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Spinnen mit der Handspindel

Es entbehrt nicht einer gewissen Faszination zu sehen, wie aus einem Stückchen Rohwolle ein Faden entsteht, den man “einfach so” selbst hergestellt hat. Natürlich braucht es ein bißchen Übung, bis ein gleichmäßiges Garn entsteht. Laß dich also nicht entmutigen, wenn du am Anfang eine Reihe “flauschiger schwangerer Regenwürmer” anstelle eines feinen gleichmäßigen Fadens zustande bringst. Du wirst sehen, daß es mit der Zeit immer besser wird.

Doch beginnen wir am Anfang. Wenn du dich noch nie im Spinnen versucht hast, solltest du bei deiner Wahl des Materials ein paar Dinge beachten.

Die Wahl der Faser

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Auch wenn es viele verschiedene Faserarten gibt, die sich zum Spinnen eignen, so gibt es doch manche, die für Anfänger besser geeignet sind als andere, einfach aufgrund der Tatsache, daß sie sich leichter verarbeiten lassen. Seide verspinnt sich zwar traumhaft, hat aber den Nachteil, daß es ein relativ kostspieliger Rohstoff ist, den man vielleicht nicht zum Üben verwenden sollte, bis die o.g. flauschigen schwangeren Regenwürmer im Faden verschwunden sind. Flachsfaser für die Herstellung von Leinen ist nicht sehr “handzahm” und sollte daher auch erst verwendet werden, wenn man schon ein bißchen mehr Erfahrung gewonnen hat. Am besten eignet sich für den Anfang also Wolle, die relativ günstig zu haben ist und sich gut verspinnen läßt.

Nun ist Wolle aber nicht gleich Wolle. Es gibt unbehandelte Rohwolle, Wolle im Vlies oder im Kammzug, Wolle mit vollem Fettgehalt oder gewaschene, entfettete Wolle, Merino-, Alpaka-, Fuchsschaf-, Gotland- oder Milchschafwolle usw. Vieles davon mag den Anfänger sicher etwas verwirren, daher bin ich bei den Spinnfasern etwas genauer darauf eingegangen. Für den Anfang eignet sich kostengünstige Milchschaf- oder Eiderwolle im Kammzug sehr gut, da diese bereits spinnfertig und leicht zu verarbeiten ist. Passende Rohwolle (und Spindeln) gibt es übrigens auch im Flinkhand Shop!

Die richtige Spindel

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Es gibt eine große Vielfalt an Handspindeln in verschiedenen Ausführungen, Größen und Gewichten. Für den Anfänger eignet sich eine Spindel, die sich möglichst lange selbständig dreht und dabei nicht zu leicht und nicht zu schwer ist. Mit sehr leichten Spindeln kann man zwar schön feine Garne spinnen, aber zu Beginn kommt es ja zunächst einmal darauf an, einen gleichmäßigen Faden zu produzieren, der ruhig etwas dicker sein darf. Je schwerer die Spindel ist, um so dicker muß der Faden sein, damit er nicht durch das Eigengewicht der Spindel reißt. Die kleine Spindel mit dem Tonwirtel (hier in der Abbildung ganz links) ist eine Rekonstruktion aus dem 12. / 13. Jahrhundert. Sie hat nicht sehr viel Drall und ist relativ leicht - daher für den Anfänger vielleicht nicht das beste Modell, obwohl es beim Mittelalter- Reenactment natürlich auch darauf ankommt, was authentisch ist. Zum Üben zu Hause ist meiner Meinung nach eine Tellerspindel (wie in der Mitte und rechts in der Abbildung) sehr gut geeignet. Diese drehen sich relativ lange von allein und haben auch meist ein ausreichendes Gewicht für den Anfänger. Das ist natürlich alles auch Geschmacksache, und ich kann nur von meiner eigenen Erfahrung ausgehen. Am besten ist es, für sich selbst auszuprobieren, womit man am ehesten klarkommt und welche Spindel jeder einzelne als angenehm empfindet.

Spindeln gibt es übrigens auch im Flinkhand Shop!

Das Anspinnen

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Bevor man mit dem Spinnen beginnt, muß man erst einmal einen Anfang haben, an den man anspinnen kann. Hierfür eignet sich jedweder Faden, solange er sich am Ende ausfransen läßt. Diesen Faden nennt man Vorfaden. Such dir also einen ca. einen Meter langen Faden (z.B. von einem Knäuel gekaufter Wolle). Diesen Faden wickelst du ein paar mal um den Stab den Spindel genau über dem Wirtel oder Teller, so daß er sich nicht sofort wieder löst. Dann schlingst du den Faden einmal um die Spitze der Spindel, führst ihn wieder zurück und machst oben in Höhe der Kerbe eine halbe Schlinge (siehe Abbildung hier rechts).

