03.jpg
flinkhand Derzeit hat Flinkhand
6 Besucher

Bruche

Als Bruche bezeichnet man die Unterhose des Mannes im Mittelalter. Aus heutiger Sicht ist es ein recht witziges Kleidungsstück, wenn man es zum ersten Mal in der Hand hat (oder trägt). Die "viel zu große", dafür aber in der Relation recht "kurze" Hose mit einem merkwürdig anmutenden Stoffstreifen zwischen den Beinen gab es in verschiedenen Ausführungen mit der Tendenz, im Laufe der Jahrhunderte immer knapper und kürzer zu werden, bis sie schließlich im 15. Jahrhundert nur noch die Größe eines modernen Slips hatte. Doch bleiben wir bei den "Anfängen", das heißt in diesem Fall im 12. und 13. Jahrhundert, wo sie sehr verbreitet war.

bruche_skizze.jpg

Wie eine Bruche ausgesehen haben mag, kann man anhand verschiedener Figuren noch heute sehen. So ist an der Kathedrale von Amiens in der Picardie (Frankreich) zum Beispiel die Abbildung eines Bauern zu sehen, der nur mit einer Bruche bekleidet ist (siehe Abbildung links). Anhand dieser uns überlieferten Bilder und Skulpturen ist es ein paar interessierten Leuten möglich gewesen, die entsprechenden Schnittmuster für diese Stücke zu rekonstruieren. Natürlich bleiben immer noch Fragen offen, da nicht alle Informationen detaillgetreu überliefert sind. Viele Bilder sind nur skizzenhaft und idealisiert dargestellt, ohne daß wir Details erkennen können. Wir wissen zum Beispiel auch nicht, ob Bruchen auch Bestandteil der Kleidung des Adels waren. Hierzu sind keine Informationen überliefert, da wohl kein Künstler die Kühnheit besaß, einen Adligen in Unterwäsche darzustellen ...

Eine besondere Eigenheit der Bruche ist die Tatsache, daß sie mit einem Unterhosengürtel getragen wurde. Da es so etwas wie einen Gummizug noch nicht gab, wurde sie oben um diesen Gürtel gewickelt, damit sie hielt. Außerdem waren Schlitze am oberen Bund eingearbeitet, durch die man Schnüre am Gürtel befestigen konnte, um entweder die Beine der Bruche bei Hitze oder Nässe nach oben zu binden oder auch um Beinlinge an ihnen zu befestigen. Für ersteres waren die Beine der Bruche an der Innenseite offen, was das Hochbinden erst möglich machte. In der hier abgebildeten Skizze habe ich versucht, dieses Kleidungsstück zeichnerisch darzustellen. Ein Foto kommt später auch noch dazu, sobald ich dazu komme, meinen Freund im Bauerngewand abzulichten.

Bruchen wurden aus naturfarbenem oder weißen Leinen gefertigt, das wir für die Rekonstruktion auch verwenden können, so lange der Stoff fein genug ist, um ihn auf der nackten Haut tragen zu können. Ansonsten tut es auch Baumwolle (jaja, das ist nicht “A”). Angenehm zu tragen ist beispielsweise ein dünner Nickystoff oder auch anderer weicher Zwirn. Wer einen Bauern darstellen und sich in dieser Gewandung in der freien Natur aufhalten möchte, wird sich darüber freuen, wie warm die Bruche die besten Teile hält. Selbst am offenen Feuer kommt die Wärme ja nur aus einer Quelle, so daß es auch hinten herum angenehm ist, etwas Warmes auf der Haut zu tragen.

Schnittmuster

bruche_schnitt.jpg
Es gibt sicher nicht nur ein Schnittmuster (es gibt ja auch nicht nur eine Form der modernen Unterhose ...). Ich habe mich bei dem hier dargestellten Modell an eine der Vorgaben von Ulrich Lehnert gehalten, der verschiedene Formen in seinem Buch “Kleidung & Waffen der Früh- und Hochgotik 1150 - 1320” (ISBN 3-935616-00-7) vorgestellt hat. Es handelt sich hier um die Bruche eines Bauern (nach Purrucker), und die Herstellung derselben hat ganz gut geklappt. Ich habe ungefähr fünf Stunden dafür gebraucht.

Das hier abgebildete Schnittmuster zeigt die Abschnitte für die Beine in Blau und für den Mittelteil in Grün. Vorder- und Rückansicht sind vom Schnitt her identisch, nur daß vorn in der Mitte noch Schlitze eingearbeitet werden und hinten nicht. Zur besseren Erklärung habe ich die einzelnen Abschnitte numeriert bzw. mit Buchstaben versehen, was die Erklärung leichter machen soll.

