ bei einer Vorwärtdrehung

\ bei einer Rückwärtsdrehung

 

In der Abbildung sind die grauen Kästchen Rückwärtsdrehungen, die weißen Kästchen Vorwärtsdrehungen. Jedes Kästchen steht für ein Brettchen. Die Zusammenhänge bezüglich der Schärrichtung zu kennen, ist bei der Erstellung eigener Muster sehr wichtig, weil eine Diagonale, die nach rechts laufen soll, bei einer S-Schärung immer durch Vorwärtsdrehungen entstehen muß, um eine gerade Linie zu ergeben. Bei einer Diagonalen in Linksrichtung werden hingegen Rückwärtsdrehungen verwendet, um ebenfalls eine gerade Linie zu bilden. Wenn alle Brettchen z-geschärt sind, ist es genau umgekehrt!

 

Wir hatten ja bereits weiter oben festgestellt, daß sich die Brettchen beim Köpern nicht alle gleichzeitig in einem Paket drehen lassen, weil ansonsten keine einheitlich einfarbige Fläche entstehen kann. Wer sich mit dem doppelseitigen Weben bereits auskennt, erkennt auch sofort, warum das nicht funktionieren kann. Vom doppelseitigen Weben her wissen wir, daß ein Brettchen immer 2 x vorwärts (VW) und 2 x rückwärts (RW) gedreht werden muß, damit die gleiche Farbe erhalten bleibt. Das ist bei der Köpertechnik nicht anders! Allerdings kann dies nicht einheitlich mit allen Brettchen im gleichen Drehrhythmus erfolgen, weil die Ausgangsstellung der Brettchen ja unterschiedlich ist. Um eine farblich einheitliche Fläche weben zu können, müssen die Brettchen also wie folgt gedreht werden:

  • Brettchen 1: Zwei Möglichkeiten: VW, RW, RW, VW oder RW, VW, VW, RW
  • Brettchen 2: RW, RW, VW, VW
  • Brettchen 3: wie Brettchen 1 zwei Möglichkeiten: VW, RW, RW, VW oder RW, VW, VW, RW
  • Brettchen 4: VW, VW, RW, RW
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Da eine solche Darstellung für die Augen doch recht verwirrend ist, bediene ich mich einer graphischen Darstellung, die das Ganze schon deutlicher machen sollte. Es gibt verschiedene Arten der graphischen Darstellung, wie z.B. / für Vorwärtsdrehungen und \ für Rückwärtsdrehungen. Diese wird von vielen Webern verwendet, aber ich finde sie immer noch ein wenig verwirrend für das Auge. Deshalb finde ich die z.B. von Guido Gelhaar verwendete Methode viel anschaulicher und werde auch diese hier benutzen. Das System ist einfach und einleuchtend: Wir verwenden Karopapier und hinterlegen jede Rückwärtsdrehung in grau, Vorwärtsdrehungen bleiben weiß. Wir haben nun zwei Möglichkeiten, da es für Brettchen 1 und 3 jeweils zwei Optionen gibt:

Möglichkeit A geht davon aus, daß Brettchen 1 VW, RW, RW, VW gedreht wird, Brettchen 3 hingegen VW, RW, RW, VW. Bei Möglichkeit B ist es genau umgekehrt. (Die Zahlen 1 - 4 unten und oben bezeichnen die Brettchen, die Zahlen 1 - 4 am Rand bezeichnen die Drehungen, wobei man von unten zu lesen beginnt). Diese beiden Möglichkeiten lassen sich zu einem Köper in Z-Richtung (A) und zu einem Köper in S-Richtung (B) übersetzen. Dies wird klarer, wenn man mehr als vier Brettchen und vier Drehungen in dieser Form darstellt:

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In der Abbildung hier rechts sehen wir einen klaren “Linienverlauf” in S-Richtung bzw. in Z-Richtung, und genauso erscheinen dann auch die Strukturlinien im gewebten Band. Und noch etwas sehr Wichtiges kann man hier sehen: In jeder Webreihe liegen immer jeweils zwei dunkle und zwei helle Kästchen nebeneinander. Das heißt, daß man auch immer zwei Brettchen gemeinsam in die gleiche Richtung drehen kann! In den geradzahligen Reihen (2, 4, 6 usw.) muß man hier jedoch mit einem einzelnen Brettchen beginnen, bevor man paarweise fortfahren kann. Gelesen werden diese Musterbriefe wieder von unten nach oben, wobei Brettchen Nr. 1 ganz links steht. Es fällt auch noch etwas anderes auf: Im Gegensatz zum doppelseitigen Weben ist es hier natürlich notwendig, jede Webreihe einzeln zu arbeiten. Ein Kästchen gilt also immer für eine Vierteldrehung eines Brettchens.

 

 

Wer hier richtig aufgepaßt hat, wird nun den Zeigefinger heben und sagen: “Aber Moment mal, die Ausgangspositionen der Brettchen in der ersten Abbildung (Möglichkeiten A und B) und die in der zweiten Abbildung darunter (S- und Z-Köper) stimmen ja gar nicht überein!” Tja Leute, auf dieses Problem werdet ihr wohl so ziemlich immer stoßen, wenn ihr einen Musterbrief zum Köpern in die Finger bekommt. Die Ausgangsposition kann nämlich immer mal anders sein. Also, warum nicht gleich mal nachschauen, ob wir das nicht in den Griff bekommen.

Artikel erstellt: 18.03.2007 Author: Flinkhand
Artikel geändert: 18.03.2017 Author: Flinkhand
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