Nun sollten noch ca. 5 - 10 cm Faden am oberen Ende übrig bleiben. Das Ende des Fadens wird auf ca. 2 cm aufgefasert, so daß es schön “ausgefranst” ist. Der Faden kann so nämlich besser die zu verspinnende Wolle fassen. Du kannst die Spindel jetzt schon einmal nur am oberen Ende des Fadens halten und sie wie einen Kreisel anschubsen, so daß sie sich frei drehen kann. Auf diese Weise bekommst du ein Gefühl dafür, wie es geht, ohne daß die Spindel schlingert. Versuche es so zu machen, daß sie sich gleichmäßig dreht.

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Schauen wir uns nun die Wolle an. Wolle im Kammzug ist bereits in eine Richtung gekämmt und besteht aus einem sehr langen Strang. Das ist natürlich viel zu viel auf einmal. Am besten teilst du den Anfang des Stranges und nimmst dir nur eine kleinen Teil davon, der vielleicht 30 cm lang und nicht mehr als 2 cm breit ist. Um dieses Stück vom restlichen Strang zu trennen nimmst du einfach die Hände und ziehst das von dir benötigte Stück einfach heraus. So entstehen bereits ausgefaserte Enden, die gut greifen. Hierfür eine Schere zu verwenden ist keine gute Idee, weil die Fasern dann glatt abgeschnitten würden, was für den Spinnvorgang nicht gut ist. Wir brauchen möglichst viele feine Fasern, die ineinander übergehen, also ist es viel besser, die Fasern mit den Händen auseinanderzuziehen.

Nimm nun ein Ende deines Stücks Wollfaser so in die linke flache Hand, daß die Faserenden parallel zu deinen Fingern verlaufen und der Rest des Stücks hinter deiner Hand liegt. Du kannst auch den Rest der Wolle in deinen Ärmelausschnitt stopfen, dann fällt nichts runter. Nun legst du das ausgefranste Fadenende (das an der Spindel) quer auf die Faserenden und hälst es mit dem Daumen der linken Hand fest. Dabei solltest du darauf achten, daß ein sogenanntes Faserdreieck entsteht. Damit ist gemeint, daß die Fasern bzw. das Ende des ausgefransten Fadens ein Dreieck bildet, dessen untere Spitze im Faden selbst zusammenläuft, während die Fasern darüber aufgefächert liegen. Im Bild hier links kannst du das Faserdreieck in der Hand sehr gut erkennen. Beim Anspinnen ist es auch wichtig, daß der Anfang des Fadens nicht unter sondern auf den Wollfasern liegt, damit sich diese mit dem Faden verzwirnen können.

Nachdem du deine linke Hand soweit ausgestattet hast, gibst du der nun frei hängenden Spindel mit der rechten Hand einen Schubs, so daß sie anfängt, sich in eine Richtung zu drehen. In welche Richtung du sie drehst, bleibt dir überlassen. Die Hauptsache ist, daß du die gewählte Richtung während des gesamten Spinnvorganges beibehälts. Wenn die Spindel sich jetzt dreht, greifst du mit der rechten Hand unten an dein Faserdreieck (wie oben im Bild) und wartest einen kleinen Moment, bis der Drall der Spindel nach oben in den Faden gewandert ist. Dann ziehst du vorsichtig ein bißchen an den Fasern und dem Vorfaden und läßt dann die rechte Hand kurz los. Der Drall im Faden wandert hoch und verzwirnt dein erstes Stück Faden. Nun greifst du wieder das Faserdreieck unten an der Spitze, ziehst weitere Fasern aus dem Dreieck, läßt kurz los usw. Dabei ist es wichtig, daß sich die Spindel immer weiter dreht. Du mußt sie also immer wieder mit der rechten Hand neu anschubsen, wenn sie an Drehung verliert.

Am besten legst du dir bei deinen ersten Spinnversuchen ein dickes Handtuch oder eine Decke auf den Fußboden, weil dir die Spindel vermutlich des öfteren herunterfallen wird. So wird sie nicht beschädigt und fällt weich. Wenn du draußen bist, dann kannst du auch auf weichem Boden (z.B. auf dem Rasen) üben. Es braucht am Anfang ein bißchen Übung, bis man den Bogen heraus hat, nachdem du ein bißchen Gefühl für die Fasern selbst bekommen hast, wird es klappen.

