römerzeitliche Brettchenborten und Drumrum

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römerzeitliche Brettchenborten und Drumrum

Beitragvon Kattugla » 08.08.2011, 21:48

Ihr Lieben,

es ist zwar noch früh im Jahr, aber für uns ist die Marktsaison für dieses Jahr rum und ich habe mich nach etlichen sehr appetitlichen Anregungen entschlossen, an meiner Ausstattung ein wenig historisch korrekter zu feilen.

Eins meiner Wunschobjekte ist ein schön muckelig warmes Unterkleid aus Wollköper (Stofflieferanten habe ich schon), das ich eigentlich anstatt der Ziernähte an Halsausschnitt und Ärmeln zur Abwechslung mal mit Borte besetzen würde.
Das spannende Wort in dem Satz ist das Wort "eigentlich". :wideeyed:
Irgendwie bin ich scheinbar zu blond oder habe zu selektiv gelesen: kann es sein, dass ich für das 1. Jhd. u.Z. und den obergermanischen Limes nix Brauchbares gefunden habe und tatsache nur Ziernähte "in" waren? Oder allenfalls sehr einfache Streifenborten in zwei Farben?
Wenn ja, wie ist der ästhetische und technische "Rückschritt" erklärbar - denn die Hallstattborten z.B. waren ja sowohl technisch anspruchsvoll als auch optisch hinreissend schön?

Und: habt Ihr Tips für eine Recherchemüde wie mich? Den "Schlabow" hatte ich wohl mal, finde ihn nur grad nicht und meine mich auch zu erinnern, dass da die lokalen Bezüge nicht passen. Im Netz hab ich grad drei Stunden Safari hinter mir und bin genauso schlau wie vorher... :blush:


den chattischen Kleiderschrank aufräumende Grüsse :biggrin:
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Beitragvon wetterleuchten » 09.08.2011, 07:40

Hi Kattugla,

sooo toll kenne ich mich jetzt nicht aus und bin mir auch nicht mehr wirklich sicher ob ich das bei Schlabow (Textilfunde der Eisenzeit) oder in Hochdorf IV gelesen habe. Jedenfalls wird darüber kurz sinniert, warum es zwischen Hallstatt- und Latènezeit zu einer wohl auffälligen Vereinfachung der Webbindungen kam. Das gilt nämlich wohl nicht nur für Brettchenborten/Webkanten sondern auch fürs Tuchweben (verstärkte Tendenz "zurück" zu einfachen Bindungen wie Leinwand u.ä.). Aber als wirklich aussagekräftig für sichere Rückschlüsse gilt die Fundlage rein quantitativ wohl nicht wirklich. So hatte ich das jedenfalls verstanden.

Damit kannst du jetzt ganz bestimmt was anfangen :-| .
Ich an deiner Stelle würde weiter suchen (ist ja immerhin schon wieder "Latène-Ende") aber ohne allzu viel Enthusiasmus und Hoffnung.
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Beitragvon Draca » 09.08.2011, 08:23

Diese Zeit ist nicht ganz meine Baustelle, aber kann es ein geographisches Probelm sein? Die ganzen hallstadtzeitlichen Borten kommen meines Wissens ja aus den klassischen keltischen Kerngebieten am Alpennordrand und Süddeutschland. Auch bei anderen Textiltechniken kann man ja schön sehen, daß es ziemlich dauert, bis die bei den Völkern weiter nördlich angekommen sind.

Nachweise für Brettchengewebe in Norddeutschland und Skandinavien gehen laut Hansen ja erst wieder ab dem Frühmittelalter los und die Anfänge waren noch sehr bescheiden. Eine andere Literaturquelle hätte ich jetzt leider nicht. Mal ganz abgesehen davon, daß viele der erhaltenen Funde eher nicht auf einem Kleidungsstück aufgenäht waren, sondern isoliert vorliegen, so daß wir nicht sagen können, zu was sie gedient haben.