Die Bruche besteht also aus drei rechteckigen Stoffteilen: Zwei Beinteile, die jeweils doppelt so breit sind wie die hier abgebildeten Teile 1 und 3. Sie bilden nämlich Vorder- und Rückenteil und werden einmal umgeschlagen, so daß außen an der Bruche keine Nahtstelle entsteht (siehe Abbildung unten).

Das dritte Teil ist das Mittelteil, das ebenfalls einmal nach hinten umgeschlagen wird. Es bildet die Verbindung zu den beiden Beinteilen und ist in der Gesamtlänge (vor dem Umschlagen nach hinten) demnach länger als die Beinteile an sich. Wenn die Beinteillänge A+B+C ist, ist die Länge des Mittelteils also A+B x 2..

Die Taille des Bruchenträgers liegt in der Höhe zwischen den oben markierten Abschnitten A und B. Der gesamte Teil A wird nach der Fertigstellung heruntergerollt und geht dem Träger uneingerollt bis unter die Achseln. Die Beinteile schließen unten knapp unter dem Knie ab.

bruchenteile.jpg

Abmessung

Der Durchmesser am oberen Abschluß sollte ungefähr dem Taillenumfang x 3 entsprechen. Bei einem Taillenumfang von 50 cm ergibt sich also ein Gesamtumfang von 1,50 m. Aber Achtung: Durch den merkwürdigen Schnitt werden die Beinteile an der Stelle, wo sie im Schritt an das Mittelteil genäht werden, ziemlich straff gezogen. Das ist genau die Stelle im Schritt, wo sich die Beinteile schließen, während sie oben gerade an das Mittelteil genäht und unten gar nicht zusammengenäht sind. Zur besseren Bequemlichkeit solltest du daher auf den Oberschenkelumfang des Trägers an dieser Stelle achten und zusehen, daß die Bruche an dieser Stelle genug Spiel hat. Gegebenenfalls ist es sonst notwendig, den Gesamtumfang der Bruche noch zu erhöhen. Um diesen Umfang zu erhalten rechnest du den gewünschten Gesamtumfang (hier mit dem Beispiel von 1,5 m) und teilst ihn durch 6, was dann 25 cm entspricht. Für die Beinteile ergibt sich dann je ein Rechtecke mit der Breite von 25 cm x 2 (für vorne und hinten) also mit 50 cm. Die Länge mißt du von der Taille bis knapp über das Knie und gibst noch 1/3 davon dazu. Du kannst aber auch gleich von der Achselhöhle an bis knapp über das Knie messen. Das ergab bei meinem Modell eine Länge von 1 m. Außerdem kommen natürlich auch hier an allen Seiten Naht- und Saumzugaben dazu. Für dieses Rechteck von 0,50 x 1,00 m erstellst du einen Musterbogen und schneidest dann zwei Stück davon zu, je einen pro Bein.

Für das Mittelteil, das ja vorn einem Sechstel und hinten einem Sechstel des Gesamtumfangs entspricht, rechnest du eine Breite von 25 cm (also einem Sechstel von 1,5 m). Die Länge errechnet sich nun als Beinlänge geteilt durch 3 mal 4. Bei einer Beinlänge von 100 cm sind das also 33 cm x 4 = 132 cm. Dazu kommen die Nahtzugaben. Nun machst du einen Musterbogen von dem Rechteck und schneidest das Mittelteil dann aus.

Zuerst werden alle Stoffteile mit Zickzackstichen umzackelt (wenn du eine Nähmaschine benutzt). Dann nähst du die drei Teile wie oben abgebildet aneinander - siehe auch Stiche und Nähte und Kappnaht. Dabei mußt du darauf achten, daß die Beine unten nicht geschlossen werden. Auch bleibt der obere Teil (Teil A in der Abbildung oben) des Mittelteils an den Seiten offen, damit man später die Schnüre noch am Unterhosengürtel befestigen kann. Hinten nähst du die Teile aber zu, da brauchen wir ja keine Schlitze.

Zum Schluß werden alle noch offenen Seiten, also “Bund” oben, Saum unten und Beininnenseiten versäumt.

Anmerkung: Ich habe es so gemacht, daß der Bundsaum oben so breit ist, daß man eine Schnur durchziehen kann (deshalb hab ich den Saum an den Seiten auch offen gelassen). Diese Schnur hab ich einfach mit einem Strickpüppchen (bekommt man für wenig Geld im Handel) aus Baumwollgarn gemacht. Sie dient als Unterhosengürtel und bleibt so wenigstens immer am Bund. Im Original wird der Unterhosengürtel aber in Brustwarzenhöhe bei angezogener Bruche um den Körper gebunden. Bei beiden Varianten wird er dann mit dem Stoff zusammen nach unten gerollt.

Artikel erstellt: 25.03.2007 Author: Flinkhand
Artikel geändert: 25.03.2007 Author: Flinkhand
valid-xhtml valid-css valid-rss get Firefox get phpwcms PageRank Checking Icon