Wenn du so viel gesponnen hast, daß die Spindel fast den Boden erreicht hat, weil der Faden entsprechend lang geworden ist, dann wickelst du den frisch gesponnenen Faden aud den Stab der Spindel auf. Am besten geht es, wenn du den Faden zuerst auf die linke Hand wickelst, während die Spindel noch frei in der Luft hängt. So geht die Spannung aus dem Faden nicht verloren und er bleibt stabil. Dann wickelst du den Faden von der linken Hand auf die Spindel und befestigst anschließend das Ende genau wie vorher den Vorfaden. Nun kannst du weiter spinnen wie oben beschrieben bis die Spindel voll ist oder du genug Faden für deinen Bedarf gesponnen hast.

Hier noch einmal die wichtigsten Punkte, die du beim Spinnen beachten mußt:

Die linke Hand tut eigentlich nichts, sie hält nur die Fasern in Position
Die Fasern müssen ein Dreieck, das sogenannte Faserdreieck bilden
Die rechte Hand arbeitet immer direkt oben am Faserdreieck oder schubst die Spindel neu an
Die Spindel muß sich immer drehen, und zwar immer in die gleiche Richtung!

Das Haspeln

Wenn die Spindel voll ist oder du genug Garn gesponnen hast, muß ja irgendwann das Garn auch von der Spindel genommen und aufgewickelt werden. Wenn du es nun einfach von der Spindel aus zu einem Knäuel aufwickelst, kann es dir passieren, daß sich das Garn durch den “Überdreh” sofort an manchen Stellen ineinander zwirnt und nicht wie gewünscht glatt liegt. Um das zu vermeiden, solltest du das Garn haspeln. Es gibt richtige professionelle Haspeln, aber es geht auch ohne. Nimm dir einfach einen umgedrehten Hocker (oder ein ähnliches Gerät) und wickel das Garn um die vier Beine des Hockers. Dabei mußt du ein bißchen vorsichtig sein und aufpassen, daß der Faden nicht reißt. Wenn das gesamte Garn abgewickelt ist, ist es gut, das Garn etwas zu befeuchten (hierfür kann man entweder Wasserdampf, eine Blumenspritze oder auch die Nachtfeuchte im Freien zu Hilfe nehmen). Sobald das Garn wieder getrocknet ist, hat es sich geglättet und läßt sich nun sehr gut zu einem Knäuel wickeln und danach weiter verarbeiten.

Das Zwirnen

Wahrscheinlich hast du nun bereits festgestellt, daß dein Garn nicht sehr reißfest ist. Dem kannst du entgegen wirken, indem du es nun auch noch verzwirnst. Zum Verzwirnen brauchst du mindestens zwei Garn-Knäule; Es können aber auch drei sein, je nachdem, wie dick dein Faden werden soll. Am besten nimmst du dir einen Eimer oder etwas in der Art, in den du die Knäule hineintust, damit sie beim Verzwirnen nicht überall in der Gegend herumrollen können. Du verwendest zum Verzwirnen auch wieder die Spindel und arbeitest fast wie beim Spinnen. Allerdings spinnst du nun keine Rohwolle sondern die beiden (oder drei) fertigen Fäden zusammen, so daß sie sich umeinander wickeln, also verzwirnen. Hierbei ist aber eins ganz wichtig: Du mußt die Spindel nun in die entgegengesetzte Richtung drehen! Das heißt, wenn du sie beim Spinnen immer im Uhrzeigersinn gedreht hast, mußt du sie nun zum Verzwirnen entgegen dem Uhrzeigersinn drehen.

Aus diesem Grund ist es sinnvoll, die Spindel beim Spinnen grundsätzlich immer nur in ein und dieselbe Richtung zu drehen, egal, ob du nun ein Knäuel bereits fertig ist und du mit einem neuen Faden auf einer leeren Spindel wieder begonnen hast. Nur so kannst du dir immer sicher sein, daß zwei Knäule, die du bereits irgendwann einmal gesponnen hast, auch immer in der gleichen Richtung gearbeitet wurden und du sie so jederzeit zum Verzwirnen verwenden kannst. So brauchst du dir nicht zu merken, in welche Richtung du ein bestimmtes Garnknäuel gesponnen hast.

Schöne Effekte kann man übrigens erzielen, wenn man einen dicken und einen dünnen Faden miteinander verzwirnt - das ergibt dann ein richtiges Effektgarn. Eine weitere Möglichkeit ist, zwei verschiedenfarbige Fäden zu verzwirnen. In wie weit dies im Mittelalter jedoch praktiziert wurde, kann ich leider nicht sagen.

Artikel erstellt: 25.03.2007 Author: Flinkhand
Artikel geändert: 22.03.2017 Author: Flinkhand
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