16.jpg
flinkhand Derzeit hat Flinkhand
3 Besucher

Motive übertragen

Wenn du dich für ein bestimmtes Motiv entschieden hast, das du sticken möchtest, wirst du dich erst einmal mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie du es am besten auf den Stoff übertragen kannst.

Auszählbare Muster

Bei auszählbaren Mustern wie z.B. Motiven im Kreuzstich, Assisi oder Blackwork Mustern brauchst du das Motiv überhaupt nicht vorab auf den Stoff zu übertragen – hier wird einfach gezählt. Jeder Stich entspricht einer Länge von X "Löchern", das heißt, es wird immer die gleiche Anzahl an Längs- oder Querfäden des Gewebes als Maßstab benutzt. Dieser Maßstab definiert Position und Länge jedes einzelnen Stiches in Relation zum vorhergehenden und nächsten Stich. Wenn man also ein auszählbares Muster vor sich hat, benutzt man einfach ein Karogitter als Referenz, als Abbild der Struktur des Stoffes. Jedes Karo entspricht einer bestimmten Anzahl von Quer- und Längsfäden; man spricht auch von Web- und Kettfäden, wobei der Kettfaden längs und der Webfaden quer verläuft. Diese Terminologie stammt natürlich aus der Weberei.

Hierbei sei angemerkt, daß handgewebte Stoffe, wie es sie im Mittelalter ausschließlich gab, natürlich nicht auf den Millimeter genau gleichmäßig gewebt werden konnten, auch wenn die Webarbeiten bereits eine hohe Qualität aufwiesen. Wenn man heute von auszählbaren Stoffen spricht, dann sind maschinengewebte Stoffe gemeint, die exakt die gleiche Anzahl an Kett- und Webfäden pro Zentimeter aufweisen. Bei so mancherlei Stoff ist es daher wichtig, darauf zu achten, in welche Laufrichtung der Stoff zum Besticken gelegt wird, da sich diese Richtung auf die Proportionen des Motivs auswirken kann. Wenn also ein Stoff mehr Quer- als Längsfäden hat, dann wird das Muster entsprechend in der Höhe komprimiert, oder umgekehrt in der Länge gedehnt. Da wir aber heute eigentlich nur noch mit Industrieware arbeiten, hat dieses Problem viel von seiner Relevanz verloren. Am besten eignen sich zum Sticken von auszählbaren Motiven Aidastoffe, auf denen die kleinen "Karos" bereits so eingewebt wurden, daß man nicht erst mühsam zählen muß. Bei diesen Stoffen wurde immer bereits eine bestimmte Anzahl an Fäden zusammengenommen und dann ein kleiner Abstand gelassen, in den man die Nadel einsticht. Für Anfänger kann ich dies nur empfehlen (auch wenn es natürlich nicht "A" ist).

Motive übertragen

Doch wie bringen wir alle anderen Motive auf den Stoff? Hier gibt es verschiedene Varianten, von denen ich ein paar vorstellen möchte. Fangen wir mit den im Mittelalter genutzten Techniken an und arbeiten uns dann zu für jeden machbaren modernen Möglichkeiten vor.
Freihandzeichnen Die ursprünglichste und evidenteste Art, Motive auf Stoff zu übertragen, ist natürlich das freihändige Aufmalen oder abzeichnen eines Bildmotivs. So wurden z.B. für Motive auf großen Wandteppichen oder anderen Behängen Maler beauftragt, diese vorab auf den Stoff zu bringen. Bei manchen Werken kann man die Grundzeichnungen auf den Stoffen durchscheinen sehen, wo sich die Stickerei über die Jahre gelöst hat. Bei anderen erhaltenen Werken kann man von der Stilanalyse des Motivs darauf schließen, daß eine einzelne Person zunächst das Grundmotiv aufgetragen hat, während die Stickerei selbst dann von vielen verschiedenen Personen ausgeführt wurde. Als gutes Beispiel dient hier wieder einmal der Bayeux-Teppich. Dieses über 70 Meter lange Stickwerk erzählt die Geschichte der Eroberung Englands durch die Normannen und behält über die Gesamtlänge den gleichen Stil in den Hauptmotiven bei. Im Gegensatz zu diesen Hauptmotiven sind die einzelnen Teile des Werks mit durchaus sehr verschiedenen Arten von Randmotiven versehen, die darauf schließen lassen, daß die Stickerei in mehreren Werkstätten bzw. Klöstern gleichzeitig entstanden ist, wobei jede Gruppe von Stickern den Randmotiven ihres Teilstücks eine gewisse freie Interpretation angedeihen ließ.
Dies waren allerdings die großen Werke, und nicht jeder konnte sich für jedes Motiv einen Maler engagieren.