Dazu kommt, daß die Römer wohl keine Brettchenweber waren. Sie hatten m.W. Vertikalwebstühle und einen völlig anderen Stil, ihre Kleidung mit eingewebten Wirkereien zu verzieren. Daher gab es für sie auch keinen Bedarf, Brettchenweben runter an den Rhein zu exportieren.

Hingegen gibt es vor allem aus England einige Funde von schmalen Webkämmen aus Knochen und Metall, die perfekt geeignet wären, simple Startbänder herzustellen, wenn sie an denen Bedarf gehabt hätten. Den Artikel zu den Webkämmen kann ich dir gerne schicken.

LG Draca
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Beitragvon Sandra » 09.08.2011, 08:35

Ich kann dazu nur auf das verweisen.

Du bist nicht die erste die nix findet. Also entweder die Zeit wechseln wenns unbedingt Brettchenborte sein soll oder weg lassen ;-)
Ich hab im Übrigen an meinen Gewandungen auch nirgends ne Borte.
Liebe Grüße, Sandra

Geschichte besteht aus einem Haufen Lügen über Ereignisse, die niemals stattfanden, erzählt von Menschen, die nicht dabei waren. (George Santayana)
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Re: römerzeitliche Brettchenborten und Drumrum

Beitragvon nachteulchen007 » 09.08.2011, 11:25

Kattugla hat geschrieben:Wenn ja, wie ist der ästhetische und technische "Rückschritt" erklärbar - denn die Hallstattborten z.B. waren ja sowohl technisch anspruchsvoll als auch optisch hinreissend schön?



Hallöchen Kattugla, das mit dem Rückschritt ist gar nicht sooo falsch.
Vergleiche mal mit dem Perlenschmuck: während noch vor der Zeitenwende bunte und gemusterte Perlen bei Keltens üblich waren, wandelte es sich z.B. zum 1./2. Jhrd. n.Chr. dahingehend, dass nur noch kleinere, unifarbene Perlen getragen wurden (meist blau und braun, gilt vor allem für den Süddeutschen Raum). So gesehen ist das auch ein technischer Rückschrittt, aber bevor es keine anderen Belege gibt, werden wir's wohl so nehmen müssen :wacky:
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Beitragvon wetterleuchten » 09.08.2011, 12:05

Hm, gerade bei Glasperlen frage ich mich ob das wirklich ein technischer Rückschritt ist oder eher eine Art Stilwandel unter römischem Einfluss. Die hattens m.W. ja nicht so mit den bunten Klunkern der Barbaren waren aber hervorragende Glaskünstler.
Vielleicht ist dieser "Buntheitsverlust" eine Art römisch inspirierter Schlichtheitstrend?
Oder es hat wirtschaftliche Ursachen?
Und irgendwie hab ich gerade ein böses Dejavu in Bezug auf Hörensagen :dizzy:
*Spekulatius wieder einpack*
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Beitragvon Regilla » 09.08.2011, 16:47

Liebe Kattugla,

Dieses Buch von der römischen Tunika habe ich mal gelesen, es ist sehr unergiebig. Wenn man wissen will, wie eine Tunika im 1. oder 2. Jahrhundert aussah, Fehlanzeige.
Ich glaube, ich werde nach Jahren mal wieder den Tacitus über die Germanen lesen, ich meine da steht was über rotbunte Borten drin, mit denen die Germaninnen ihre Kleidung schmücken. Frag mich aber nicht, auf welches Jahrhundert oder welche Germaninnen sich das bezieht.
Gibt es denn Belege für Ziernähte? Borten sind halt praktisch, weil sie die Ränder stabilisieren und ein Kleidungsstück haltbarer machen.

Grüßle,
Regilla
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Beitragvon Lise » 09.08.2011, 18:02

Hey Regilla,

in die quellen zu gucken ist ja immer eine ganz gute Idee, aber leider meist nicht so ergibtig wie man sich das vorstellt.
Es kann also ganz gut sein, dass da drin steht "die Frauen der germen trugen rötliche Borten an dem Kleidern"... und das wars dann an Info. die alten Schreiber hatte ja meist andere Schwerpunkte bei ihren Aufzeichnungen.
Also schau rein, wunder dich aber nicht, wenn du nix weiter findest... den Effekt hatte ich auch schon immermal.

@Kattugla: ich komme leider mit google books nicht klar, aber ich hätte noch ein Literaturtipp für dich, wo du Glück haben könntest: Realenzyklopädie der Germanischen Altertumskunde, Johannes Hoops (Hrsg.)
Das sind sehr viele Bände, die Artikel sind sehr fundiert (Standartwerk für Archäologiestudenten) und die haben immer viel Literaturangaben. Vielleicht findest du das ja irgendwo online oder in einer Unibibo oder so...

PS.: bei wikipedia gibts eine Schlagwortliste als PDF. Solltest du gar nicht fündig werden husch ich auch schnell nochmal in die Bibo und kopier die entsprechenden Artikel. Wäre kein Ding :-)
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Beitragvon Kattugla » 09.08.2011, 18:38

Mädels, Ihr seid toll.

@Lise: da hast Du grad meinen Jagdinstinkt geweckt, ich guck mal, ob ich klarkomme, falls ich verzweifel, meld ich mich nochmal bei Dir. :blush:

@wetterleuchten und @Regilla: da fragst Du was. Ich stelle gerade fest, dass ich mit meinen Ziernähten auch nur dem allgemeinen gallogermanorömischen Herdentrieb unter den Reenactors gefolgt bin... :gruebel:
Ich meine mich aber zu erinnern, im Archäologischen Museum in FFM auch sowas in der Richtung gesehen zu haben: Halsausschnitt und Ärmelsäume mit einfachem kleinen Heftstich mit farbiger Wolle verziert... eijeijei... meinen Spekulatius pack ich dann mal auch wieder so lange ein, bis ich weiss, woher ich meine das zu wissen. :blush:

@Sandra: den Thread hatte ich nicht gefunden, danke! Nee, ein unbedingtes Muss sind Brettchenborten nicht (sooo scharf bin ich auf meterweise Weberei nu' auch wieder nicht, scheinbar war ich auch in einem früheren Leben schonmal so schlau, mir die passende Inkarnation auszusuchen :biggrin: ). Ich bin halt nur manchmal ein bissel neidisch auf die Hallstattmädels auf den Märkten... :-)

@Draca: auch die Wetterau ist keltisches "Kerngebiet", nur eben genauso ein paar hundert Jahre früher. Der Glaubergfürst sah wohl auch ein wenig bunter aus als seine Nachfahren. Die Chatten beschreibt ja selbst Tacitus schon fast so, dass man rein vom Äußeren her eine genaue Abgrenzung zu dem, was als "typisch keltisch" gilt, nicht treffen kann. Tacitus war halt auch nur Römer. *g*

Mich erinnert halt dieser ästhetische Geschichtsknick in Mitteleuropa so ein bisschen an die Delle, die die Völkerwanderungszeit in Europa hinterlassen hat, ist schon komisch das Ganze. Zumal Schmuck und Fibeln aus der Zeit (also bei de Römers) ja alles andere als bescheiden daherkommen, wenn ich mich so an die Saalburgfunde und das, was bei uns in Butzbach oder in Mainz und Eschersheim ausgebuddelt wurde, erinnere.
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Beitragvon Kara » 09.08.2011, 20:07

Hello,

Taschenbuch: 232 Seiten
Verlag: Cambridge University Press; Auflage: 1 (29. Januar 2009)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 0521100518
ISBN-13: 978-05211005

Du wirst hier einige Berichte auch über Brettchenborten finden, aber ofter nur für den Rand.....
greetings Kara


Fehler sind wie Berge, man steht auf dem Gipfel seiner eigenen und redet über die der anderen. Hausa

Neid und Missgunst sind das höchste der Anerkennung für den anderen.
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