Schablonen

In der kirchlichen Stickerei finden wir Motive, die vor allem Personen (meist Heilige) darstellen, die sich "wie ein Ei dem anderen" gleichen. Die Heiligen sahen oft bis hin zum letzten Faltenwurf des Gewandes gleich aus und unterschieden sich nur in den ihnen eigenen Attributen und in der farblichen Darstellung der Kleidung. Dies läßt darauf schließen, daß Schablonen verwendet wurden. Diese waren wie die Papiervorlagen (siehe unten) geartet, wobei es allerdings den Buchdruck noch nicht gab. Daher wurden sie vor allem in Klöstern für den Eigenbedarf bei der Stickereikunst hergestellt.
Papiervorlagen Mit Gutenberg, der seit ca. 1450 durch seine Drucktechnik die Welt veränderte, erschlossen sich auch weitläufigere Möglichkeiten für die Stickerei. Menschen wie Nicolas Bassee und Hans Hofer revolutionierten im 16. Jahrhundert die Arbeit mit Stickvorlagen, indem sie Bücher mit Stickmotiven veröffentlichten, die nun auch den Amateuren unter den Stickern neue Horizonte eröffneten. Nicolas Bassees "Neues Modelbuch" und Hans Hofers "Formbüchlein" sind nur zwei Beispiele für die weite Verbreitung von Motiven; es ist auch bekannt, daß sich die Stickerei an ursprünglich nicht hierfür vorgesehenen Büchern orientierte, wie z.B. an Büchern über Pflanzenkunde, aus denen florale Motive gern kopiert wurden.

Da diese Vorlagen durch Perforierung genutzt wurden, sind leider viele dieser Bücher heute nicht mehr erhalten.

Mit Papier wurde eine Vorlage geschaffen, die auch heute noch durchaus gebräuchliche Techniken zur Übertragung von Motiven ermöglicht.

Heften

Das Papier mit dem abgebildeten Motiv (z.B. eine Fotokopie) wird mit Stecknadeln auf dem Stoff befestigt oder auch zusammen mit dem Stoff direkt in den Rahmen gespannt. Dann werden die Konturen des Motivs mit kleinen Vorstichen nachgestickt. Wenn das Motiv fertig übertragen ist, wird das Papier vorsichtig abgerissen. Die Heftstiche werden dann beim Sticken nach und nach aufgetrennt und entfernt. Dies ist meines Erachtens die genaueste und beste Methode zum Übertragen von Motiven, da hierbei weder Papier noch Stoff verrutschen können und es keine Überreste von Stiften, Kreiden oder anderen Farbstoffen gibt.

Tip: Wenn man das Papier mit einer Wassersprühflasche anfeuchtet, wird es weich und läßt sich leicht und einfach abziehen. Kleinere Flächen kann man mit einer Pinzette von Papierresten befreien. Aber Achtung: Weder das Papier noch der zum Vorstich verwendete Faden dürfen auf den Stoff abfärben, wenn er naß wird! Das solltest du vorher testen!

Durchpausen

Wenn man einen hellen und nicht zu dicken Stoff verwendet, kann man ein Motiv auch auf den Stoff durchpausen. Hierfür benutzt man entweder einen wasserlöslichen Farbstift oder einen weichen Bleistift. Wer einen wasserlöslichen Filzstift verwenden möchte, sollte vorher testen, ob die Farbe auf dem Stoff auch nicht verläuft!

Zum Durchpausen heftet man den Stoff mit Stecknadeln auf das Papier und preßt das Ganze zum Abmalen an eine Fensterscheibe, damit man was sehen kann. Ein von unten beleuchteter Glastisch ist auch eine gute Lösung.

Kreidepulver

Erst mal wird das Motiv auf dem Papier mit einer Nadel in einer feinen Punktlinie perforiert. Dann legt man das Papier auf den Stoff, steppt es mit Nadeln fest und streut das Kreidepulver darauf. Schließlich nimmt man einen kleinen Lappen oder Schwamm und reibt das Kreidepulver durch die Löcher auf den Stoff. Dies ist eine klassische Methode, die aber den Nachteil hat, daß sich die Kreidespuren doch recht fix wieder vom Stoff lösen können und ggf. beim Drüberwischen verschmieren.

Schneider-Kopierpapier

Wer mit Schneider-Kopierpapier arbeiten möchte, braucht eins von diesen Kopierrädchen und/oder eine Stricknadel. Dann werden drei Lagen gelegt: unten der Stoff, darüber das Kopierpapier mit der beschichteten Seite auf den Stoff, darüber das Papier mit dem Motiv. Die Konturen werden nun mit dem Kopierrädchen nachgefahren. Feinheiten kann man dann mit der Stricknadel nachziehen und so durchdrücken. (Das ist natürlich nicht "A"!)

Aufbügeln

Auch nicht "A" ist die Technik des Aufbügelns vorgefertigte Motive auf Aufbügel-Bögen. Diese Technik sei nur der Vollständigkeit halber am Rande erwähnt.

Artikel erstellt: 25.03.2007 Author: Flinkhand
Artikel geändert: 18.03.2017 Author: Flinkhand
valid-xhtml valid-css valid-rss get Firefox get phpwcms PageRank Checking Icon